Grasberger Bürgermeisterin über Erdgassuche

Schorfmann: „Ich habe die Bürger zu vertreten“

Das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie hat der Dea erlaubt, weiter nach Erdgas zu suchen. Grasbergs Bürgermeisterin Marion Schorfmann fordert, dass die Sorgen der Menschen stärker Gehör finden.
15.08.2019, 07:30
Lesedauer: 5 Min
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Von Undine Mader

Was war Ihr erster Gedanke, als sie von der Verlängerung der Aufsuchungserlaubnis für Erdgas durch das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) gehört haben?

Marion Schorfmann: Das ging ja sehr schnell. Ich habe durchaus damit gerechnet, weil die Dea angekündigt hat, dass die Erlaubnis neu beantragt wird. Und vom Landesamt haben wir immer übermittelt bekommen, dass einer Verlängerung auch rechtlich nichts im Wege stünde.

Hatten Sie sich schon darauf vorbereitet?

Ich hätte mir gewünscht, dass es dazu auf irgendeiner Ebene auch noch mal eine Diskussion gibt, dass es noch mal thematisiert wird. Ich fand das auch sehr bezeichnend, dass zeitgleich der Bericht über Lagerstättenwasser im Grundwasser in Emlichheim ist. Da geht es zwar nicht um Erdgas, sondern um Erdölförderung. Aber das, was von den Menschen als bedenklich vorgetragen wurde und wie sicher Förderung eigentlich ist, stellt sich damit wieder infrage.

Was bedeutet diese Verlängerung der Aufsuchungserlaubnis für Grasberg?

Dass wir wieder darauf warten, dass ein nächster Antrag auf Messungen kommt. Und dann bin ich gespannt, ob man auf anderen Ebenen in der Politik vielleicht doch mal Überlegungen anstellt, wie man damit umgehen muss oder sollte. Oder ob es nicht auf anderer Ebene Gespräche geben kann mit den Unternehmen, die diese Suche vornehmen, ob das noch die Technologie der Zukunft ist. Und ob das wirklich erforderlich ist angesichts der Risiken. Im Moment haben wir das Gefühl, die Unternehmen setzen das durch und nicht die Politik.

Das sagt eine Politikerin?

Ich glaube, das Gefühl haben hier ganz viele. Dass es ein Recht darauf gibt und das wird momentan durchgesetzt. Von den Menschen wird aber danach gefragt: Wer hält jetzt auch mal dagegen?

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Verstehen Sie sich als Bürgermeisterin als Fürsprecherin ihrer Gemeinde?

Es ist selbstverständlich meine Aufgabe, dass ich auch rüberbringe, wie die Menschen sich hier fühlen und welche Meinung sie dazu haben. Sicherlich ist der Verwaltungsakt, Stellungnahme, Beteiligung das eine, aber die Kehrseite der Medaille ist, ich habe eben auch die Bürgerinnen und Bürger mit ihren Sorgen um ihre Heimat zu vertreten, und vielleicht auch ihre Angst vor Beben oder möglichen anderen Auswirkungen. Noch 20 Jahre nach dem Ende der Erdgasförderung kann es Beben geben, das hat Andreas Sikorski, der Leiter des LBEG beim NDR gesagt. Ich frage mich nur, wenn man weiß, dass das solche Probleme verursacht, wie kann man dann noch neue Genehmigungen ausstellen. Dass man vielleicht bisher gesagt hat, wir brauchen das als Brückentechnologie und das ist halbwegs sicher, mag in Ordnung sein. Dafür hat er auch genügend Belege. Aber inzwischen hat er auch Belege über die erhöhte Krebsrate in Bothel und über Erdbeben. Das muss berücksichtigt werden für zukünftige Entscheidungen. Aber ich sehe gerade nicht, dass das getan wird. Die Verlängerung der Aufsuchungserlaubnis war eine reine Formalie. Da frage ich mich schon, in welchem Teil des Verfahrens wird das berücksichtigt? Hier offensichtlich nicht, das war eine halbseitige Genehmigung, da stand davon nichts drin.

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Wissen Sie eigentlich, wie groß das hiesige Erdgasfeld sein könnte?

Im alten Antrag der Dea stand drin, dass die gesicherten Reserven der gesamten Bundesrepublik bei 37,12 Milliarden Kubikmeter liegen und nach derzeitiger Einschätzung liege das Potenzial im Untersuchungsgebiet bei 20 Milliarden Kubikmeter. Hier in den Sitzungen haben sie aber immer gesagt, sie wissen nicht, ob hier überhaupt was zu holen ist. Da müsste man mal offen legen, wie sie das überhaupt berechnet haben. Und wenn sie das so genau berechnen können, dann müssten sie auch schon relativ genau wissen, wo das Feld zu finden ist. Auch da blieben sie uns die Antwort schuldig.

Auf welcher Ebene könnte denn Ihr Widerstand gegen die Erdgassuche ansetzen?

Die Politik auf dieser Ebene ist gefragt, mal eine Ebene höher anzuklopfen und darauf aufmerksam zu machen: Hier haben die Menschen auch einen Willen, eine Meinung und das sollte man nicht ignorieren. Wir erwarten jetzt, dass man auf anderer Ebene mit uns ins Gespräch kommt.

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Was tut die Grasberger Verwaltung aktuell?

Wir haben den Kontakt zu anderen Verwaltungen und Bürgermeistern aufgenommen, um uns abzustimmen und zu überlegen, wo wir vielleicht gemeinsam Gehör finden können. Und ich werde im September noch mal Gelegenheit haben, in der Landespolitik nachzuhaken. Dass Bundestags- und Landtagsabgeordnete eine Meinung haben und kundtun ist das eine, aber es wäre schön, wenn man merkt, dass es auch in den Ministerien ankommt und eine Rückmeldung dazu gibt.

Können Sie sich vorstellen, dass die Erdgasthematik die nächsten Kommunalwahlen in der Region beeinflussen könnte?

Die sind keine zweieinhalb Jahre hin. Da wird die Thematik mit Sicherheit Einfluss haben. Dann sind Gemeinderäte zu wählen, dann sind Kreistage zu wählen. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Menschen, die ein Interesse haben, das Thema voranzubringen, sicherlich Gehör finden.

Kann im Umkehrschluss durch diese Situation bei den Menschen ein Gefühl von Politikverdrossenheit entstehen?

Vielleicht eher eine Verdrossenheit gegenüber denjenigen, die auf diese Technologie setzten. Wenn man bedenkt, in anderen Nationen überlegen Firmen, ob sie große Windkrafträder in der Nordsee bauen gleich mit einer kleinen Insel dabei für größere Tanks für die Erzeugung von Wasserstoff und das dann transportieren wollen. Das ist eine andere Art der Energiegewinnung, die man für die Zukunft nutzen kann. Die Frage, die die Menschen stellen, lautet: Wenn jetzt schon gesagt wird, Erdgas ist eine Übergangstechnologie, kann man diesen Übergang nicht noch verkürzen oder schneller zu einer klügeren anderen Technologie kommen?

Wie stehen Sie persönlich zur Erdgasförderung?

Ich habe auch eine Erdgasheizung. Erdgas wird natürlich auch in anderen Bereichen dieser Erde gefördert und kommt dann über große Leitungen bei uns an. Auch da wird es in irgendeiner Form ein Risiko geben, ja. Aber das ist Struktur, die schon vorhanden ist. Ich frage mich nur, ob man die vorhandenen Strukturen nicht auch anders nutzen kann, statt die nächsten Löcher zu bohren. Auch neue Technologien bergen Risiken, das ist klar. Aber wenn man auch auf eine andere Energieform setzen kann, die es irgendwann geben wird und auf die man wartet, warum soll man das nicht beschleunigen. Ich kann mir schon vorstellen, dass die Menschen hier in der Region wirklich die Erwartung haben, jetzt geht doch mal 'nen Schritt voran. Im Moment hat man aber das Gefühl, es treten alle auf der Stelle.

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Wo will Grasberg in Sachen Erdgasförderung hin?

Ich würde gerne unsere Heimat so erhalten wissen, wie sie zurzeit ist. Und nicht dieses ungute Gefühl haben, dass die Menschen sagen: Wenn es Beben gibt, was ist mit meinem Haus? Will ich hier eigentlich noch bleiben oder muss ich woanders hinziehen? Das hat schon Auswirkungen auf diejenigen, die hier sind und auf diejenigen, die sonst vielleicht hierbleiben würden. Oder auf diejenigen, die überlegen, ob sie in unsere Gegend ziehen. Das kann es eigentlich nicht sein. Wir haben hier unsere Infrastruktur, die wollen wir auch gerne so behalten und wir möchten nicht zu einer Region gehören, wo man dann vielleicht sagt: Da ist Erdgas, da bleib mal lieber weg. Ich möchte, dass wir uns hier wohlfühlen.

Das Gespräch führte Undine Mader.

Info

Zur Person

Marion Schorfmann (50) ist seit 2006 hauptamtliche Bürgermeisterin in Grasberg.

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