Grasberger Bürger gegen Gewerbegebiet

Nah am Wasser gebaut

Anwohner des Wiesendamms in Grasberg wollen das geplante Gewerbegebiet an der Wörpedorfer Straße verhindern. Sie sorgen sich vor einem Hochwasser. Es wäre nicht das erste.
06.02.2021, 13:00
Lesedauer: 5 Min
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Nah am Wasser gebaut
Von André Fesser
Nah am Wasser gebaut

Egbert Petschke steht am Ufer der Wörpe und hält ein Foto in der Hand, das die Überflutung vor einigen Jahren zeigt.

CARMEN JASPERSEN

Grasberg. Wenn die Menschen am Wiesendamm mal ans Wasser wollen, dann ist der Weg nicht weit. Egbert Petschke zum Beispiel muss von seiner Terrasse aus nur ein paar Meter durch den Garten gehen, um ans Ufer der Wörpe zu gelangen. Vordergründig betrachtet ist die Nähe zum Flüsschen für den Grasberger und seine Nachbarn ein Gewinn. Wer sonst hat schon die Möglichkeit, direkt am Wasser leben zu können? Einige der Anwohner treibt aber die Sorge um, dass es zu viel Wasser werden könnte – dass das Flüsschen zum Fluss wird und ihnen die Häuser kaputt macht.

Denn Hochwasser hat es in dieser Gegend schon mal gegeben. Vor zwanzig Jahren war das und Martina Hartmann, mit Petschke verheiratet und seit 1984 am Wiesendamm zu Hause, hat sogar noch Fotos davon. Auch Petra Mirsanaye, die ein paar Hausnummern weiter lebt und an diesem Tag bei Hartmann und Petschke im Garten steht, erinnert sich an die Tage, als das Wasser kam und man die Feuerwehr um Sandsäcke bat, um die Keller zu schützen. All das könnte wieder passieren, sagen die Drei. Weil der Klimawandel voranschreitet und Starkregenereignisse womöglich zunehmen werden.

Die drei Wiesendammer engagieren sich in der kürzlich gegründeten Bürgerinitiative (BI) Lebensraum Grasberg. Ein mögliches Hochwasser und dessen Folgen sind nicht das einzige Thema, mit dem sich die BI beschäftigen will. Vielmehr wollen sich die bislang rund 20 Mitglieder um die Ortsentwicklung in Gänze kümmern. Am Wasser und den Gefahren, die von ihm ausgehen, machen die Engagierten aber ihren Protest gegen das Gewerbegebiet fest, das nach Wunsch der Gemeinde auf der anderen Wörpe-Seite entstehen soll, nur ein paar Meter von den Häusern am Wiesendamm entfernt.

Versickerungsflächen gehen verloren

Die Anwohner befürchten nämlich, dass das Risiko für Hochwasser-Ereignisse und damit verbundene Folgeschäden auf ihrer Wörpe-Seite durch die Schaffung des Gewerbegebiets steigt. Denn bevor sich dort zwischen der Wörpedorfer Straße und dem kleinen Fluss Unternehmen ansiedeln können, würde der Boden wohl aufgeschüttet und versiegelt werden. Damit gingen Versickerungsflächen verloren, und das Oberflächenwasser müsste sich einen anderen Weg suchen. Es ist vor allem diese Sorge, die sie beschäftigt, sagt Petra Mirsanaye: „Uns wird immer unterstellt, uns würde es hier um unsere Aussicht gehen. Aber das ist nicht so“, betont sie. Und auch Egbert Petschke macht deutlich, dass es ihm und den anderen keinesfalls darum geht, die Ortsentwicklung zu verhindern. „Grasberg braucht ein Gewerbegebiet“, sagt er. Die Menschen wollten Kitas, Schulen, Straßen – und das müsse ja auch bezahlt werden. Allerdings stellen seine Mitstreiter und er infrage, dass die neuen Flächen unbedingt an der Wörpedorfer Straße entstehen müssen.

Das Hochwasser sei einer der zentralen Aspekte, der gegen das Projekt spreche. Schon jetzt ströme das Wasser bei Starkregen durch die Gärten in die Wörpe. Versiegele man nun noch weitere Flächen auf der anderen Flussseite, verschärfe sich das Problem. „Die gesamte Problematik des Hochwasserschutzes wird verkannt“, schreibt Egbert Petschke in einer Stellungnahme und verweist auf den Meeresspiegelanstieg, die Notwendigkeit von Sperrwerken und die resultierende Aufstauung von Nebenflüssen.

Zwar haben Stefan Ritthaler aus der Spitze der Gemeindeverwaltung und Udo Lohreit vom Planungsbüro Instara jüngst bei einer Einwohnerversammlung betont, dass man die Menschen vom Wiesendamm vor dem Wasser schützen wolle. Reduziere man die sogenannten Retentionsflächen an der einen Stelle, müsste man sie an einer anderen Stelle neu schaffen, damit sich das Wasser ausbreiten kann, unterstrichen sie. Die Idee, ein mögliches Hochwasser schon flussaufwärts abzuleiten und damit gar nicht erst in den Ortskern gelangen zu lassen, klingt auch erst mal gut, vermag die BI-Vertreter aber nicht zu überzeugen. Denn vor dem Ort wären landwirtschaftlich genutzte Flächen betroffen, sagt Egbert Petschke. „Da würde sich die Landwirtschaftslobby schon regen.“

Gemeinde sagt Nein zum Ring

Nein, das Gewerbegebiet solle woanders entstehen. Am Wörpedorfer Ring zum Beispiel, wo es bereits allerhand Gewerbe gibt und der Flächennutzungsplan noch weitere Flächen für industrielle Anlagen und Gewerbe vorhält. Doch das lehnt die Gemeinde ab, nachdem Untersuchungen ergeben hatten, dass der Moorboden an dieser Stelle bis zu fünf Meter dick ist. Der Bodenaustausch wäre teuer, eine wirtschaftliche Erschließung nach Einschätzung des Rathauses nicht zu vertreten. Zumal mit dem Torfabbau auch ein CO2-Speicher verloren ginge. Daher haben die Grasberger Grünen im Gemeinderat beantragt, die Flächen umzuwidmen und aus dem Vorranggebiet für Gewerbe eine „klimaökologisch bedeutsame Fläche“ zu machen.

Dieser Antrag der Grünen, aber auch die Stellungnahmen der örtlichen CDU und der SPD, haben der Bürgerinitiative verdeutlicht, wie allein sie gerade ist. Die drei Ratsfraktionen stehen dem Plan der Verwaltung, das Gewerbegebiet an der Wörpedorfer Straße schaffen zu wollen, wohlgesonnen gegenüber. So werde man das Verfahren wohl kaum aufhalten könnten, sagt Egbert Petschke: „Mit 220 Unterschriften“ – so viele hatte die Bürgerinitiative kürzlich der Bürgermeisterin überreicht – „kann man die Gemeinde nicht beeindrucken.“ Seine Hoffnung ist, dass das Planungsamt des Landkreises auf die Einhaltung des geltenden Raumordnungsprogramms pocht und eine Gewerbeansiedlung an dieser Stelle nicht zulässt.

Und dass es weitere Grasberger gibt, die sich der Bürgerinitiative anschließen, um sich für die Ortsentwicklung einzusetzen. Sollte es die Pandemie zulassen, wolle man von Tür zu Tür gehen und für eine Mitarbeit werben, kündigt Petra Mirsanaye an. Schon bald soll es eine Internetseite geben.

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Zur Sache

Grasberg will vom Plan abweichen

Die Hoffnung der Gegner des Gewerbegebiets an der Wörpedorfer Straße ruht auf dem geltenden Regionalen Raumordnungsprogramm (RROP). Mit dem RROP legt der Landkreis die angestrebte räumliche und strukturelle Entwicklung für ein Gebiet in seinen Grundzügen fest. Schon vor zwei Jahren war festgelegt worden, dass das RROP im Landkreis Osterholz neu aufgestellt werden soll. Bislang ist das aber noch nicht geschehen, weswegen die Bürgerinitiative Lebensraum Grasberg darauf hinweist, dass das Gewerbegebiet an der Wörpedorfer Straße in einem „Vorranggebiet für ruhige Erholung in Natur und Landschaft“ und zugleich außerhalb des zentralen Siedlungsgebietes entstehen soll. Daher sei es grundsätzlich nicht zulässig. Darauf hat die BI nach eigenen Angaben auch das Planungsamt beim Landkreis Osterholz hingewiesen.

Der Gemeinde Grasberg sind die Bestimmungen des RROP bekannt. Daher hat sie einen Antrag auf Zielabweichung beim Planungsamt hinterlegt, um in dem Gebiet, das für derartige Aktivitäten gar nicht vorgesehen ist, ein Gewerbegebiet schaffen zu können. Im Zuge der Neuaufstellung des RROP will die Verwaltung sowieso darauf hinwirken, das zentrale Siedlungsgebiet und somit auch die Möglichkeit zur Schaffung von Gewerbeflächen zu erweitern. Bis es so weit ist und das neue RROP vorliegt, bedarf es aber der Zustimmung des Landkreises, von den geltenden Zielen abweichen zu dürfen.

Stefan Ritthaler, Allgemeiner Vertreter der Grasberger Bürgermeisterin, zeigte sich auf Nachfrage zuversichtlich, die Genehmigung zu erhalten. So habe man sich über Voranfragen beim Ministerium und bei der Raumordnungsbehörde in Lüneburg rückversichert, ob der Antrag auf Zielabweichung Erfolgsaussichten habe. Und sollte das Vorhaben doch scheitern, würde das Gebiet an der Wörpedorfer Straße im Zuge der Neuaufstellung des Regionalen Raumordnungsprogramms umgewidmet. Dann komme die Entscheidung eben erst ein Jahr später, sagt Ritthaler, der aber keinen Zweifel hat, wie die Zukunft an der Wörpe aussieht: „Diese Fläche wird Gewerbegebiet.“

Die Landkreisverwaltung bestätigte auf Nachfrage, dass der Antrag auf Zielabweichung im Kreishaus eingegangen ist. Man gehe davon aus, „dass eine abschließende Bearbeitung des Antrages im zweiten Quartal möglich sein wird“, teilt eine Sprecherin mit. Nach ihren Angaben ist der Antrag auf Zielabweichung vom RROP aus Grasberg übrigens der erste, der den Landkreis bislang erreicht hat.

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