Grasberg will Touristen anlocken

Urlaub vor der eigenen Haustür

Regional Urlaub machen spart Zeit, Nerven und CO2-Emissionen. Die Vorsitzende des Land-Touristik-Verbandes Niedersachsen, Martina Warnken, hat zwei Tiny-Houses bauen lassen und wirbt für Reisen in der Region.
13.09.2021, 10:00
Lesedauer: 4 Min
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Urlaub vor der eigenen Haustür
Von Petra Scheller

Grasberg/Landkreis Osterholz. Urlaub vor der eigenen Haustür spart Zeit, Nerven – und CO2-Emissionen. In Grasberg beschäftigt man sich gerade mit dem Trend. "Wir könnten im Bereich Tourismus noch mehr tun", sagt Stefan Ritthaler. Der stellvertretende Verwaltungschef ist zuständig für Planung und Infrastruktur. Gerade ist er mit einer Beraterin für Erlebnis-Pädagogik unterwegs. "Wir sind für neue Wege offen", sagt der Strukturplaner. Die Gemeinde liege sehr verkehrsgünstig zwischen den touristischen Hochburgen Bremen, Worpswede und Fischerhude und habe Potenzial.

Das sieht auch Martina Warnken, Ferienhof-Chefin in Huxfeld und Vorsitzende des Land-Touristik-Verbandes Niedersachsen, so. "Ich zeige Gästen gern die Schokoladenseiten unserer Region", sagt Warnken. "Wer kennt schon den Moorlehrpfad in Tüschendorf? Den Hamme-Strand oder die Ohlenstedter Quellseen? Wir haben hier viel zu bieten – auch wenn wir vielleicht touristisch in der zweiten oder dritten Reihe stehen – von Grasberg aus kommt man überall gut hin", sagt die innovative Betriebschefin.

Gerade hat sie zwei Tiny Houses für Feriengäste eingerichtet. Kuhni und Moritz sind zwei winzige Häuser, die idyllisch mit Blick auf die Pferdekoppel am Rande des Huxfeldhofes stehen. Der Bau- und Planungsausschuss der Gemeinde billigte das Vorhaben vor genau einem Jahr einstimmig. Die gut 20 Quadratmeter kleinen Ferienhäuser sind insbesondere für Fahrradtouristen interessant, sagt Warnken. Die Nachfrage sei riesig. Am 15. September wollen die ersten Gäste kommen.

"Tiny" lässt sich mit "winzig" übersetzen – dabei handelt es sich um kleine Kompaktbauten. In Huxfeld können pro Haus bis zu vier Personen unterkommen. Doch zuvor musste das Baurecht geändert werden, denn die Häuser wichen von den Festsetzungen des geltenden Bebauungsplans ab, berichtet die Eigentümerin.

Runde durch den Kuhstall

Warnken hat einen langen Atem. Ihr Ziel ist es, irgendwann auch ein Wellness-Angebot für die Gäste bereitzustellen. "Alles Schritt für Schritt." Sie wolle ihr Angebot für Übernachtungen zukünftig ausbauen. Dazu lässt sich die Grasbergerin einiges einfallen. Inzwischen bietet sie so etwas wie Club-Urlaub an – "nur regionaler", sagt die gelernte Arzthelferin.

Morgens striegelt sie mit Gästen die Pferde, wer früher aufstehen will, kann mit ihrem Mann, dem Kreislandwirt Stephan Warnken, eine Runde durch den Kuhstall drehen. "Das Ganze ist auch eine Arbeitserleichterung für uns – die Gäste helfen auf dem Hof. Das ist für beide Seiten ein Gewinn."

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Außen Holz, innen hell – die neuen Ferienhausquartiere mit Stehtisch, Barhockern und Küchenzeile sind minimalistisch eingerichtet. Trotzdem wollte Warnken auf regionale Details nicht verzichten. Die Hochebene zum Schlafen ist mit einer Trennwand versehen, auf der Kuhflecken ausgestanzt sind. Das Nachbarhaus ist mit einem Torfkahn verziert. Die Häuser wurden in Achim von einer kleinen Tischlerei gefertigt. "Mir ist das wichtig, dass wir wirklich regional handeln", unterstreicht die Ferienhausanbieterin.

Gefördert wurde der Bau der Häuser vom Land Niedersaschen und vom Bund im Rahmen der sogenannten "Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes" (GAK) Damit werden Tourismusprojekte in ländlichen Gebieten unterstützt. Ziel ist es dabei, sie als Erholungs-, Freizeit- und Naturräume zu sichern und zu entwickeln.

Idee liegt im Trend

Der stellvertretende Verwaltungschef Ritthaler kann sich vorstellen, dass die Förderung für so einige Grasberger interessant ist. "Wir sind für Touristen aus Bremen und dem Umland sehr gut zu erreichen, erst recht seit viele Menschen auf das E-Bike umgestiegen sind", räumt er ein.

Der Landkreis wolle indes zukünftig verstärkt die Modernisierung des Radwegenetzes in den Fokus nehmen. "Nicht verschweigen darf man aber, dass die allermeisten Maßnahmen Geld und Zeit kosten werden", sagt Ritthaler. "Beides Ressourcen, die bei uns endlich sind."

Dass Martina Warnken mit ihren Ideen im Trend ist, erklärt auch die „Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen“ (FUR) in Kiel. Deutschland sei schon lange das beliebteste Urlaubsziel der Deutschen. Schon 2019 führten 26 Prozent der längeren Ferienfahrten ins Inland. "Warum nicht auch nach Grasberg?", fragt Warnken.

Zur Sache

Antragsstichtag für Fördermittel

Das Land Niedersachsen fördert ländlichen Tourismus auch mit Bundesmitteln. Zuwendungsfähig sind Ausgaben für Investitionen in Freizeitinfrastruktur, Fremdenverkehrsinformationen und Ausschilderungen sowie die Umnutzung ungenutzter Bausubstanz.

Gemeinden und Gemeindeverbände aber auch Personen können davon profitieren. Die Förderung von Projekten erfolgt unter Beachtung eines Bewertungsschemas, welches beim Landwirtschaftsministerium frei zugänglich ist unter www.ml.niedersachsen.de.

Der Antragsstichtag ist beim Amt für regionale Landesentwicklung jährlich der 15. September. In der Regel erfolgt dann im Frühjahr des nächsten Jahres die Entscheidung, ob das Projekt bewilligt wird.

Das Regionalmanagement im Amt für Kreisentwicklung des Landkreises Osterholz berät Interessenten zum Förderprogramm telefonisch unter 04791/ 930 34 22.

Häuser aus heimischen Gräsern

Der 2019 gegründete Verein "Übermoorgen" hat ein Konzept für nachhaltige Tiny Houses auf dem Worpsweder Dorfplatz vorgestellt. Der Worpsweder Verein hatte die Entwickler eines sogenannten Paludi-Hauses eingeladen, diese Bauweise zu erklären. Paludicultur ist die landwirtschaftliche Nutzung durch sogenannte Moorklimawirte von Rohstoffen auf wiedervernässten Moorböden. Das zum Teil aus Gräsern aus der Region hergestellte, rollende Haus tourt zurzeit durch Norddeutschland und machte nun Station an der Bergstraße. Besucher konnten die unterschiedlichen Materialien und ihre Möglichkeiten in dem kleinen Haus erleben. Auch die Biologische Station Osterholz war vor Ort und hat das Ausmaß der CO2-Freisetzung durch Moore bei unterschiedlicher Nutzung (Maisacker, nasses Grünland, intaktes Moor) demonstriert. Ein Teil der Rohprodukte für den Bau des Tiny Houses kommen aus dem Teufelsmoor und wurden vom Landvolk Kreisverband Osterholz vorgestellt. Der Verband informierte über seine Arbeit in der Landschaftspflege, Pelletierung von Naturschutz-Heu, dem Projekt „Moorland“ des BUND sowie über die Arbeit und Möglichkeiten von Moorklimawirten.

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