Grasberger Herbstateliers

Wenn die orangen Fahnen wehen

Zu den siebten Grasberger Herbstateliers öffneten elf Künstler und Kunsthandwerker ihre Türen und ließen sich von den Besuchern über die Schultern gucken.
23.09.2018, 19:31
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Von Sabine von der Decken
Wenn die orangen Fahnen wehen

Dagmar Baars zeigte den Besuchern in ihrem Atelier, wie Glasränder mit Kupferfolie umlegt werden.

Sabine von der Decken

Grasberg. Wenn die orangefarbenen Fahnen am Straßenrand wehen und der kalendarische Herbstanfang in greifbare Nähe kommt, ist wieder die Zeit gekommen, dass die Grasberger Künstler und Kunstschaffenden ihre Ateliers öffneten. Elf Grasberger „Kunstwerker“, wie sich die Künstler und Kunsthandwerker nennen, luden am Wochenende ein zu persönlichen Gesprächen, dem Blick über die Schulter und zum Schnuppern von Arbeitsatmosphäre. Bei der Routenplanung stand auch diesmal wieder der Flyer Kunstinteressierten hilfreich zur Seite.

Der Weg führte in einen Teil Grasbergs, in dem Kunst nicht unbedingt zu Hause ist. Im Gewerbegebiet Am Langenmoor hatte Annette Bußfeld die Türen ihres Ateliers B weit geöffnet. Noch vor Betreten der großen Werkhalle passierten die Besucher das Steinlager der Bildhauerin. Für die Grasberger Herbstateliers gruppierte die Bildhauerin und Dozentin ihre Skulpturen locker in dem 100 Quadratmetergroßen Raum, der im Künstleralltag Werkstatt und Unterrichtsort ist. Da gibt es eine „afrikanische“ Seite und den Themenschwerpunkt Tiere, auch afrikanischer Herkunft. Denn Afrika ist neben Stein und Holz eine ihrer Leidenschaften.

Stein und Holz sind ihre Lieblingsmaterialien. Und es ist der „Mut zur Lücke“, wenn Annette Bußfeld Trocknungsrisse im Holz lieber mit Gold oder Zinn prominent ausfüllt, als sie zu kaschieren. Denn die Größe ihrer Holzskulpturen fordert Tribut. Erst seit Umzug ihres Ateliers von Worpswede nach Grasberg kann sie in solch großen Dimensionen arbeiten. Serpentin ist ihr erklärter Lieblingsstein. Marmor möge sie überhaupt nicht, sagte sie, denn der springe aufgrund seiner kristallinen Struktur und verursache Verletzungen bei der Verarbeitung. “Farbe schluckt Form“, noch so eine klare Feststellung, die sie freundlich lächelnd ausspricht. Auch darum schlägt ihr Herz für den schwarzen, harten Stein. „Ich kann weichen Stein nicht leiden“, sagt sie mit spürbarer Überzeugung.

Seit 20 Jahren ist die Bildhauerin im Umgang mit Stein erprobt, da kann ihr niemand etwas vormachen. „Es muss springen, es muss weg fliegen, man muss sich klar konzentrieren darauf, was weg soll“, beschrieb sie ihren Bildhaueralltag. Manchmal müsse man das Konzept ändern, aber erst wenn eine halbe Tonne Stein abgesprungen ssei, bedeute es für sie und das Werkstück das Aus. Ihre Besucher durften während der Herbstateliers auf einen vor dem Steinlager aufgebauten Kalkstein schlagen, um dessen Festigkeit zu spüren. „Wer das erste Mal Stein bearbeitet, bei dem wächst die Achtung vor der Bildhauerei“, sagte Annette Bußfeld.

Wie sie waren auch Karl-Heinz Attenbrunner und Dagmar Baars in ihrem ersten Beruf im sozialen und therapeutischen Bereich tätig. Ihr Glasatelier lag ein wenig abseits vom Grasberger Zentrum in Neu-Dannenberg. „Uns muss man finden“, so Attenbrunner. Wie Bußfeld öffneten sie zum zweiten Mal die Tür zu ihrem Arbeitsplatz während der Herbstateliers. „Das Interesse war da, das war toll“, begeisterten sich die Glaskünstler über die vielen an sie gerichteten Fragen der Besucher. Ein Fünflitereimer gefüllt mit bunten Glasscherben war es, der Karl-Heinz Attenbrunner zum Glas brachte. „Da war es um mich geschehen“, schilderte er seine Affinität zu dem Material. Farbe und die Historie des Glases waren es bei Dagmar Baars, die die Faszination ausmachten.

Das Glas, das Attenbrunner und Baars für ihre Objekte verwenden, ist trotz Bezeichnung „Antikglas“ nicht alt, darüber klärten sie die Atelierbesucher auf. Aber es werde wie im Mittelalter nach einem alten Verfahren mundgeblasen. Über jeden Einschluss, jede Schraffur freuen sie sich. Denn für die Profis sind diese „Fehler“ Qualitätsmerkmal. „Keine zwei Scheiben sind identisch, deshalb ist jedes unserer Stücke ein Unikat“, präzisierte Baars. Durch die Lufteinschlüsse breche sich das Licht ganz besonders. „Es hat eine Seele“, darin stimmten Karl-Heinz Attenbrunner und Dagmar Baars, die Glas- und Lichtobjekte fertigen, überein. „Selbermachen bedeutet zuviel Heftpflaster“, sagte der Glaskünstler an diesem Tag und erklärte damit, weshalb Besucher in ihrer Werkstatt nicht Hand anlegen durften. Aber er zeigte Besuchern mit dem Schneiden von Glas, Schleifen und Löten die ersten Schritte auf dem Weg zum Glasobjekt.

Die Teilnahme an den Grasberger Herbstateliers und die damit verbundene Vernetzung der Grasberger Kunsthandwerker und Künstler empfinden nicht nur Karl-Heinz Attenbrunner und Dagmar Baars als belebend für das eigene künstlerische Schaffen. Über das in Grasberg vorhandene künstlerische und kreative Potenzial sind sie sehr erstaunt und erfreut.

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