Geschäftsbericht Berauscht vom „Wundergras“

Es gab Leute, die sich aufs Feld geschlichen und sich die Rucksäcke vollgestopft haben. Sie dürften enttäuscht gewesen sein: Der in Hambergen angebaute Hanf dient einzig der Ölherstellung.
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Von Milena Schwoge

Hambergen. Meterhoch sprießen sie aus dem Boden und ziehen die Aufmerksamkeit des einen oder anderen irritierten Autofahrers auf sich, der beim Anblick der riesigen, grünen Pflanzen in Hambergen wohl gleich zwei Mal hinsieht. Ihr Erkennungszeichen: Die an eine Menschenhand erinnernden Blätter, bei denen sich fünf oder mehr Blättchen um ein sogenanntes Hauptblatt anordnen. Weltweit identifizieren Menschen anhand dieses Merkmals Cannabis. Viele bringen es intuitiv mit dem berauschenden Konsum von Hasch und Marihuana in Verbindung. Eine Beobachtung, die auch der Hamberger Landwirt Jan von Oehsen gemacht hat. „Im ersten Jahr war es sehr extrem. Da sind die Leute mit dem Rucksack zu den Feldern gefahren und haben sich eingedeckt. Einige haben sogar schon damit gedealt“, berichtet der Bio-Bauer.

Von Oehsen und die zwei konventionellen Samtgemeinde-Bauern Wolfgang Meyerhoff und Joachim Peper bauen auf insgesamt knapp 45,5 Hektar Nutzhanf zur Ölgewinnung an. Auch wenn dieser derselben Gattung angehört wie Cannabis: Es gibt wesentliche Unterschiede in der Zusammensetzung der Stoffe. Denn bei der in Hambergen angebauten, EU-zugelassenen Hanfsorte liegt der sogenannte THC-Gehalt – das Cannabinoid, das für die psychoaktive Wirkung sorgt – bei unter 0,2 Prozent. Der Rausch bleibt somit aus. „Von unserem Hanf könnte man noch so viel rauchen und man würde nichts merken“, stellt von Oehsen klar.

Doch auf das zum Verwechseln ähnliche Aussehen sei selbst die Polizei schon reingefallen. „Die Beamten waren scheinbar sehr irritiert, als sie eines der Hanffelder gesehen haben und wollten sichergehen, dass alles mit rechten Dingen zugeht“, sagt der Landwirt mit einem kleinen Schmunzeln. Um weiteren Verwirrungen und dem Rucksack-Klau bei Nacht und Nebel aus dem Weg zu gehen, haben die Bauern ein Schild am Wegesrand aufgestellt, auf dem die nicht vorhandene berauschende Wirkung des Hanfs hervorgehoben wird. Regelmäßig zum Blühbeginn kommt ein Angestellter des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) nach Hambergen, um den THC-Wert des Hanfs zu überprüfen und Proben zu ziehen. Wie der schwere Aktenordner auf dem Schreibtisch des Hamberger Landwirts zeigt, wird der Anbau von strengen Richtlinien und Kontrollen begleitet. Erst nach der Freigabe durch die Bundesopiumstelle darf jeweils im August die Ernte beginnen.

„Uns ist es wichtig, mit den Vorurteilen gegenüber Hanf aufzuräumen. Denn dahinter steckt eine der ältesten Kulturpflanzen“, sagt von Oehsen. Den insgesamt 330 Hektar großen Familienbetrieb führt er bereits in der vierten Generation. 2001 folgte die Umstellung auf den ökologischen Anbau. Mit der Hanfsaat angefangen hat von Oehsen 2016 auf einer 0,75 Hektar großen Versuchsfläche.Wegen der großen Nachfrage wurden daraus nur ein Jahr später bereits elf Hektar. Nun bewirtschaftet von Oehsen 32,5 Hektar mit dem Nutzhanf; die weiteren 13 Hektar gehören den anderen beiden Landwirten.

Die Idee zum Hanfanbau kam ihm zufällig vor drei Jahren auf dem Hamberger Weihnachtsmarkt, als er bei einem Glas Rotwein am Stand des Franzosen mit Arne Schwoge ins Gespräch kam. Schwoge ist bei der Bremer Firma Henry Lamotte Oils GmbH als Prokurist tätig, die aus dem Hanf Speiseöl herstellt. Das 1925 gegründete Unternehmen produziert neben verschiedenen Ölen auch Fette und Saatenmehle sowie Farb- und Aromastoffe, darunter mit etwa 90 Prozent überwiegend biologisch kontrollierte Produkte. Diese werden eigens für die Händler hergestellt und anschließend mit einem eigenen Markennamen versehen. Zu den Kunden des Unternehmens zählen neben dem pharmazeutischen Großhandel auch bekannte Supermarktketten. Als von Oehsen von Schwoges Interesse an Ölsamen erfuhr und dabei an seine eigenen Flächen dachte, seien sich beide schnell einig geworden. „Mich hat es gereizt, mal etwas Anderes zu probieren. Ich finde es gut, dass am Ende ein regionales Produkt steht“, sagt von Oehsen.

Zu den Hauptanbaugebieten von Nutzhanf zählen vor allem Asien, Amerika und Europa. Henry Lamotte Oils hat neben der Hamberger Saat auch mit Hanfsamen aus Kanada Erfahrung gesammelt. So vielfältig wie die Charaktereigenschaftes des Hanföls sind auch dessen Einsatzbereiche, die von der Kosmetik über die Lebensmittel- und Pharmaindustrie bis hin zur Technik und Tierpflege reichen. „Wir stellen aus der Saat ein hochwertiges Speiseöl her, das sich aufgrund des günstigen Fettsäureverhältnisses gut für die sogenannte Low-Carb-Ernährung eignet“, erklärt Schwoge. Zudem sei das Produkt reich an Vitamin E, ein Zellschutzvitamin, das oft als Jungbrunnen für die Haut bezeichnet wird. Schon früher galt Hanf als ein ökonomisch wichtiger Lieferant für Fasern, Nahrungsmittel und Medizin.

Das Wissen rund um „das andere Gras“ hat sich von Oehsen in einem Buch aus der Sammlung seines Großvaters angelesen. Datiert auf das Jahr 1949 beinhaltet der „Ratgeber für den praktischen Landwirt“ eine umfassende Anleitung zum Hanfanbau. Unter anderem werden darin der flexible und widerstandsfähige Charakter sowie die geringen Ansprüche an den Boden als Vorteile genannt. „Die Nutzpflanze ist sehr robust und bekämpft das Unkraut. Außerdem ist sie tolerant gegen Trockenheit“, lobt von Oehsen. Hinzu komme eine gute Vorfruchtwirkung, für die es jedoch in der Literatur bisher keine ausreichenden Beweise gebe. Der Hamberger Landwirt ist davon jedoch überzeugt. „Wir haben beobachtet, dass der Mais auf dem Feld, wo im Vorjahr Hanf angebaut wurde, viel kräftiger und grüner ist als auf den Flächen, auf denen vorher Getreide wuchs“, erklärt er.

Auch die anderen beiden Bauern, die ebenfalls Hanf zur Ölgewinnung anbauen, sind von dessen „Wunderkräften“ angetan. Selbst der Teil, der sonst meistens auf dem Misthaufen lande, könne noch verwertet werden. Aufgrund des hohen Eiweiß-Gehalts eigneten sich die Hanf-Überbleibsel gut als Kraftfutter. Zwei Nachteile habe die Nutzpflanze allerdings doch, auch wenn die aufgrund der überwiegenden Vorzüge von den Bauern in Kauf genommen werden. „Wir ernten mit dem Mähdrescher. Leider dreht sich der Hanf oft in die Antriebswellen ein und bleibt dabei manchmal wie ein Tau in der Maschine stecken“, erklärt von Oehsen. Zudem sei es wichtig, bei der Ernte schnell zu sein. „Der Hanf muss am besten direkt gereinigt und getrocknet werden, sonst verdirbt die Saat“, fügt der Bio-Bauer hinzu.

Die Hamberger Landwirte sind sich einig, dass das Potential der Nutzpflanze groß ist. Von Oehsen zufolge sei selbst das Hanfstroh zu schade zum Streuen. „Die Fäden sind sehr fein und könnten beispielsweise auch für die Herstellung von Klamotten oder Seilen benutzt werden“, wirft er ein. Das kann auch Schwoge bestätigen. In der Saatverarbeitung bei Henry Lamotte Oils, die insgesamt bei rund 8000 Tonnen liege, machten die Hanfsamen bisher zwar nur einen prozentual kleinen Anteil aus, doch das Projekt gewinne zunehmend an Bedeutung. Über 90 Prozent des Hanfs ließen sich komplett verarbeiten. „Wir sind zurzeit in Gesprächen mit Bremer Fachunternehmen, damit künftig auch die Fasern der Hanfpflanze verarbeitet werden können“, so Schwoge. Die Hamberger Landwirte freuen sich währenddessen über die hohe Nachfrage und das gelungene Zusammenspiel zwischen Industrie und Landwirtschaft. „Es ist wie ein schöner Traum, der wahr geworden ist“, freut sich von Oehsen.

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