Corona-Krise

Wie ein Hamberger Hausarzt für mehr Schutzkleidung kämpft

Ein Hausarzt aus Hambergen kämpft für mehr Schutzkleidung in den Praxen. Die Kampagne sorgt weltweit für Aufsehen. Über einen Arzt zwischen blankem Entsetzen und nacktem Protest.
02.05.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Wie ein Hamberger Hausarzt für mehr Schutzkleidung kämpft
Von Nico Schnurr
Wie ein Hamberger Hausarzt für mehr Schutzkleidung kämpft

„Die Politik liefert uns dem Virus schutzlos aus“, sagt Hausarzt Ruben Bernau, „dagegen müssen wir uns wehren.“

blankebedenken.org

Es ist ein sonniger Apriltag in Hambergen, als Ruben Bernau klar wird, dass ihm nur noch nackte Haut helfen kann. Etwas unwohl ist ihm schon, erinnert er sich, sonst müssen ja eher mal Patienten blankziehen, nicht der Hausarzt selbst. Aber was soll’s, ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Also tritt Bernau vor das Fachwerkhaus, in dem er seine Praxis hat. Er prüft noch, ob wer auf der Straße guckt, dann schält er sich aus seinen Klamotten, bis er bloß noch einen Hut trägt. Maske auf, Stethoskop umgehängt, kann losgehen. So warm ist es selbst in diesem ungewöhnlich warmen April nicht, dass Bernau in dieser Pose Stunden ausharren könnte, also fix ein paar Fotos geschossen: Der Doktor, wie er nackt vor seiner Praxis sitzt, das eine Bein aufs andere gelegt.

Einige Tage später landet das Bild vom nackten Herrn Bernau im Internet. Nicht aus Versehen, sondern als Teil einer Kampagne, die „Blanke Bedenken“ heißt. Erst machen zehn Hausärzte mit, dann folgen Dutzende. Sie wollen zeigen, wie schutzlos sie ohne Schutzausrüstung sind. Besonders dann, wenn sie ihre Patienten bald womöglich wieder in der Praxis krankschreiben müssen statt übers Telefon. Die Bilder gehen um die Welt. Und so bringt diese globale Seuche auch mit sich, dass die „New York Times“ ihren Lesern erklärt, warum ein Hausarzt aus dem Landkreis Osterholz nackt vor seiner Praxis sitzt.

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Auf der Homepage zur Aktion findet man einen Satz: „Wenn uns das Wenige, was wir haben, ausgeht, dann sehen wir so aus.“ Darunter stehen Fotos. Ein Arzt hat sich einen Zeitungsartikel an die nackte Brust geklebt, darauf sieht man einen grinsenden Gesundheitsminister. Daneben steht das Spahn-Zitat, Deutschland sei gut vorbereitet auf die Corona-Krise. Ein anderer Arzt, natürlich nackt, hält einen Totenschein in der Hand, auf seinem Schutzvisier prangt ein Wort: „Kanonenfutter“. Eine Ärztin verdeckt ihre Brüste mit einem Schild, auf dem steht: „Ich hab gelernt, Wunden zu nähen – warum muss ich jetzt Masken nähen können?“ Könnten Fotos sprechen, würden die Bilder der nackten Hausärzte einem die Botschaft ins Gesicht brüllen. Woher kommt die Wut?

Masken im Backofen

Ein Morgen Ende April, 8 Uhr. Anruf beim Arzt. Man erreicht Ruben Bernau, 44, zu Hause. Mit einer Stimme, die so euphorisch klingt, wie das nur bei Leuten möglich ist, die spüren, dass sie gerade Teil von etwas Größerem sind, erzählt der Hausarzt aus Hambergen los. Gleich wolle er sich in den Wagen setzen, die ersten Hausbesuche bei Patienten seit einer Weile. Er werde sich dafür eine Maske aufsetzen und einen Schutzanzug anziehen, anders gehe es nicht. Dass es überhaupt so gehe, habe er nicht dem Krisenmanagement der Bundesregierung zu verdanken, sondern vor allem seinem Einfallsreichtum.

Der Arzt am Telefon liefert nun seinen Lagebericht. Schon Anfang Februar sei die Ausrüstung überall knapp geworden. Als Hausarzt müsse er sich selbst um seine Schutzkleidung kümmern, und weil der Markt bald nichts mehr hergegeben habe, habe er erst mal alte Malerkittel umfunktioniert. Dann habe er im Baumarkt, Abteilung Motorsägen-Bedarf, ein paar Visiere besorgt. Einen Freund, Zimmermann von Beruf, habe er beauftragt, eine Plexiglasscheibe zu bearbeiten, die später am Tresen der Praxis gelandet sei, „als Sabberschutz“.

Die Landfrauen habe er gebeten, Masken für seine Praxis zu nähen. Und die Patienten habe er per Zeitungsanzeige aufgefordert, einige ihrer gehamsterten Masken abzugeben. Habe alles funktioniert. Aber weil das noch nicht reiche, sitze er jeden Abend vor seinem Ofen. Masken backen. Eine halbe Stunde bei 70 Grad. Danach könne er den Mundschutz noch mal nutzen. Manchmal werfe er sich in die Schutzmontur und empfange Patienten, die sich mit dem Virus infiziert haben könnten, im Garten hinter der Praxis, Nummer sicher. „Klingt vielleicht lustig“, sagt Bernau, „ist aber bitterer Ernst.“

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Bernau erzählt das alles dennoch, ohne dabei besonders frustriert zu klingen. Der Hausarzt will nicht wie ein Nörgler wirken. Bernau ist einer, der die Dinge selbst in die Hand nimmt. Als er das Gefühl hat, zu viele Patienten mit Corona-Verdacht könnten in seine Praxis kommen und das Personal anstecken, schließt er sich mit Kollegen zusammen und baut eine zentrale Corona-Teststation auf. Hunderte Abstriche hat Bernau inzwischen hinter sich, seine Praxis ist noch immer virusfrei. Er könnte zufrieden sein. Doch Bernau ist vor allem enttäuscht.

In Hambergen spricht nun jemand ein paar grundsätzliche Gedanken in sein Telefon. Er sei nicht bloß der nette Onkel mit den gelben Scheinen, sagt Bernau. Die Hausärzte seien die eigentliche Kraft im Kampf gegen das Virus. Dass sich die Krise in Deutschland noch in Grenzen halte und bislang viele Intensivbetten frei blieben, habe viel mit den Hausärzten zu tun. Und mit dem Risiko, dem sie sich aussetzten. Er mache das gerne, sagt Bernau, aber es ärgere ihn, dass die Politiker den Hausärzten nicht helfen würden. Keine Schutzausrüstung, nur ein paar nette Worte. Bloß ersetzten Sonntagsreden keine Masken.

Als Spahn im April auch noch überlegt, die telefonische Krankschreibung aufzuheben, versteht Bernau nichts mehr. Große Proteste überall, der Minister lenkt ein. Bei Anruf Attest, zumindest für zwei weitere Wochen. Im Mai wird neu verhandelt, auch weil Firmen befürchten, ihre Angestellten könnten die Regel ausnutzen. Absoluter Unsinn, findet Bernau. Man könne wegen der unbegründeten Angst von Arbeitgebern nicht Patienten und Personal in den Praxen gefährden. Der Hausarzt hat andere Sorgen. „Die Politik liefert uns dem Virus schutzlos aus“, sagt er, „dagegen müssen wir uns wehren.“

Sinnbild der deutschen Krise

Bloß wo protestiert man, wenn Protest auf der Straße in den meisten Bundesländern eingeschränkt ist? Im Internet, klar. Machen aber irgendwie alle gerade. Also auffallen und ausziehen, sagt Bernau. Beinahe beruhigende Erkenntnis in Wochen, in denen sonst nichts mehr normal läuft: Nackte Haut funktioniert immer, daran ändert auch ein Virus nichts. Es braucht nur ein paar Tage, dann ist die Kampagne der Hausärzte, die blankziehen, ein weltweites Thema.

Krisen werden in Bildern erinnert. Vom 11. September sind die Fernsehaufnahmen der einstürzenden Türme haften geblieben. Zur Flüchtlingskrise schießt vielen sofort das Bild des syrischen Jungen in den Kopf, der tot am türkischen Strand liegt. Auch nach Corona werden Bilder bleiben, anhand derer man versuchen wird, diesen Wahnsinn namens Pandemie zu verstehen. Zum Beispiel Italien: Singende Menschen auf Balkonen, eine Kolonne von Militärwagen, die Särge durch Bergamo fährt.

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Oder die USA: der verlassene Times Square in New York, ein Parkplatz in Las Vegas, auf dem Obdachlose ihre Schlafplätze mit aufgemalten Kästchen zugeteilt bekommen. Und in Deutschland? Viel fällt einem nicht ein, das weltweit erinnert werden könnte. Leere Klopapierregale vielleicht, mehr nicht. Man kann das als gutes Zeichen werten, weil es etwas über die Lage verrät, wenn denkwürdige Bilder ausbleiben. Ändert sich das nun? Die nackten Hausärzte als Sinnbild einer deutschen Krise, die bisher weniger an den Intensivbetten, sondern in den Praxen spielt?

Für einen Moment, sagt Bernau, habe er überlegt, ob er das wirklich bringen kann: nackt im Netz. Wer weiß, was die Patienten sagen. Oder seine Enkel irgendwann. Das Internet vergisst ja nicht. Ein unangenehmer Gedanke anfangs. Jetzt findet Bernau: Vielleicht gar nicht so schlecht, wenn die Bilder bleiben. Das nächste Virus kommt bestimmt. Kann nicht schaden, daran erinnert zu werden, was dann anders laufen muss.

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