Geschäftsbericht: Schornsteinfeger Der Handwerker mit dem Zylinder

Die schwarzen Männer und Frauen reinigen längst nicht nur Kamine. Ihr Beruf wird immer technischer und umfangreicher. Sie sind Berater und Prüfer.
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Von Peter von Döllen

Hambergen. Joachim Bruns öffnet seine schwarze Jacke und holt eine kleine Glücksfigur aus der Innentasche. „Die habe ich immer dabei“, erzählt Bruns. Immer noch gelten die schwarzen Handwerker als Glücksbringer. „Die Leute kommen immer noch zu uns, wenn sie uns sehen“, sagt Bruns lächelnd. Die einen klopfen auf die Schulter, andere wollen die Hand schütteln oder an einem der großen Knöpfe der Tracht drehen. „Das ist schön und wir freuen uns über diese nicht vergessene Tradition“, erzählt der Schornsteinfegermeister aus Hambergen. Es komme auch mal vor, dass er gebeten wird, einen Lottoschein für seine Kunden auszufüllen. Ob das Vorgehen ihnen tatsächlich Erfolg brachte, habe er aber nicht verfolgt.

Auch bei Hochzeiten sind Schornsteinfeger beliebt. „Wenn wir zufällig in der Nähe sind, dann machen wir auch mit“, eröffnet Joachim Bruns. Buchen lassen sich die schwarzen Männer dafür aber nicht. Das würde doch zu weit führen. Anspruch auf ein Spalier haben laut Bruns ohnehin nur Zunftkollegen, die heiraten. Seit einigen Jahren steht Bruns aber auch beim Neujahrsempfang der SPD Hambergen im Heimathaus in Ströhe und begrüßt die Gäste per Handschlag. Eigentlich war Bruns als Gast eingeladen. Irgendwann hat ihn die SPD gefragt, ob er nicht auch als Glücksboten agieren wolle.

Anfang 2001 übernahm Joachim Bruns den Kehrbezirk in Hambergen von einem Kollegen, der sich versetzen ließ. „Ich habe es weder beruflich noch privat bereut“, sagt Bruns. Dort wohnt er mit seiner Familie auch. Geboren wurde er aber 1964 in Platjenwerbe. Dort begann er 1980 die Lehre bei Detlef Giese und verbrachte bei ihm auch seine Gesellenzeit. Der Besuch des Schornsteinfegers in seinem Elternhaus habe sein Interesse an dem Beruf geweckt. Als 15-Jähriger schaute er ihm über die Schulter. „Das fand ich sehr interessant“, erinnert sich Bruns. Der Umgang mit Leuten und Technik war genau nach seinem Geschmack. Es folgten zwei Praktika und schließlich die Ausbildung. Im Mai 1987 machte Joachim Bruns seinen Meister und übernahm 1998 einen Kehrbezirk in Rotenburg.

Früher wurden diese regelmäßig so zugeschnitten, dass die Grundkosten, das Gehalt für einen Gesellen und ein fiktives A9-Gehalt für den Meister selber herauskamen. War das nicht der Fall, wurde der Bezirk vergrößert. Das ist heute nicht mehr der Fall – ein Kehrbezirk muss nicht mehr auskömmlich sein. Trotzdem komme man als selbstständiger Handwerker zurecht, versichert Joachim Bruns. Natürlich seien sie längst auch Kaufleute, die den Betrieb wirtschaftlich im Blick haben müssen. Die Bürokratie habe in seinem Beruf ebenfalls sehr zugenommen. Es gebe auch weitere Felder, in denen sich Schornsteinfeger betätigen können. „Ich mache viel im Bereich von Rauchmeldern und Energieausweisen.“ So seien die meisten Kollegen inzwischen auch Energieberater. Ein neues Betätigungsfeld könnte in Zukunft zudem die Wartung von Wohnraumlüftungsanlagen sein, wo jetzt die ersten Schulungen anlaufen. Man müsse früh die Weichen stellen und sich regelmäßig weiterbilden. Einen Mitarbeiter beschäftigt Joachim Bruns auch.

„Wir kümmern uns nicht nur um die Betriebs- und Brandsicherheit“, erläutert Bruns. Es geht darüber hinaus um den umweltschonenden Betrieb von Feuerstätten. Bruns: „Das ist inzwischen ein großes Paket.“ Entsprechend breit sei auch die Ausbildung aufgestellt. Einen großen Anteil nehme Physik und Chemie ein. Die Lehrlinge müssten die Grundlagen der Verbrennung kennen und wissen, was dort ablaufe. Und die Technik wird komplexer. Einen Auszubildenden hat Bruns derzeit nicht. Er habe aber schon ausgebildet. Und auch aktuell leiste er seinen Beitrag dazu – in Form einer Umlage zur Ausbildungsausgleichskasse. 95 Prozent seiner Kollegen in Deutschland seien in der Innung organisiert, die sich auch um die Aus- und Weiterbildung kümmert. „Das niedersächsische Schornsteinfegerhandwerk investiert gerade 25 Millionen Euro in eine neue Schule in Langenhagen bei Hannover“, berichtet Bruns. Sie soll den steigenden und geänderten Anforderungen gerecht werden. Einen großen Fachkräftemangel sieht Bruns in seinem Beruf noch nicht. Und die Frauenquote steige an.

Die Verknüpfung des Berufes mit Glück kommt vermutlich aus dem Mittelalter. Damals waren Schornsteinfeger auf Wanderschaft und reinigten die Kamine und Schornsteine. „Die kletterten richtig da rein und waren schwarz von Ruß“, berichtet Bruns. Die verrußten Anlagen waren sehr feueranfällig und zu damaligen Zeit waren ganze Siedlungen schnell abgebrannt. Die schwarzen Männer brachten also Sicherheit. „Ein Glück, dass der Schornsteinfeger da war“, sagten die Leute oft. Es gibt aber auch noch andere Deutungen. Die schwarzen Männer – Duschen gab es ja noch nicht – waren den Menschen auch ein wenig unheimlich. Pakte mit dem Teufel und mehr wurden ihnen nachgesagt. Das Gerücht, sie brächten Glück, war deshalb hilfreich. So waren sie in den Häusern doch willkommen. Ob es gezielt gestreut wurde oder zufällig entstand, ist nicht geklärt.

Es gibt ein weiteres „Markenzeichen“ der Schornsteinfeger: den schwarzen Zylinder. Früher durften in Deutschland nur Adelige einen Zylinder tragen. Schornsteinfeger gehörten damals zum Hofstaat. Vermutlich durften sie deshalb diese Kopfbedeckung ebenfalls aufsetzen, wenn sie mindestens Geselle waren. Der Zylinder soll auch Schutz beim Aussteigen aus dem Dach gewesen sein. Mancher nutzte ihn auch zum Verstauen von Utensilien, wird gesagt. Das ist heute nicht mehr der Fall. Trotzdem wird er immer noch stolz getragen.

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