Hoffnungsstifter Raus aus der Trauer

2017 verlor der Hambergener Holger Busekist seine Frau Anke. Ablenkung und Gespräche haben ihm geholfen, seine Trauer zu verarbeiten. Eine neue Partnerin hat er auch gefunden - und zwar beim Kirschenpflücken.
12.04.2020, 11:45
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Raus aus der Trauer
Von Lisa Urlbauer

Hambergen. Sie war seine Sandkastenliebe, sagt Holger Busekist über seine Frau Anke. Er war 13, sie 17, er aus Bremen, sie aus dem Ruhrgebiet. „Wir wurden damals verschickt, weil wir beide keine gesunde Wirbelsäule hatten.“ Die zwei konnten sich nur alle paar Monate sehen, denn „im Gegensatz zu heute war Bahnfahren damals richtig teuer.“ Und viel Geld habe er nicht gehabt, erinnert sich Busekist. Aber: „Es hat immer für eine rote Rose gereicht.“

Die rote Rose, sie zog sich durch die Ehe von Holger und Anke Busekist. 46 Jahre, vier Monate und einen Tag waren sie verheiratet, erzählt der 68-Jährige. Bis seine Frau im Mai 2017 verstarb. „Sie war acht Jahre dement, bevor sie eingeschlafen ist.“ Die letzten zehn Monate ihres Lebens verbrachte sie im Senioren- und Pflegeheim Haus am Barkhof. Dann hörte sie auf zu essen. „Sie wollte nicht mehr.“

Mit seiner Trauer und seinen Gedanken wollte Holger Busekist nicht alleine sein. „Wenn man rausgeht und mit anderen spricht, bekommt man neue Impulse.“ Der Hambergener wurde Mitglied im Heimatverein und engagierte sich als Ehrenamtlicher im Pflegeheim, in dem seine Frau zuvor untergebracht war. „Ich habe die Mitbewohner und Anghörigen in den zehn Monaten kennengelernt. Den Kontakt wollte ich beibehalten.“ Er verbrachte viel Zeit im Haus am Barkhof, war immer abgelenkt. „Ich bin gar nicht so viel zum Nachdenken gekommen.“

In der Zeitung las Busekist vom monatlichen Trauercafé des Diakonischen Werks in Osterholz-Scharmbeck. „Da ich sehr gerne hausgemachten Kuchen esse, war das für mich natürlich wunderbar“, sagt Busekist und lacht. „Es war schön, auch da wieder in Gemeinschaft zu sein. Alleine zu Hause zu sitzen ist schwer.“ Gerade der Herbst sei für viele eine Herausforderung, sagt Busekist. „Es wurde uns aber immer etwas mit an die Hand gegeben.“ Es gab Geschichten, Gedichte und Gespräche. „Da waren schöne Sachen bei.“ Zu hören, dass andere in der gleichen Situation sind wie er, habe ihm besonders gut getan.

Im Café erfuhr Busekist von einer Trauergruppe, für die er sich dann anmeldete. Dort sei man tiefer auf die Trauer eingegangen – und habe Wege aufgezeigt bekommen, aus ihr herauszukommen. „Ich hab‘s als sehr schön empfunden, aber ich weiß auch, dass einmal eine Frau da war, die sofort wieder gegangen ist.“ Manche hätten nur unter Tränen erzählen können. Andere seien kontrollierter gewesen. „Da erlebt man jeden anders“, sagt der Witwer. „Mir hat es immer gut getan und ich bin freudig gegangen.“ Nicht direkt nach Hause, sondern zum Friedhof. Über vier Monate traf sich die Trauergruppe jeden zweiten Mittwoch. Noch heute kommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer alle sechs Wochen zusammen – zum gemeinsamen Essen und Gedankenaustausch. Ins Trauercafé ging Holger Busekist zweieinhalb Jahre. Jeden ersten Sonntag zu Kaffee, Kuchen und Gesprächen. Dann hat er seine neue Partnerin kennengelernt. „Manchmal passieren Dinge, die hat man selbst nicht in der Hand.“

Zwei Kirschbäume stehen im Garten von Holger Busekist. „Im letzten Sommer gab es eine super Ernte und ich wusste nicht mehr, wohin damit. Die Äste hingen bis zum Boden durch.“ Tochter, Nachbarn und das Pflegeheim seien schon mit Kirschen versorgt gewesen, erzählt Busekist. Also habe er Helga Pridat, eine Bekannte, die er und seine verstorbene Frau gemeinsam kennengelernt hatten, zum Pflücken eingeladen.

„Wir haben nett zusammen Kaffee getrunken, Kirschen gepflückt und dann ist sie wieder nach Hause gefahren.“ Am nächsten Tag kam sie wieder. Sie tranken Kaffee, pflückten Kirschen. Dann habe Helga sich herzlich von ihm verabschiedet, ihn doll gedrückt. „Da hab‘ ich gesagt ‚Helga, das war so schön, nochmal.‘ So ist das dann gekommen.“

Mit seiner Tochter Kerstin verstehe sich seine neue Partnerin gut. „Ich hatte ein bisschen Bammel.“ Doch die 46-Jährige bestätigte ihn in der Partnerschaft. Dass seine verstorbene Frau und seine neue Partnerin sich ein wenig kannten, mache die Situation leichter, findet Busekist. Um das Grab kümmerten sich Busekist und Pridat gemeinsam; die 71-Jährige ist selbst seit 25 Jahren verwitwet.

Noch heute bringt Holger Busekist seiner verstorbenen Frau eine rote Rose mit, wenn er sie besucht. Am Grabstein habe er auch eine anbringen lassen, aus Bronze. „Die rote Rose ist nur für sie, die werde ich niemand anderem mehr schenken.“ Helga bekomme eine andere Farbe. „Den botanischen Garten in Hamburg besuche ich auch nicht mehr.“ Der sei für ihn und seine Frau immer ein Highlight gewesen, ein bis zweimal im Jahr. „Das bleibt unsere Sache.“ Seine neue Partnerin und er fuhren woanders hin – schließlich habe Hamburg viele schöne Ecken. „Das sind meine Besonderheiten.“ Andere schmunzelten darüber, das wisse er auch. „Für mich ist das ganz wichtig. Ein bisschen muss bewahrt werden.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+