Lilienthal 16-jähriger Youtuber hat eine Vorliebe für alte Kirchenglocken

Der 16-jährige Hendrik Hopfenblatt hat ein außergewöhnliches Hobby: In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit alten Kirchenglocken. Als „Glocken-Henry“ veröffentlicht der Schüler regelmäßig Videos auf Youtube.
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Von Lutz Rode

Auf dem Rückweg vom Turm der Sankt Jürgener Kirche in Lilienthal juckt es Hendrik Hopfenblatt förmlich in den Fingern. Am liebsten würde er jetzt den Schalter umlegen und die motorgetriebenen Glocken eine Etage über ihm zum Schwingen bringen. Die tiefgehenden Klänge sind für den Schüler der reinste Zauber, und er kann einfach nicht genug davon bekommen: Über 150 Kirchtürme hat er schon bestiegen, mehr als 400 Glocken hat er sich schon angesehen und dokumentiert. Unter dem Namen „Glocken-Henry“ bespielt er sogar einen eigenen Youtube-Kanal. 179 Abonnenten stehen auf seinem Konto.

Hendrik Hopfenblatt ist gerade mal 16 Jahre alt und seine Vorliebe für alte Kirchenglocken teilen nur wenige Gleichaltrige mit ihm. Der Schüler kennt eigentlich nur zwei jüngere Leute aus dem Harz, die wie er für das Thema brennen. Im Nordwesten ist Henry, wie sein Spitzname lautet, weit und breit der einzige Glocken-Enthusiast seiner Altersklasse. Doch das macht ihm nichts aus. Mögen andere darüber denken, was sie wollen, sagt sich Hendrik Hopfenblatt. „Ich ziehe mein Ding durch. Und ich bin eben begeistert von Kirchenglocken“, sagt er.

Die Glocken in der Sankt Georg-Kirche in Sankt Jürgen besucht der junge Mann besonders gern. Wenige Kilometer entfernt ist er in Worphausen aufgewachsen, seine Eltern haben in der kleinen Kirche im Land der Gräser geheiratet. Mittlerweile lebt die Familie wieder in Bremen-Horn, es zog sie vom Land zurück in die Stadt.

Doch die Verbundenheit zur Region ist geblieben: Hendrik Hopfenblatt fährt gern nach Sankt Jürgen, weil die drei Glocken dort zu den historisch wertvollsten im Elbe-Weser-Raum gehören. Vor allem die kleinste ist eine echte Rarität und Hendrik Hopfenblatt so richtig ans Herz gewachsen, auch wenn sie eher schlicht daherkommt: Vor fast 900 Jahren wurde sie aus Bronze gegossen, in der romanischen Zeit, als das kleine Gotteshaus für die Siedler im abgelegenen Sankt-Jürgen-Land errichtet wurde. Wegen ihrer Form wird sie Zuckerhutglocke genannt. Von dieser Art gibt es nur noch 50 in ganz Deutschland. „Andere sind begeistert, wenn sie möglichst große Glocken sehen, die einen tiefen Ton erzeugen. Ich stehe aber auf die, die richtig alt sind“, sagt Glocken-Henry.

Das absolute Gehör

Mit einem Gummi-Hammer bringt Hendrik Hopfenblatt die uralte Glocke zum Schwingen. Er geht ganz nah mit dem Ohr ran, um sämtliche Halbtöne einzufangen. Die erkennt er sofort, er habe das absolute Gehör, sagt der Jugendliche selbstbewusst. Ohnehin hat man den Eindruck, dass sich Henry ganz tief in die Materie eingegraben hat. Zu jeder Glocke könnte er aus dem Stand wohl einen kleinen Vortrag halten, Daten und Fakten sprudeln nur so aus ihm heraus. „65,2 Zentimeter im Durchmesser, Gewicht von circa 170 Kilogramm.

Der Ton liegt um eine Oktave höher als bei der Zweitältesten“, sagt Hopfenblatt, als er vor dem schlichten Zuckerhut aus Bronze steht. Im April war er schon einmal oben, hatte über die schmale Treppe und die Leiter die Glocken im relativ geräumigen Turm besucht. Nach mehr als zehn Jahren sei er der erste gewesen, der die kleine Glocke wieder zum Läuten gebracht habe. Und, so weiß er, sie sei in früherer Zeit diejenige gewesen, mit der die Menschen im Sankt Jürgens-Land vor drohenden Gefahren gewarnt wurden, etwa wenn es irgendwo brannte.

Dass die Glocke heutzutage außer bei seinen Besuchen stumm bleibt, passt dem Glocken-Experten gar nicht in den Kram. Und so überlegt er schon, einen neuen Spielplan zu entwickeln, nach dem zu besonderen Anlässen wie Weihnachten, Neujahr oder Ostern nicht nur die beiden großen gotischen Glocken im Turm erklingen, sondern auch ihre uralte kleine Schwester.

Systematische Analyse

Seit acht Jahren beschäftigt sich Hendrik Hopfenblatt nun mit Kirchenglocken, seit drei Jahren macht er systematisch Analysen, Ton- und Filmaufnahmen und hilft mit, deren Herkunft zu klären. Angefangen hatte alles während eines Urlaubs der Familie in Kroatien, als es in einem kleinen Dorf zu läuten begann und der damals Achtjährige dieses wohlig-warme Gefühl erfasste, das der 16-Jährige als „positive Aura“ beschreibt. Von diesem Erlebnis war er so beeindruckt, dass er immer mehr über Glocken wissen wollte.

Inzwischen hat er bei einem Glockengießer ein mehrwöchiges Praktikum absolviert und auch den Niedersächsischen Glockensachverständigen Andreas Philipp hat er schon öfter bei der Arbeit begleitet. Der bereist das ganze Bundesland und überprüft die Kirchenglocken auf ihre Sicherheit und Funktionstüchtigkeit. Alle ein bis zwei Jahre sollte so ein Check stattfinden, bei 4000 Kirchen im Land sei das schon ein ziemlich anspruchsvolles Pensum.

Fragt man Hendrik Hopfenblatt nach seinem Berufswunsch, verwundert dieser eigentlich nicht weiter: Eines Tages will auch er als Glockensachverständiger arbeiten. Doch erst einmal muss er die Schule zu Ende bringen. Glocken-Henry geht jetzt in die 11. Klasse der Privatschule Mentor in Bremen. Und weil Glockensachverständiger kein eigenständiger Ausbildungsberuf ist, will der 16-Jährige nach dem Abitur erst mal etwas studieren, was er mit seinem späteren Traumberuf gut verbinden kann. Sich mit Statik auszukennen, ist bei den schweren Lasten und den alten Gemäuern sicher sinnvoll. Ein Ingenieur-Studium bietet sich an.

Vorerst macht Glocken-Henry aber einfach weiter: Er besucht eine Kirche nach der nächsten, überall in der Region, aber auch darüber hinaus. Setzt sich auf sein Motorrad oder bucht eine Zugfahrt plus Hotelübernachtung, um die nächste Glocke zu besichtigen, ihre Herkunft und Eigenarten in Bild und Ton festzuhalten und sie dem interessierten Publikum zu präsentieren. Von seinen Eltern wird er dabei unterstützt. Bevor Glocken-Henry einen Kirchturm besteigt, fragt er in den jeweiligen Kirchengemeinden nach. Eine Abfuhr gibt es nur ganz selten. „In 98 Prozent der Fälle bekomme ich eine Zusage“, sagt Hendrik Hopfenblatt.

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