Galerie Altes Rathaus Betrachten als schöpferischer Akt

Mit Bewegungen, Klängen, Worten, Bildern und Oberflächen überrascht die Künstlerin Ilka Mahrt die Besucher ihrer Worpsweder Ausstellung „Berührungen“ und führt sie zu einer Begegnung mit dem eigenen Selbst.
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Von Donata Holz

Worpswede. Worte können Herz und Seele berühren ebenso wie Musik und Bilder. Der Tastsinn wird angesprochen, wenn die Hand über verschiedene Materialien und Oberflächen streicht. Diese unterschiedlichen Facetten der Wahrnehmung ermöglicht die Künstlerin Ilka Mahrt in ihrer Ausstellung „Berührungen“, die sie jetzt in der Galerie Altes Rathaus zeigt.

„So wie Deine Gedanken, so auch Dein Leben“, „Betrachten ist ein schöpferischer Akt“...am Beginn der Ausstellung begegnet der Betrachter einer Dichte von Bannern mit unterschiedlichen Versen und Gedichten. Es sind Worte, die Menschen im Laufe ihres Lebens bewegt und berührt haben. Dazu hat Ilka Mahrt über 30 Menschen im Alter von 25 bis 80 Jahren befragt. Wir als Betrachter nun, halten hier und da inne, wenn wir uns selbst von den Texten berühren lassen.

Die zweite Frage an die Menschen, war die nach den besonderen Tönen, nach der berührenden Musik. Hier ergab sich eine große Bandbreite von Verdi bis zu dem Glockenklang von Big Ben. Diese zu hören, lädt in dem kleinsten Raum der Ausstellung ein Sessel ein, von dem aus man auf ein Gemälde von Ilka Mahrt blickt. Farben und Formen schwingen in unterschiedlichen Rhythmen über das Bild, kommen aus der Tiefe und bewegen sich scheinbar über den Bildrand hinweg, sodass eine Korrespondenz zwischen den Klängen der Musik und den Tönen der Farben entsteht.

Der Tastsinn wird im nächsten Raum angesprochen, in dem zwei große Objekte hängen, die wie Gewänder anmuten. Das eine ist hell und glitzert golden, doch dieser Glanz entpuppt sich beim zweiten Blick als sehr ambivalent: Während man auf der einen Seite bei der Berührung eine glatte Oberfläche spürt, stechen auf der anderen Seite spitze Stacheln. Insgesamt 35000 Reißzwecken hat die Künstlerin in den Stoff eingebracht, um diesen Effekt zu erzielen. Anziehung und Abweisung gleichermaßen, Gefühle, die nicht allein mit der Hand zu empfinden sind, sondern auch übertragbar sind auf den zwischenmenschlichen Umgang. So steht im Dialog dazu wiederum ein Gemälde, auf dem eine zarte Figur zu ahnen ist.

Im Kontrast zu dem hellen, glänzenden Gewand, hängt ein zweites schwarzes, eher mattes, im Raum. Was zunächst dunkel und abweisend erscheint, ist zart und weich, denn es besteht allein aus Straußenfedern. Offen für Berührungen, könnte man in diesem Gewand aber auch „Federn lassen“, da es nicht so viel Abwehr zeigt.

„Vergebung“ ist das Wort, das im nächsten Raum berührt. Hier blickt uns und das Porträt von Grete Weil entgegen, einer Jüdin, die in Auschwitz war und befreit werden konnte. Nur durch Vergebung konnte sie überleben. Davon erzählt sie in ihrer Autobiografie, die Ilka Mahrt so sehr berührt hat, dass sie nach einem Vorbild ein Porträt von ihr schuf. Sehr eindringlich schaut uns Grete Weil hier an und berührt mit ihrem Blick die Seele des Betrachters.

Dieser denkt im nächsten Raum an den Tod unzähliger Menschen, wenn er sich direkt vor einer Wand aus Stacheldraht befindet. Nicht nur Bilder aus Auschwitz, sondern auch die Millionen von Flüchtlingen unserer Zeit erscheinen vor dem inneren Auge.

Am Ende der Ausstellung dreht sich ein Pendel mit einer stilisierten Mohnkapsel und berührt die Erde. Eine meditative Situation stellt sich ein, wenn man das Kreisen des Pendels im Sand verfolgt.

Bewegungen, Klänge, Worte, Bilder Oberflächen, Verletzungen, die Künstlerin überrascht den Betrachter in jedem Raum mit einer neuen Situation, in der wir physisch und psychisch verschiedene Facetten der Berührungen erfahren und erleben. So wird der Besuch der Ausstellung letztlich auch zu einer Begegnung mit dem eigenen Selbst.
Die Ausstellung „Berührungen“ von Ilka Mahrt ist noch bis zum 12. Januar in der Galerie Altes Rathaus zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 14 bis 17 Uhr sowie samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr.

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