Hilfe für Bedürftige

Die Tafel ist wieder da

Nach vier Wochen Corona-Pause hat die Lilienthaler Tafel am Dienstag wieder geöffnet. Freude und Dankbarkeit begleitete die Lebensmittelausgabe.
28.04.2020, 18:00
Lesedauer: 4 Min
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Die Tafel ist wieder da
Von Silke Looden

Lilienthal. Lang ist die Schlange vor der Tafel im Lilienthaler Gewerbegebiet Moorhausen. Immer im Abstand von 1,5 Metern stehen die Bedürftigen an. Rotschwarze Klebebänder markieren den Weg. Die Menschen tragen Mund-Nasen-Schutz, denn ohne kommt niemand rein. Wer keine Maske hat, bekommt spätestens am Eingang eine ausgehändigt. Der Infektionsschutz geht in Corona-Zeiten vor. Wegen der Pandemie und der damit einhergehenden Kontaktsperre musste die Tafel vier Wochen lang schließen. Eine Durststrecke für viele hier, die auf die Lebensmittelausgabe angewiesen sind. Umso größer war die Freude über die Wiederöffnung am Dienstag.

Am Eingang stehen Alexander Antonez und sein Sohn Artjom. Gemeinsam mit Habid Ramani desinfizieren sie die Einkaufswagen nach jedem Gebrauch. Einsprühen, weiterreichen. Die drei sind selbst Kunden bei der Tafel. Jetzt helfen sie mit, damit die Hygienevorschriften bei der Lebensmittelausgabe eingehalten werden können. „Wir möchten etwas zurückgeben“, sagt Habid Ramani voller Dankbarkeit. Ohne die Tafel mussten die Migranten in den vergangenen Wochen auf vieles verzichten. Sie sind froh, dass es wieder losgeht.

Kein Gedränge am Eingang

An der Kasse sitzt Elke Ströh mit ihrer Tochter Anncatrin. Die beiden kontrollieren die Ausweise, geben die Einkaufsmarken raus und nehmen das Geld ein. Zwei Euro pro Erwachsenen, 50 Cent pro Kind, das ist der Preis für den Familieneinkauf, mit dem die Tafel ihre Unkosten deckt. Die beiden Frauen sitzen hinter einer Plexiglasscheibe und tragen zusätzlich einen Mundschutz. „Die Menschen sind alle sehr diszipliniert“, sagt Elke Ströh zufrieden. Nach wochenlanger Schließung hätte es auch zu einem Gedränge vor der Kasse kommen können. Stattdessen aber üben sich die Bedürftigen in Geduld. Einer nach dem anderen passiert. Ausweis vorzeigen, Einkauf bezahlen, Marke mitnehmen.

In den Verkaufsraum dürfen immer nur acht Personen. Der örtliche Baumarkt hat der Tafel acht Einkaufswagen gespendet, sodass die Kontrolle darüber, wie viele Menschen gerade in der Halle sind, leichter fällt. Vor den Verkaufstischen markiert ein schwarz-gelbes Klebeband den Abstand, der Käufer und Verkäufer gegenseitig vor einer Infektion mit dem Virus schützen soll. Die Regale sind gut gefüllt, auch wenn die Supermärkte nach Auskunft der Lilienthaler Tafel nicht ganz soviel gespendet haben wie sonst. „Das konnten wir mit der Spendenaktion ausgleichen“, freut sich die Tafelvorsitzende Gerda Urbrock. Am vergangenen Wochenende haben viele Lilienthaler Vorräte, die sie zu Beginn der Pandemie zu viel gekauft hatten, bei der Tafel abgegeben.

Am Gemüsestand steht Philine Hillmer. Die Studentin aus Lilienthal hat sich als ehrenamtliche Helferin gemeldet, nachdem klar war, dass die bisherigen Helfer aufgrund ihres Alters fast alle zur Risikogruppe gehören. „Ich wollte etwas Sinnvolles in meiner Freizeit tun“, sagt sie. Ein Praktikum bei der Bremer Tafel hatte sie auf die Idee gebracht. „Hier ist es viel kleiner und familiärer“, freut sie sich und gibt den Rhabarber raus. Der ist begehrt bei den Familien. Hinter dem Mundschutz fällt der jungen Frau das Atmen schwer. Durchatmen, weitermachen.

Sanna Syrbe hat den wahrscheinlich beliebtesten Job bei der Tafel. Sie verteilt die Osterhasen, die in den Supermärkten nicht verkauft wurden und nun Kinder glücklich machen, deren Eltern sich die Süßigkeiten sonst nicht leisten können. Die 35-Jährige aus Lilienthal hatte in der Zeitung gelesen, dass die Tafel junge Helferinnen und Helfer sucht, um wieder öffnen zu können. Da hat sie keinen Moment gezögert, obwohl sie als Lehrerin und Mutter von drei Kindern eigentlich mehr als ausgelastet ist. „Ich will helfen“, sagt sie, als sei es das Selbstverständlichste der Welt.

Hans-Hermann Stelljes wartet am Auto. Der 77-Jährige aus dem Lilienthaler Ortsteil Worphausen ist genauso wie seine Frau Heidemarie schlecht zu Fuß. Helfende Hände verstauen die Einkäufe für das Rentnerpaar im Kofferraum. „Ich freue mich, dass es so etwas wie die Tafel gibt“, sagt die Hausfrau. Sie hat vor allem frisches Obst und Gemüse, aber auch Tierfutter eingekauft. Oben auf liegt ein Strauß mit Rosen. „Das ist gut fürs Gemüt“, sagt sie.

Zwölf neue Ehrenamtliche

Gerda Urbrock ist zufrieden mit der Wiedereröffnung. Seit Tagen haben sie und ihr Team diesen Tag vorbereitet: Waren sortiert, Schilder mit Hygienevorschriften und Abstandsregeln bemalt und nicht zuletzt die zwölf neuen Helferinnen und Helfer eingearbeitet. „Wir waren am Sonnabend hier und am Sonntag und am Montag auch“, erzählt die Vorsitzende. Die Schließung wegen des Coronavirus hatte ihr die Tränen in die Augen getrieben. Die Wiedereröffnung lässt sie wieder strahlen, auch wenn ihr die Anstrengung anzusehen ist. Überall schaut sie nach dem Rechten, weist hier und da auch schon einmal jemanden zurecht, der sich nicht an die Regeln hält. Gerda Urbrock scheint ihren Blick überall zu haben.

Einer der Ehrenamtlichen ist Axel Buddenbaum. Er ist mit einem Bus der Kirchengemeinde aus Grasberg gekommen, damit auch die Bedürftigen aus dem Nachbarort in Lilienthal bei der Tafel einkaufen können. Mehr als vier Personen darf er nicht gleichzeitig fahren. Auch beim Transport gilt das Abstandsgebot. Buddenbaum nimmt es gelassen. Für ihn zählt, dass auch den Grasbergern geholfen wird. Er weiß, wie sich die Tafelkunden fühlen: „Sie sind nicht nur darauf angewiesen, hier einzukaufen, sie machen sich auch Sorgen darüber, wie es weitergeht.“ Das Coronavirus treffe vor allem diejenigen, die es ohnehin schwer hätten.

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