Bühne frei

Die Heuluke existiert noch

Das Kulturzentrum Murkens Hof in Lilienthal zählt zu den wichtigsten Schauplätzen der Kulturlandschaft der Gemeinde. Was viele nicht wissen: Früher befand sich an dieser Stelle eine Gastwirtschaft
06.10.2019, 00:49
Lesedauer: 4 Min
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Von Johannes Kessels
Die Heuluke existiert noch

So sieht er aus – Murkens Hof. Für die lokale Kulturlandschaft ist er eine der zentralen Bühnen.

Johannes Kessels

Lilienthal. Wer erst in den vergangenen 25 Jahren nach Lilienthal gezogen ist, für den ist es selbstverständlich: Am Ende der Klosterstraße steht ein altes Fachwerkhaus mit einem neuen Anbau, und darin befinden sich die Volkshochschule und die Gemeindebibliothek. Murkens Hof, heute einer der wichtigsten Schauplätze des Kultursektors der Gemeinde, war aber ursprünglich ein Gasthof – seit 1670. Der Familie Murken gehörte er seit 1730.

Heute leitet Martina Michelsen die Volkshochschule, Martina Sackmann die Bibliothek. Annette Umlauft ist eine Englisch-Dozentin an der VHS und war dies schon, als sich deren Zentrale noch in der ehemaligen Hausmeisterwohnung des Alten Amtsgerichts befand. Sie hat ebenso wie Ratsherr Uwe Kempf die Diskussionen der frühen 1990er-Jahre miterlebt. Was sollte mit dem alten Gebäude, das immer mehr zu verfallen drohte, nachdem auch der letzte Gaststättenpächter aufgegeben hatte, geschehen?

Genau genommen hat Lilienthal es dem früheren, inzwischen verstorbenen Leiter der Volkshochschule, Harald Paul, Vorvorgänger von Martina Michelsen, zu verdanken, dass Murkens Hof heute noch steht. „Harald Paul hat 1975 erfahren, dass das Gasthaus verkauft werden sollte, eventuell an Investoren, die da Wohnungen bauen wollten“, erinnert sich Annette Umlauft. Sie selbst hielt davon gar nichts, aber sie hatte Kursteilnehmer, die der Ansicht waren, dass ein Erhalt von Murkens Hof als Steuerverschwendung zu betrachten sei. Andererseits konnte die VHS damals nur Abendkurse anbieten, weil sie die Räume der Lilienthaler Schulen benutzen musste. Ältere Leute wollen aber eher vormittags Kurse belegen. Und die Bibliothek hat auch viele Kunden aus Borgfeld, sagt Martina Sackmann – die nächste Bremer Bibliothek von Borgfeld aus ist in der Vahr. Lilienthal war sogar so etwas wie ein Vorreiter, meint Martina Michelsen: Es komme immer mehr in Mode, VHS und Bibliothek unter einem Dach anzusiedeln.

Im Schroetersaal finden Vorträge und auch Musikabende statt, wie hier mit Kathrin Loewig.

Im Schroetersaal finden Vorträge und auch Musikabende statt, wie hier mit Kathrin Loewig.

Foto: Bernd Kramer

Davon war bei Gründung des Anwesens noch keine Rede, obwohl es auch damals schon ein Ort der Bildung und geistigen Einkehr war. Wo heute Murkens Hof steht, befand sich nämlich seit der Gründung Lilienthals das Äbtissinnenhaus des Zisterzienserinnenordens. Das Kloster wurde mit Ende des Dreißigjährigen Kriegs 1648 säkularisiert, ging an die schwedische Krone über und wurde von der Königin Christine dem in ihren Diensten stehenden Generalmajor, dem Landgrafen Friedrich von Hessen-Eschwege, zu Lehen gegeben. 1655 zog er mit seiner Frau, der Pfalzgräfin Eleonora Catharina, ins wiederaufgebaute Äbtissinnenhaus.

Dieter Gerdes, der frühere Vorsitzende des Heimatvereins, der zur Eröffnung des neuen Murkens Hof 1993 in gewohnter Akribie eine Chronik verfasst hat, schreibt: „Kaum zu glauben, dass von nun an in Lilienthal eine Herzogin residierte, die den Fischteich des Klosters erneuerte, Wasserspiele und einen Ziergarten anlegte, und dass das Mittelholz und das Butendieker Gehölz als ,Lustholz‘ der Fürstin bezeichnet wurden.“ Nach dem Tode ihres Mannes und der Verheiratung ihrer Töchter zog Eleonora nach Osterholz und überließ 1670 das Äbtissinnenhaus dem in ihren Diensten stehenden Conrad Demme mit „Concession auf Lebenszeit“ als „Krug und Wirtschaft zum Liliendale“. Damit begann an dieser Stelle die über 300 Jahre andauernde Geschichte des Gasthauses.

Anfang des 18. Jahrhunderts wurde das Kurfürstentum Hannover neuer Eigentümer des alten Klosterbezirks, und Daniel Murken, Landwirt aus Feldhausen, übernahm 1730 das Gelände vom Amt Lilienthal zu Meierrecht. Er errichtete ein modernes niedersächsisches Fachwerkhaus, wobei er sich an den Fundamentresten des abgerissenen Äbtissinnenhauses orientierte. Das war bei seinem Abriss immerhin 375 Jahre alt, aber seine Steine konnten noch für das neue Haus verwendet werden. Insgesamt erstreckte sich das Gelände, das Daniel Murken schließlich vom Amt Lilienthal zugestanden wurde, bis zur Timmersloher Landstraße, der Grenze zur Freien Reichsstadt Bremen.

Im April 1813 setzten französische Soldaten den gesamten Ort Lilienthal in Brand als Vergeltung dafür, dass angeblich Lilienthaler auf sie geschossen hätten. Den Flammen fiel auch der Gasthof Murken zum Opfer. Er wurde schnell wieder aufgebaut, aber das neue Haus, nun unter Leitung der Witwe Lena Murken, brannte schon 1827 erneut ab. Der Wiederaufbau erfolgte nur 41 Tage später; dies ist das Haus, das heute noch steht. Wo sich heute der Kinderbereich der Bibliothek befindet, war früher das Restaurant, und die Heuluke existiert noch, aber nicht mit Klappe, sondern mit Geländer im zweiten Stock der Bibliothek.

Nachdem die Kleinbahn Bremen-Tarmstedt, besser bekannt als Jan Reiners, 1956 ihren Betrieb aufgegeben hatte, kamen immer weniger Kaffeegäste nach Lilienthal – bis dahin war der Ort ein beliebtes Ausflugsziel gewesen. Uwe Kempf weiß noch, wenn auch nicht aus eigener Erinnerung, dass Murken einen kleinen Zoo betrieb, und Martina Michelsen sagt, von dem Gasthaus ab hätten vor dem Krieg Torfkahnfahrten stattgefunden. Aber 1964 schloss Hermann Murken den Betrieb. Am Zollpfad wurden 16 Einfamilienhäuser errichtet, der Schützenverein kaufte das Gelände, das er bis dahin in Erbpacht gepachtet hatte – die Wirte von Murken waren bis dahin immer die Festwirte des Schützenfestes gewesen, und Uwe Kempf weiß noch, dass auf dem Saal, wo heute das Restaurant „Boccia“ steht, abends Tanz war.

1975 übernahm die Gemeinde den Gasthof von seinem zwischenzeitlichen Besitzer, der Hemelinger Actien-Brauerei – Harald Paul sei Dank, denn er hatte die Politik aufgerüttelt. Die sei sich einig gewesen, Murken zu erhalten, sagt Uwe Kempf – bis 1988 an Gastwirte verpachtet. Dann folgten lange Debatten, ehe 1993 das neue Kulturzentrum mit Anbau eingeweiht werden konnte. „Heute stehen alle zu Murken, wie es jetzt ist, damit hat Lilienthal ein Kleinod“, sagt Uwe Kempf.

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