Lilienthal. Der Schroetersaal in Murkens Hof in Lilienthal bietet häufig Anlass für einen Besuch. So voll wie am Freitagabend aber ist es selten. Das mag an dem besonderen Gast gelegen haben, den die etwa 180 Besucherinnen und Besucher dort antrafen: Mit der Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven, Antje Boetius, war eines der regionalen Aushängeschilder der Wissenschaftsszene an die Wümme gekommen. Ganz bestimmt aber hing es mit dem Thema zusammen, über das die Meeresbiologin Auskunft geben sollte. Es ging, wie an so vielen Stellen in diesen Wochen, um die Erderwärmung.
„Baustelle Klimaschutz“ hatte der Ortsverband von Bündnis 90/Die Grünen die Veranstaltung genannt, und sie mit einem Markt flankiert, auf dem sich mehrere regionale Akteure mit ihren Vorschlägen zur Rettung der Erde vorstellten. Nachdem Antje Boetius ihren rund einstündigen Vortrag beendet hatte, musste man aber zu dem Ergebnis kommen, dass der Begriff „Baustelle“ noch zu positiv gefasst war. Es war Boetius' sympathischer Art und ihrem ansteckenden Optimismus zu verdanken, dass aus dem Abend nicht eine Trauerfeier wurde.
Denn die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die sie mit etlichen Grafiken an die Wand warf, sind schockierend. Demnach steckt die Erde nicht nur seit Jahrzehnten mitten im Klimawandel, vielmehr nimmt die Geschwindigkeit, mit der sich die Bedingungen überall auf dem Globus verändern, sogar noch zu. Und die Frage, wie viel Zeit sich der Mensch noch lassen könne, um den Versuch zu einer Wende zu starten, lasse sich einfach beantworten: „Die Zeit ist um.“
Der Weg in die Katastrophe
Je älter sie werde, so Boetius, stelle sie bei sich selbst fest, dass sie immer weniger Hoffnung verspüre, dass die Menschheit in Sachen Klimawandel noch die Kurve bekommt. Allerdings wäre es auch die falsche Folgerung, nun einfach aufzugeben. „Wir können noch viel bewegen.“ Dazu müsse man aber vermeiden, die Hinweise aus der Wissenschaft als Alarmismus zu brandmarken. „Es führt zur Katastrophe, wenn man nicht die Wahrheit sagt.“
Und zu dieser Wahrheit gehöre, dass die Menschheit weltweit radikal umsteuern muss, wenn sie die Erde nicht kaputtheizen will. Zum Umsteuern gehört im Kleinen, dass man auf den Urlaubsflug verzichten, weniger Fleisch essen und auch den Kauf billiger T-Shirts lieber lassen sollte. Vor allem aber gehört dazu eine Energiewende, die den Namen auch verdient. Zwar hätten viele Faktoren zum Klimawandel beigetragen – den größten Anteil aber kann man der Nutzung fossiler Brennstoffe zuschreiben. „Aus der Verbrennung der fossilen Energien auszusteigen, ist allerdings eine politische Frage. Das kann kein Land allein lösen.“
An dieser Stelle nahm Boetius die gesamte Staatengemeinschaft in die Pflicht, starke Netzwerke zu bilden, um das Problem anzugehen. Ein Schlüsselstaat aber sei China, das über Kohlekraftwerke einen enormen Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß verursache und daher von Wissenschaft und Politik immer wieder angesprochen werde. „Allerdings“, gab Boetius zu bedenken, „ist es schwierig, als Deutsche mit China zu verhandeln, wenn das eigene Land selbst die Klimaziele verfehlt.“
Neben Boetius waren im Schroetersaal auch einige Gruppen junger Leute aufgetreten, die sich in der Schule oder der Friday-for-future-Bewegung für einen Sinneswandel engagieren. Sie brachten ihre Skepsis zum Ausdruck, dass die Grünen bei allem politischen Rückenwind, den sie bundes- und europaweit verspüren, bereit sind, radikale Forderungen für einen Kurswechsel zu stellen. Sie betonten auch, dass man nicht drumherum kommen werde, in die Wirtschaft einzugreifen. Und sie wiesen darauf hin, dass man gleich vor Ort loslegen müsse: „Das große Ganze wird nicht in Lilienthal zu lösen sein. Es ist aber wichtig, auch in Lilienthal damit zu beginnen.“
Beim Club of Lilienthal ist man genau dieser Meinung. In dieser Gruppe, die sich regelmäßig in Murkens Hof trifft, diskutiert man über die Frage, was man auf kommunaler Ebene tun kann, um etwas gegen den Klimawandel zu tun. Der Wirtschaftswissenschaftler Klaus Bönkost stellte die Arbeit der Gruppe zum Abschluss des Abends vor. Nach einer erfolgreichen Initiative gegen den Glyphosateinsatz seitens der Gemeinde wirbt der Club zurzeit für den Verzicht auf eine weitere Versiegelung des Bodens durch neue Wohn- oder Gewerbegebiete in der Region.
Derartige Initiativen sind nötig, um überhaupt erst mal anzufangen, am besten sofort. Denn, so Antje Boetius: „Man muss verstehen, dass es Dinge gibt, die nicht wieder umzukehren sind.“