Blühflächen Ein Acker voller Wildblumen

Ein Lilienthaler Landwirt bietet Patenschaften für Blühflächen an und will Netzwerk für die Artenvielfalt schaffen.
16.03.2019, 08:49
Lesedauer: 3 Min
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Von Lutz Rode

Lilienthal. „Machen ist wie wollen, nur viel besser“ lautet einer der Leitsprüche im Leben von Claus Tietjen. Der 47-jährige Landwirt aus Oberende ist ein pragmatischer Mensch, und er hat, wie er selbst sagt, „viele verrückte Sachen im Kopf“. Aktuell träumt er von blühenden Landschaften, und das im wahrsten Wortsinn: Um dem Artensterben etwas entgegenzusetzen, will er Patenschaften für Ackerflächen anbieten, auf denen Wildblumen und -kräuter gedeihen. Das Ganze soll keine Ein-Mann-Veranstaltung sein. Tietjen will einen Anstoß geben und Teil eines Netzwerks sein, das sich um den Erhalt der Artenvielfalt kümmert. Er sieht sich als Bindeglied zwischen Landwirtschaft und Bürgern. „Jeder bringt etwas ein. Nur dann wird ein Schuh draus“, sagt der Landwirt.

Initiativen für die Anlage von Blühstreifen und -flächen gibt es bereits in verschiedenen Bereichen. Doch mit der Idee der Patenschaften für Äcker hat es im Landkreis Osterholz bisher noch niemand versucht, während anderswo in Deutschland dieses Modell schon praktiziert wird. Für Tietjen hat die Variante mit den Patenschaften einen entscheidenden Vorteil: die Freiheit, gemeinsam mit allen Mitstreitern zu entscheiden, was auf der Fläche passiert. Die bestehenden Förderprogramme für Agrarumweltmaßnahmen mit ihren Vorgaben zur Bewirtschaftung und den bürokratischen Aufwand empfindet Tietjen als ein zu enges Korsett. Es liegt ihm jedoch fern, andere Bemühungen in Misskredit zu bringen. Nur seine Vorstellungen sehen eben anders aus. „Die Agrarpolitik zwingt uns Landwirte, jede Ecke sauber zu halten und bis auf den Quadratmeter genau zu bewirtschaften. Aus diesem Zwang möchte ich ein wenig ausbrechen“, sagt Tietjen.

Zwischen 10 000 bis 20 000 Quadratmeter derzeit noch landwirtschaftlich intensiv genutzte Ackerfläche könnten in Lilienthal für das Blühflächen-Projekt bereitgestellt werden. Die Mindestgröße für eine Patenschaft beträgt 1000 Quadratmeter, noch kleinteiliger zu werden, macht aus Sicht von Tietjen wenig Sinn. Der Aufwand für den einzelnen sei dann zu groß, und zudem wolle man ja auch erreichen, dass Blühflächen im größeren Stil entstehen und so ein größerer Effekt für die Natur herausspringt. Als Ausgleich für den Aufwand für die Aussaat und Pflege der Flächen will Tietjen den Paten jährlich 24 Cent pro Quadratmeter in Rechnung stellen. Dafür bekommen sie eine Urkunde mit der Angabe des Flurstücks, und sie können jederzeit hautnah mitverfolgen, wie sich der Acker in eine Wildblumenweide verwandelt, auf der sich dann vor allem die Insekten tummeln. Als Tietjen vor zwei Wochen bei einem Treffen auf seinem Hof über die Pläne berichtete, gab es bereits mehrere Interessenten, die von dem Projekt angetan waren. Die Lilienthaler Nabu-Ortsgruppe hat zum Beispiel inzwischen beschlossen, die Patenschaft für 1000 Quadratmeter Blühfläche zu übernehmen.

Tietjen will regionales Saatgut auf den Ackerflächen ausbringen, bevorzugt etwa die Verdener Imkermischung, die von Mai an bis in den Spätherbst allerlei Nahrung für Wildbienen liefern soll. Auch Sand-, Gehölz- und Steinflächen will er anlegen, um Tieren Rückzugsorte und Möglichkeiten zum Überwintern zu geben. Auch kann er sich vorstellen, nach Absprache auf den Äckern oder am Rand der Biotope Sitzbänke aufzustellen, die Naturfreunde nutzen können, um das Leben drum herum zu genießen und zu beobachten. Was an Mulch- oder Pflegearbeiten zu erledigen ist, soll jeweils mit den Beteiligten abgesprochen werden. Der Plan ist, die Blühweiden zum größten Teil über den Winter hinweg stehen zu lassen. Auch sei es denkbar, sie nicht nach einem Jahr zu umbrechen, sondern sie zwei oder drei Jahre lang unberührt zu lassen. Gülle oder Mineraldünger auszubringen, ist für Tietjen tabu. Mist dagegen könne im Frühjahr durchaus verstreut werden.

Dem Oberender Landwirt ist daran gelegen, mit anderen gemeinsame Sache zu machen: Gut vorstellen kann er sich, dass sich Schulen in das Projekt einklinken und die Blühflächen als Thema im Unterricht aufgreifen. Gespräche darüber hat es schon mit der Integrierten Gesamtschule gegeben. Auch einer wissenschaftlichen Begleitung durch Biologen steht nichts im Wege. Mit Imkern steht Tietjen ebenfalls in Kontakt, die zum Honigschleudern bereitstehen würden. Wenn die Saat aufgehe und die Bienen mitmachen, könnten die Paten am Ende einer Saison vielleicht mit einigen Gläsern Honig bedacht werden – als eine Art „Bonus“ für ihr Engagement. „Es geht bei dem Projekt aber nicht hauptsächlich um die Honigbienen, sondern um den Schutz der Wildbienen“, stellt Tietjen klar. Halbjährlich soll es nach den Planungen von Tietjen Treffen mit allen Beteiligten geben, wo über die Entwicklung der Flächen und konkrete Maßnahmen beraten werden soll.

Wichtig ist dem Initiator, erst einmal loszulegen. Ende März/Anfang April könnte die erste Saat bereits ausgebracht werden. Von der Resonanz auf die Patenschaften und den Vorstellungen der Paten hängt es ab, wo genau im Gemeindegebiet die Blühflächen entstehen. Tietjen hat mehrere Standorte ausgeguckt, die zur Verfügung stehen könnten: Im Bereich der Klosterweide nahe dem Naturschutzgebiet Truper Blänken könnte er Ackerflächen bereit stellen, an der Landwehr in der Nähe des Golfclubs oder eventuell auch ein Stück Land in Lüninghausen.

Weitere Informationen zu den Blühflächen-Patenschaften und dem Projekt finden sich im Internet unter www. blühfläche.com.

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