Gütesiegel für Projekte in Lilienthal

Gelebte Vernetzung

Die Gemeinde Lilienthal vergibt Gütesiegel für gelungene Projekte in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.
01.03.2020, 17:09
Lesedauer: 4 Min
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Von Lutz Rode
Gelebte Vernetzung

IGS-Lehrer Eren Düdükcü geht mit Sufyan Saeed (17) und Puria Andarabi (15) den Stoff für das Fach Gesellschaftslehre durch. Die Sprachwerkstatt im Alten Amtsgericht wird am Donnerstag mit dem Geko-Gütesiegel ausgezeichnet.

fotos: CARMEN JASPERSEN

Lilienthal. Dienstagnachmittag im Alten Amtsgericht in Lilienthal: IGS-Lehrer Eren Düdükcü sitzt mit Sufyan Saeed (15) und Puria Andarabi (17) an einem Tisch im Haus der Kommunalen Jugendarbeit und geht mit den Schülern die Liste mit historisch-politischen Grundbegriffen durch. Stunde Null, Kommunismus, Nato oder Kalter Krieg sind die Stichworte, die fallen und die für das Fach Gesellschaftslehre sitzen müssen. Die Jugendlichen stammen aus Afghanistan und dem Irak und sind vor vier und drei Jahren nach Deutschland geflüchtet. Als sie ankamen, sprachen sie kein Wort Deutsch. Jetzt sind sie dabei, ihren Schulabschluss vorzubereiten. Und dabei hilft ihnen die Sprachwerkstatt, die in der 7. und 8. Stunde angeboten wird.

Für Viola Bürgy, die Leiterin der Kommunalen Jugendarbeit in Lilienthal, hat die Werkstatt Vorbildcharakter, weil sie so gut zeigt, was Positives für junge Leute herausspringen kann, wenn verschiedene Institutionen und Helfer an einem Strang ziehen. In diesem Fall kooperiert die IGS Lilienthal/Grasberg mit dem Alten Amtsgericht und Yvonne Ahmed vom Fachbereich Integration der Gemeinde Lilienthal. Dazu kommt das Team aus Ehrenamtlichen, die die Schüler von Klasse acht bis zehn individuell dabei unterstützen, ihre Deutschkenntnisse auszubauen und den Weg bis zum Abschluss zu schaffen.

Das Zusammenspiel verschiedener Kräfte entspricht genau dem, was das 2007 fertiggestellte Gesamtkonzept für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen (Geko) will. Und weil es so vorbildlich läuft, erhalten die Beteiligten am Donnerstag, 5. März, im Lilienthaler Rathaus das Geko-Gütesiegel. Alle zwei Jahre wird diese Auszeichnung durch die Gemeinde vergeben. Um dort zum Zuge kommen zu können, müssen die jeweiligen Projektmacher eine Bewerbung an die Geko-Verantwortlichen schicken und dort darlegen, worum es geht. Auch sollten die Bewerber mindestens an zwei Netzwerktreffen des Geko teilgenommen haben.

Nicht nur die Sprachwerkstatt für den Schulabschluss soll ein Siegel erhalten, bedacht werden auch noch 14 weitere Projekte, bei denen Vereine, Institutionen und ehrenamtliche Kräfte zum Wohl der jungen Generation zusammenarbeiten. Zum ersten Mal wird am Donnerstag auch das Projekt „Naturnaher Garten“ mit einem Gütesiegel ausgezeichnet. Die Schüler-AG „Wir Klimaretter“ vom Gymnasium, die Nabu-Ortsgruppe Lilienthal/Grasberg sowie Aktionskünstler Hajo Tröger machen sich demnächst daran, die Grünflächen vor dem Alten Amtsgericht umzugestalten. Bei einem Kunst-Projekt werden Nistkästen gebaut, die Gymnasiasten wollen unter anderem Bodenproben nehmen und klären, wie sich Rindenmulch auf den Untergrund chemisch und biologisch auswirkt. Und der Nabu behält im Blick, dass die Natur möglichst viel davon profitiert.

Es gibt aber auch einige Gütesiegel außer der Reihe, weil so mancher auch wertvolle Arbeit für Kinder und Jugendliche leistet, ohne fester Teil des kommunalen Netzwerks zu sein. Elternsprecher in Schulen und Kindergärten gehören zum Beispiel dazu, die Osterholzer Polizei mit ihrem Gewalt-Präventions-Projekt „Wir sind stark“ für Sechstklässler des Gymnasiums. Auch Thea Klene, die gerade ein Praktikum am Alten Amtsgericht absolviert, wird eine Urkunde und eine Medaille bekommen. Auch eine Anerkennung: Die Studentin hatte unter Geko-Beteiligten eine Umfrage zur Zufriedenheit mit dem Netzwerk gestartet und ausgewertet.

Das Geko in Lilienthal gibt es seit 2007, der Auftrag, die Kräfte zu bündeln und Grundsätze für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen festzuschreiben, ging von der Kommunalpolitik aus. Zwei Jahre lang wurde an dem Konzept in Workshops gefeilt. Mit am Tisch saßen zahlreiche Akteure aus Politik, Verwaltung, Vereinen sowie Erzieher und Schüler. Am Ende verständigte man sich auch auf elf gemeinsame Leitlinien, die die Basis für alle Aktivitäten in der Kinder- und Jugendarbeit bilden. Das Geko ist auch eine Art Schwur der Beteiligten, gemeinsam Verantwortung für die junge Generation tragen zu wollen. "Es gibt ja das Sprichwort ,Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.' Entsprechend gilt für uns: Wir wollen das Dorf sein. Wir leben das Netzwerk“, sagt Viola Bürgy.

Das Gesamtkonzept für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in Lilienthal hat auch eine politische Funktion. Die Mitwirkenden, die regelmäßig bei Netzwerktreffen zusammenkommen, sollen dem Ausschuss für Bildung und Kultur zuarbeiten, sind gedacht als kurzer Draht zur Jugendarbeit. Es wird nicht nur über Jugendliche geredet, sondern sie selbst können auch mitreden: Wenn Jugendliche mit aktuellen Themen zu den Geko-Treffen kommen, haben sie automatisch Erstrederecht, können ihr Anliegen vortragen und bekommen dann einen Ansprechpartner an ihre Seite, der sich weiter um das Thema kümmert. Zwischen Ehrenamt und Hauptamt wird bei den Netzwerkern nicht unterschieden. „Die Zusammenarbeit läuft auf Augenhöhe“, betont Viola Bürgy.

Im Fall der Sprachwerkstatt zeigt sich, dass das Gesamtkonzept für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen Früchte trägt: Puria Andarabi will Abitur machen und demnächst in die Oberstufe der IGS in Lilienthal wechseln. Sufyan Saeed zieht es nach dem Abschluss ins Handwerk. Wenn es klappt, möchte er eine Ausbildung zum Tischler oder Zimmermann machen. Vorerst heißt es aber weiter büffeln, dienstags im Alten Amtsgericht. Während sie sich um die politischen Grundbegriffe kümmern, werden an den Nachbartischen und im Nebenraum die Deutschhefte aufgeschlagen. Christian Weymann guckt sich mit Sabina Krasnic und ihrem Bruder Sadeg das Kapitel über Laute an, am anderen Tisch übt Lia Rawert mit ihrem Schützling Tsonyo Petkov das Deklinieren. Die ehrenamtlichen Lehrer kümmern sich aber nicht nur um den Lernstoff, sondern sie hören auch zu, was den jungen Leuten auch sonst noch am Herzen liegt und über den Unterricht hinaus geht.

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