Bundesliga-Schiedsrichter Martin Thöne

Der Puls auf 160, das Trikot klitschnass

Ursprünglich kommt Martin Thöne aus Berlin, doch in Lilienthal ist er längst heimisch geworden. Bei der HSG steht er im Handball-Tor, und er hat bereits 527 Handball-Partien auf allerhöchstem Niveau geschiedst.
21.08.2020, 07:57
Lesedauer: 7 Min
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Von Frank Mühlmann
Der Puls auf 160, das Trikot klitschnass

Martin Thöne (rechts) mit seinem Schiedsrichterpartner Marijo Zupanovic vor seinem letzten Bundesligaspiel vor der Corona-Pause zwischen dem TVB Stuttgart und SC Magdeburg.

Jens Körner

Wörpedorf. Lehrer haben es bekanntermaßen nicht immer leicht, sich in ihren Klassen Gehör zu verschaffen und sich durchzusetzen. Martin Thöne, der an der Grundschule Schwanewede Sport und Mathematik unterrichtet, hat damit seltener ein Problem. Als Handball-Bundesligaschiedsrichter, der manchmal gellenden Pfeifkonzerten von 10 000 Zuschauern ausgesetzt ist und dabei durch einen regelrechten Hexenkessel muss, ist er Lautstärke und Stress gewöhnt. Für den 42-Jährigen bedeutet diese einzigartige Atmosphäre, die ihm zweifellos in der Persönlichkeitsentwicklung half, gar einen Adrenalinschub, weshalb Thöne sich auch in seiner Rolle als Unparteiischer keine Geisterspiele für den Saisonstart in der ersten Oktoberwoche wünscht.

Martin Thöne erinnert sich noch genau, wie er 1995 mit einer Grundausstattung, einem Pfeiftäschchen und einem ersten Trikot, geködert wurde und damals eher zufällig seine Schiedsrichterkarriere begann: „In meiner Berliner Heimat drohten meinem Verein Geldstrafen, wenn er nicht eine bestimmte Anzahl an Referees für die nächste Spielzeit nominierte.“ Der Torwart, der heute für den Bremen-Ligisten HSG LiGra zwischen den Pfosten steht, meldete sich freiwillig, machte den Schiedsrichterschein und fand schnell Gefallen an seiner neuen Aufgabe. Während Kommilitonen als Kellner in Kneipen jobbten, konnte der Student von seiner sportlichen Nebeneinkunft leben. Thönes Aufstieg verlief rasant. Bereits in seinem zweiten Jahr gelangte er in den Förderkader, fiel in der Oberliga positiv auf und pfiff schon 2001 sein erstes Zweitligaspiel. Nur fünf Jahre später feierte der in Lilienthal Wohnende bei der Begegnung Magdeburg gegen Minden seine Premiere auf höchster Ebene.

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Seit langer Zeit gehört Martin Thöne dem Elite-Kader des Deutschen Handball-Bundes an, was ihn dafür qualifiziert, in der Damen- und Herren-Bundesliga zu pfeifen, aber auch brisante Zweitligaderbys oder Aufstiegskrimis zu leiten. Sage und schreibe 527 Partien schiedste Thöne bereits mit seinem gleichberechtigten Partner Marijo Zupanovic auf diesem Level, weshalb beiden kürzlich vom Verband gar die Goldene Ehrennadel verliehen wurde. Lediglich zwei Schiedsrichter-Duos können deutschlandweit aktuell auf mehr Erfahrung zurückgreifen, was Thöne verständlicherweise mit Stolz erfüllt. Seinen Kollegen Zupanovic kennt Thöne bereits seit der dritten Klasse. Beide verbindet durch die gemeinsame Tätigkeit und lange Verbundenheit eine enge und intensive Freundschaft. Thöne ist beispielsweise sogar der Patenonkel von Zupanovics Tochter.

Während Thöne auf dem Spielfeld eher den ruhigeren Part einnimmt, tritt sein Pendant deutlich impulsiver auf. „Diese unterschiedlichen Charaktereigenschaften sehe ich bei der Zusammenarbeit aber als Vorteil“, meint Martin Thöne. Da beide seit Dekaden als festes, eingespieltes Duo harmonieren, ist ein blindes Vertrauen entstanden. „Wir sind zwar über Headset miteinander verbunden, trotzdem kann ich mich bereits durch seine Mimik und Gestik in ihn hineinversetzen“, beschreibt Thöne. Sollte doch mal eine Uneinigkeit entstehen, hat das Gespann die Möglichkeit, eine strittige Szene noch mal während eines Time-outs zu besprechen, um eine Einigung zu erzielen. Dass Handball-Schiedsrichter generell zu zweit agieren, findet Thöne sehr positiv. „So haben wir einfach vier Augen, wo der normale Zuschauer nicht hinschaut und auch der Ball gar nicht ist.“

Während der 70 bis 80 Minuten Brutto-Spieldauer eines Matches weist Martin Thöne einen Puls zwischen 150 und 160 auf, sein Trikot ist in der Regel klitschnass. „Als Handballschiedsrichter muss man damit klarkommen, sich unter ständiger Beobachtung zu befinden, jedes Spiel wird inzwischen live im Fernsehen gezeigt. Es ist vor allem mental anstrengend. In der Bundesliga sind die Duelle meistens sehr eng, fast nie liegen zehn Tore Unterschied zwischen zwei Mannschaften. Deshalb muss ich mich bis in die Crunch-Time hinein konzentrieren. Obwohl ich womöglich 58 Minuten alles richtig gemacht habe, kann ich mit einer Fehlentscheidung alles versauen“, macht der erfahrene Unparteiische deutlich.

Wenn dies passiert, durchlebt Martin Thöne durchaus schon mal schlaflose Nächte: „Das kommt zugegebenermaßen ein- bis zweimal pro Saison vor, daran habe ich dann häufig bis zu vier Tage zu knapsen und telefoniere mit Marijo, wie wir die Situation besser hätten lösen können oder gar müssen.“ Helfen könnte in der Zukunft vielleicht der Videobeweis, mit dem Thöne in knapp drei Jahren rechnet, wenn sich die Vereine die Installation in ihren Hallen auch leisten können. Mit einer Regelung wie im Fußball kann Thöne jedoch unmissverständlich wenig anfangen: „Es ist nicht glücklich, wenn eine fremde Person, die nicht vor Ort ist, die handelnden Personen in der Halle überstimmt.“ Seiner Meinung nach sollte ein Videobeweis auch nicht inflationär eingesetzt werden, und wenn ausschließlich von den Schiedsrichtern bei bestimmten spielentscheidenden Kriterien wie möglichen Toren oder Platzverweisen.

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30 bis 40 Begegnungen pfeift Martin Thöne im Jahr. Da die Herren-Bundesliga coronabedingt auf 20 Teams aufgestockt wurde,geht der gebürtige Berliner ab Herbst von einem besonders vollen Programm aus. Sicherlich keine einfache Aufgabe für einen verheirateten, zweifachen Familienvater Privates, den Lehrerberuf und die Leidenschaft für den Sport unter einen Hut zu bekommen. „All dies wäre bestimmt nicht möglich, wenn meine Frau nicht so dahinterstehen würde“, weiß Martin Thöne, der auch seiner Schulleitung einen großen Dank ausspricht: „Ich habe seit Jahren eine Dreiviertelstelle, bekomme donnerstags frei und beginne mit meinem Unterricht am Freitag meist erst gegen zehn Uhr.“ Neben dem Wochenende gilt nämlich der Donnerstagabend als häufig gewählter Termin im deutschen Profihandball. Nicht selten nimmt Thöne nach einer Übernachtung im flughafennahen Hotelzimmer bei weiten Reisen am Freitagmorgen den ersten Flieger in Richtung Bremen, um vom Airport direkt das Klassenzimmer anzusteuern. „Zum Glück erfahre ich aber bereits sechs bis acht Wochen im Voraus, welche Spiele ich pfeife, sodass ich mit meiner Frau, die als Ärztin arbeitet, vieles vorab organisieren kann“, gibt Thöne einen Einblick.

Oft wird der Grundschullehrer für Partien in Hannover, Magdeburg und Melsungen, einem Vorort von Kassel, ausgesucht. In der Damen-Bundesliga kennt er die Standorte Buxtehude und Oldenburg am besten. Thönes Kollege Zupanovic wohnt noch in Berlin, sodass der Verband überwiegend für beide günstig erreichbare Anreisen wählt. Um Hotels und Transfers muss sich Thöne bei der Organisation selbst kümmern, nach dem vom DHB gewünschten Grundsatz: Das Billigste zuerst. Zwei Stunden vor Spielbeginn muss er in der Halle sein, Flüge muss er gar sechs Stunden vorher buchen, um bei einem Ausfall der Maschine noch anderweitig handeln zu können.

Denkwürdige Matches hat Martin Thöne schon viele erlebt: „K.O.- und Aufstiegsspiele sind immer etwas Besonderes. Dreimal war ich auch schon in Kiel, da wird beileibe nicht jeder hingeschickt. Ein Highlight war sicherlich das Pokalviertelfinale zwischen Stuttgart und den „Zebras“ im letzten Dezember. Kiel lag acht Tore vorn, bevor die Halle durch einen Feueralarm evakuiert werden musste. Nach Wiederanpfiff kippte die Begegnung, stand zeitweise sogar Unentschieden, bevor sich der Favorit doch noch kurz vor Schluss in einem Krimi mit 35:34 durchsetzte.“

Am 8. März 2020 kam Thöne ebenfalls in Stuttgart kurz vor der Corona-Unterbrechung zuletzt zum Einsatz. In der monatelangen Pause galt es, dennoch auf einem gewissen Fitnesslevel zu bleiben. „Alle vier Wochen bekam ich vom Athletik-Bundestrainer einen Trainingsplan, der hauptsächlich auf Ausdauer- und Intervalltraining abzielte. Durch das Tragen einer Pulsuhr wurde ich währenddessen auch ständig vom Verband kontrolliert.“ Je näher der Saisonstart rückte, desto mehr hat Martin Thöne das Pensum erhöht. Ende August wird er bei einem Präsenzlehrgang einem Regel-, Video- und Konditionstest unterzogen. Die Vorfreude, dass es bald endlich wieder losgehen könnte, ist entsprechend groß, auch wenn es eine andere Saison werden dürfte: „Ich denke, dass es gelegentlich zu Doppelspieltagen kommen wird, um die Reisestrapazen während der Pandemie zu minimieren. Und die Frage wird dann ja auch sein, ob Zuschauer die Spiele verfolgen dürfen.“

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Völlig anders als im Fußball machen die Fernseheinnahmen beim Handball nur etwa fünf Prozent im Gesamtverhältnis aus. Entsprechend arbeiten die Vereine fieberhaft an einem Hygienekonzept. „Für Hallensportarten ist die Lage schon dramatisch. Wenn die Eintrittsgelder dauerhaft wegbrechen sollten, dürfte es viele Vereine im Sommer 2021 nicht mehr geben“, vermutet Thöne. Trotzdem sind Geisterspiele zumindest zum Saisonstart wahrscheinlich, mit denen sich der Schiedsrichter natürlich gedanklich auch schon befasst hat: „Der Druck der Zuschauer würde dann zwar genauso wie der große Lärmpegel entfallen, aber eine große Kulisse bringt einen Grundlaut mit sich, den man im Tunnel kaum wahrnimmt. Schwieriger ist es dann schon, wenn man bei Geisterspielen jeden einzelnen Kommentar mitbekommt und zudem sehen muss, trotz möglicherweise niedrigeren Adrenalinpegels, die gleiche Leistung abzuliefern.“

Finanziell hat Martin Thöne die Corona-Pause ebenfalls zu spüren bekommen. Immerhin ist die Schiedsrichter-Gage, seitdem der TV-Sender „Sky“ überträgt, pro Bundesligaspiel auf 750 Euro angestiegen. Ausgleichszahlungen des Verbands gab es in der schwierigen Zeit nicht. Eine internationale Karriere strebt Thöne übrigens nicht mehr an: „Der Zug ist in meinem Alter abgefahren.“ Dennoch hat er für die nächsten Jahre noch Ziele: „Das Nordderby zwischen Flensburg und Kiel wäre schon sehr reizvoll, außerdem wäre es ein Traum, wenn wir mal beim Final Four in Hamburg pfeifen dürften.“ Vielleicht klappt es irgendwann dann auch noch mit einem Traum des Torwarts Martin Thöne: „Wenn ich die Spieler aus nächster Nähe beobachten darf, bekomme ich schon oft Lust, mal bei einem Erstligisten mittrainieren zu dürfen und mir die Bälle von Nationalspielern um die Ohren werfen zu lassen.“

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