Kaum Bewerbungen Handwerk sucht händeringend Auszubildende

Viele Handwerksbetriebe tun sich schwer, Auszubildende zu finden. Die Wümme-Zeitung hat sich umgehört.
03.08.2022, 22:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Irene Niehaus

Grasberg/Lilienthal/Worpswede. Als großes Glück bezeichnet Joachim Runge es, eine Auszubildende  gefunden zu haben. Die junge Frau fängt zum 1. September bei dem Grasberger Malerfachbetrieb Rohlfs & Runge an. "Sie hat schon eine abgeschlossene Ausbildung und wollte eine neue Herausforderung", weiß Malermeister Runge. Er freut sich, denn wie fast überall im Handwerk werden Auszubildende dringend gesucht. Früher konnte Joachim Runge aus drei bis vier Bewerbungen auswählen, heute ist er froh, wenn überhaupt eine eintrudelt.

Frisör Krumbach kann derzeit gar keine neue Lehrstelle besetzen. Der Lilienthaler Betrieb sucht händeringend ein bis zwei Azubis. Stellenanzeigen und Social Media brachten laut Mitarbeiterin Nina Habelmann bisher nicht den gewünschten Erfolg. Auch die Arbeitsagentur konnte nicht weiterhelfen.  Das Handwerk habe ein Imageproblem, glaubt Friseurmeisterin Habelmann. Junge Menschen würden eher ein Uni-Studium anpeilen, meint sie. Dabei biete die Ausbildung ähnliche Karrierechancen. Sie selbst verdiene nach Weiterbildung und Meisterausbildung recht gut. Allerdings sei die tarifliche Ausbildungsvergütung zum Beispiel in ihrer Branche recht niedrig.

Noch 380 Lehrstellen im Handwerk unbesetzt

Immer weniger junge Menschen entscheiden sich in Niedersachsen für eine Ausbildung in einem Handwerksberuf. Das zeigen Zahlen der Landesvertretung der Handwerkskammer. Demnach wurden im Jahr 2011 noch 19.000 Lehrverträge abgeschlossen, 2021 waren es lediglich 15.500. Zum Ausbildungsstart sind rund 380 Lehrstellen im Bezirk der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade noch unbesetzt. Im Landkreis Osterholz dürften es im Handwerk rund 50 sein, schätzt Jörg Nowag, Sprecher der Arbeitsagentur, zu deren Bezirk neben Bremen und Bremerhaven auch der  Landkreis Osterholz gehört.

Viele Lehrstellen gebe es noch für Dachdecker, Land- und Baumaschinenmechatroniker, Kfz-Mechatroniker und Anlagenmechaniker, weiß Eckhard Sudmeyer, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade. Auch er sagt: Im Handwerk seien die Karrierechancen so gut wie nie. „Wer jetzt eine Ausbildung im Handwerk startet, wird Teil der Energie- und Mobilitätswende, ist aktiv im Umwelt- und Klimaschutz tätig und bringt den Ausbau der analogen und digitalen Infrastruktur voran", wirbt der Hauptgeschäftsführer.

Eltern drängen auf Studium

Diese Aussichten scheinen bei den jungen Leuten noch nicht angekommen zu sein. Malermeister Joachim Runge vermutet zum einen, dass viele Eltern bei ihrem Kind auf ein Studium drängen. Zum anderen sei der Azubi-Mangel im Handwerk hausgemacht. Die Branchen hätten in den guten Zeiten versäumt, den Beruf des Handwerkers nach außen hin als etwas Positives darzustellen. Azubis mit Geld oder  Vergünstigungen anzulocken, davon halte er nichts, "wo soll das hinführen?" Um so erleichterter ist Runge, dass sich die junge Bewerberin nach einem zweiwöchigen Praktikum für seinen Betrieb entschieden hat, in dem eine ganze Reihe Frauen arbeiten. 

Über einen Kundenkontakt ist die Stefan Arste GmbH, ein Betrieb für Heizung, Sanitär und Solar in Worpswede, eher zufällig an den neuen Auszubildenden gekommen. Bewerbungen habe es nicht gegeben, sagt Jung-Meister Dominik Giessler. Hände schmutzig machen, das wolle heute kein Jugendlicher mehr. Abends sei man nach der Arbeit kaputt, und der Ton im Handwerk könne schon ziemlich rau werden. "Dass man aber auch was im Kopf haben muss, weiß kaum jemand", betont der 22-Jährige. Er schätze seinen Beruf als Heizungsbauer sehr, er habe sich nach der Mittleren Reife bewusst fürs Handwerk entschieden, die Arbeit sei vielfältig und mit guten Verdienstmöglichkeiten nach oben hin verbunden. Noch sei eine Stelle im Handwerk für junge Menschen wenig attraktiv, aber ein Umdenken auch bei Eltern nicht auszuschließen, vermutet Giessler, ganz nach dem Motto: "Handwerk hat ja doch goldenen Boden."

Verunsicherung durch Pandemie

Seit 1991 bildet die Schlosserei Iwanowski aus.  Die Zeiten, in denen sich das Unternehmen aus einer Vielzahl an Bewerbern die besten aussuchen konnten, seien lange vorbei, bedauert Metallbaumeister Norbert Iwanowski, der seinen Lilienthaler Betrieb mit Sohn Ralf führt. Im vergangenen Jahr habe es keine Bewerbung gegeben, und auch für dieses Jahr sehe es so aus, als würden sie leer ausgehen. "Alle Betriebe haben diese Probleme", weiß Iwanowski, der in seiner Innung Metall Bremen im Prüfungsausschuss sitzt. Dass es so schlecht aussieht, hänge sicherlich auch mit der Corona-Pandemie zusammen, meint der Handwerksmeister. Die Lockdowns verunsicherten Jugendliche hinsichtlich ihrer Zukunftsaussichten und belasteten die Zusammenführung von Ausbildungsstellen und -interessenten aufgrund ausgefallener Berufsorientierung und Praktika zusätzlich.

Die Handwerkskammern sind aber nicht untätig, um den Handwerksberuf wieder attraktiv zu machen.  Der Fachverband Sanitär Heizung Klima hat die Nachwuchskampagne „Zeit zu starten“ ins Leben gerufen, um junge Leute auf den Beruf Anlagenmechaniker aufmerksam zu machen. Der Landkreis Rotenburg initiierte in Kooperation mit der Kreishandwerkerschaft Elbe-Weser das Projekt „Passt“ und schuf dafür extra Stellen. Es gehen Menschen in die Betriebe und in Schulen, um dort zu beraten.

Gegenseitiges Kennenlernen durch Praktikum

85 Prozent der Betriebe setzen laut einer Umfrage für das Azubi-Recruiting auf Praktika, auch die meisten, die wir befragten. Manchmal funktioniert es aber auch allein über Mundpropaganda. Über die seien stets seine Auszubildenden gekommen, sagt Zimmerermeister Dieter Köster von der Firma  Holzbau Köster in Rautendorf. "Wir haben gar keine Probleme, jemanden zu finden."

Zur Sache

Bei der Berufswahl spielen viele Faktoren eine Rolle

„Eine Ausbildung kann auch nach dem traditionellen Start des Ausbildungsjahres am 1. August begonnen werden“, betont Eckhard Sudmeyer, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade. „Wer sich noch nicht festlegen konnte, sollte die Ferienzeit nutzen und sich über die verschiedenen Berufe informieren oder Schnupperpraktika absolvieren." Eine Bewerbung lohne sich auf jeden Fall noch, appelliert Sudmeyer.

Entscheidend für die Berufswahl sollten Eignung und Neigung sein, sagt Jörg Nowag von der Agentur für Arbeit in Bremen, da die Wahrscheinlichkeit des Ausbildungserfolges steige, wenn man sich mit etwas beschäftige, an dem man Interesse habe und auch begabt sei. Die Berufsberatung versuche mit jedem Jugendlichen, diese Aspekte im Rahmen der Berufsorientierung herauszuarbeiten und mache Vorschläge zu Ausbildungsstellen.

Tatsächlich spielen laut Nowag neben Eignung und Neigung aber ganz viel andere Faktoren eine Rolle bei der Berufswahl von Jugendlichen. Erwartungen und Beratungsverhalten von Eltern und Verwandten etwa, ebenso wie das Verhalten des besten Freundes, der Freundin oder Mitschüler (Peer-Group). Einfluss hätten zudem  positive Beispiele aus der Verwandtschaft oder Bekanntschaft. Daneben spielten die Medien eine Rolle. "Wenn Immobilien-Dokusoaps laufen, wollen mehr junge Leute Immobilienkaufmann oder Makler werden." In die Berufswahl fließen Nowag zufolge auch Faktoren wie das Image des Berufs, die Arbeitszeiten, die späteren Verdienstmöglichkeiten sowie Aufstiegs- und Karrierechancen und Aspekte wie regionale Mobilität.

Auf der Suche nach Azubis punkten Betriebe laut Nowag mit einem guten Image, guter Ausbildung, überbetrieblichen Leistungen und Übernahmegarantien, gegebenenfalls auch mit der Unterstützung bei Fahrtkosten für Arbeitswege, Auslandspraktika im Rahmen der Ausbildung oder Belohnung besonderer Leistungen.

Jugendliche sollten sich nicht nur auf einen Beruf festlegen, so Jörg Nowag, sondern auch Alternativen mit dem Berufsberater entwickeln, sich Berufe hinsichtlich der Inhalte genau ansehen und Praktika machen, um den Betrieb kennenzulernen.

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