Geschäftsbericht

Jede Maschine ist wie ein Maßanzug

Obwohl der Name es vermuten lässt: Das Bremer Werk für Montagesysteme ist nicht in der Hansestadt ansässig, sondern schon lange in Lilienthal. Dort entwickelt und baut die Firma automatische Produktionsanlagen.
27.05.2019, 18:08
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Lutz Rode
Jede Maschine ist wie ein Maßanzug

Der Geschäftsführer des Bremer Werks für Montagesyteme, Franz-Josef Klegraf, führt durch die Werkshallen.

von Lachner

Lilienthal. Ob Frischhaltedosen mit Clip-Verschluss, Rasierapparate oder Brüheinheiten von Kaffee-Automaten, sie alle haben eines gemeinsam: Die Maschinen, die sie hergestellt haben, stammen aus Lilienthal – entworfen, montiert und programmiert im Bremer Werk für Montagesysteme GmbH (bwm). Vor knapp neun Jahren ist das Unternehmen von Oslebshausen ins Gewerbegebiet Moorhausen gezogen und hat dort die Hallen des Kabelkonfektionärs Leoni übernommen. Seither werden dort vor allem Sondermaschinen gefertigt, die im Sekundentakt voll- oder halbautomatisch Produkte der verschiedensten Art herstellen können. Von der Stange gibt es da nichts, alles wird auf Maß gebaut.

Chef von bwm ist Franz-Josef Klegraf. Der 52-jährige Manager hat das Geschäft von der Pike auf gelernt: 30 Jahre lang arbeitete er in verschiedensten Positionen für den Hella-Konzern, kletterte die Karriereleiter nach oben, trug Produktionsverantwortung für 15 Werke weltweit. Doch sein Traum war es immer, sich mit einem eigenen Unternehmen selbstständig zu machen. Als sich die Chance bot, bei bwm einzusteigen, zögerte er nicht lange und griff zu. Erst waren es 14 Prozent der Anteile, die er vor vier Jahren an der Firma übernahm. Seit Anfang des Jahres gehört ihm das Unternehmen ganz.

Chef und Inhaber zugleich

Klegraf stellt gern heraus, dass die mittelständische Firma inhabergeführt ist. Der persönliche Kontakt zu den Kunden und ihren Wünschen sind dem Chef wichtig, er setzt auf Verbindlichkeit und den kurzen Draht zu den Auftraggebern. „Falls nötig, steht auch am Sonntag innerhalb einer Stunde ein Ansprechpartner zur Verfügung, der kompetent helfen kann, falls es Probleme mit einer unserer Maschinen gibt. Niemand strandet in einem Callcenter, wo er weitergereicht wird“, sagt er.

Bei bwm ist Teamarbeit angesagt: 94 Mitarbeiter zählt das Unternehmen aktuell. Ingenieure, Techniker, Elektriker oder Programmierer kümmern sich darum, dass die Kundschaft genau die Maschine bekommt, die auf ihre jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Die Teile, die bwm für die Sondermaschinen braucht, werden nicht selbst hergestellt, sondern in der Regel zugeliefert. „Wir drehen, bohren und schleifen nichts. Die Teile haben heutzutage oft eine so schwierige Geometrie, dass für die Herstellung spezielle Maschinen nötig sind. Bei uns würde sich die Investition nicht lohnen, weil sie unterm Strich nicht ausgelastet wären“, sagt Klegraf.

Auf eine Branche ist das Unternehmen nicht spezialisiert, was aus Sicht von Klegraf eine besondere Stärke ist. „Viele andere Anbieter sind in einer Branche zu Hause. Wir machen alles quer durch den Garten. Es gibt nicht mehr viele Betriebe, die dazu bereit sind“, sagt Klegraf. Die Firma ist darauf ausgerichtet, die Aufträge vom Erstgespräch mit dem Kunden, über den Entwurf bis zur Konstruktion und die Auslieferung komplett in eigener Regie abzuarbeiten und dafür dann auch die volle Verantwortung zu übernehmen. Die Erfahrung habe gezeigt, dass alles andere häufig Schwierigkeiten mit sich bringe.

1000 Roboter verbaut

Wer einen Rundgang durch die Werkhallen macht, kann dort unter anderem aktuell eine Maschine entdecken, die vollautomatisch Fußmatten auf Maß herstellen kann, erklärt Klegraf bei einem Treffen von Unternehmern, das der regionale Ableger des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft organisiert hat. Bisher war für die Herstellung der Fußmatten Handarbeit angesagt. Als in der Unternehmerrunde das Stichwort „Jobkiller“ fällt, bleibt der Chef gelassen. „Glauben Sie denn, dass, wenn die Produktion weiter mit Hand gemacht wird, dies auch weiterhin in Deutschland passieren wird?“, stellt er die Gegenfrage. Er ist überzeugt: Solche Arbeitsplätze wanderten in der Regel in Länder ab, in denen das Lohnniveau niedriger sei.

Der Lilienthaler Mittelständler profitiert von der voranschreitenden Automatisierung in der Wirtschaft. Im vergangenen Jahr hat die Firma ihren 1000. Roboter in eine Maschine eingebaut. „60 Stück waren es allein 2018. In diesem Jahr sind wir schon jetzt darüber hinaus“, berichtet Klegraf. Im Schnitt erwirtschaftet die Firma einen jährlichen Umsatz von 20 Millionen Euro. Der Mittelständler ist international unterwegs, bwm-Maschinen kommen weltweit zum Einsatz. Abnehmer gibt es in China oder zum Beispiel auch in Mexiko. Abgerechnet werden die Geschäfte ausschließlich in Euro. Damit soll das Risiko von Währungsschwankungen ausgeschlossen werden.

Bei bwm werden nicht nur Maschinen im Kundenauftrag gebaut, sondern die Firma entwickelt auch eigene Sondermaschinen. So hat das Unternehmen einen so genannten Tray-Feeder zur Marktreife gebracht – eine Maschine, die mit Hilfe von Robotern vollautomatisch Paletten stapelt und Bauteile für die Produktionen aller Art ohne Unterbrechungen und Störungen bereit stellen kann. Auch ein fahrerloses Transport-System stammt aus dem Haus, das von Interessenten gemietet und getestet werden kann. Bei fast allen Projekten ist höchste Präzision gefragt, um die sich die Lilienthaler Firma kümmert.

Auf Expansionskurs

Bis ein Projekt komplett abgewickelt ist und eine neue Maschine in Betrieb geht, können schon mal acht Monate vergehen: Das Lilienthaler Werk ist so ausgelastet, dass vor Ende Juli kein neuer Großauftrag in Angriff genommen werden kann, vor Februar 2020 werde es dann nicht beim Kunden stehen, sagt Klegraf. In den vergangenen Jahren hat sich das Unternehmen auf seinen Konsolidierungskurs konzentriert, aktuell wird in der Chefetage darüber nachgedacht, wie die Expansion der Firma vorangebracht werden kann. Ob der Betrieb in Lilienthal weiter ausgebaut wird und zusätzliche Fachleute eingestellt werden oder ob ein weiterer Standort im Süden Deutschlands mehr Sinn macht oder gar in einen Fertigungsbetrieb investiert wird, der Teile für bwm fertigt, ist laut Firmenleitung noch nicht ausgemacht.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+