Diskussion mit Bürgermeisterkandidaten

Jugendliche legen Ideenkatalog für Lilienthal vor

Über die Möglichkeiten, die Gemeinde Lilienthal nachhaltiger auszurichten, haben Jugendliche mit den Bürgermeister-Kandidaten diskutiert. Zugleich ging es darum, wie sich junge Leute beteiligen können.
28.08.2021, 10:05
Lesedauer: 4 Min
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Jugendliche legen Ideenkatalog für Lilienthal vor
Von André Fesser

Lilienthal. Rund zwei Wochen vor der Kommunalwahl haben sich die Kandidaten für das Bürgermeisteramt in Lilienthal vor einer Gruppe junger Leute bewähren müssen. Lara Miesner, Maria Lohmann-Mendoza und Moritz Lilienthal gehen oder gingen in Lilienthal zur Schule und und haben in Begleitung der örtlichen Freiwilligenagentur in den vergangenen Wochen darüber nachgedacht, wie sich der Nachhaltigkeitsgedanke in das Handeln der Gemeindeverwaltung integrieren ließe. In den Räumen der Philippusgemeinde konfrontierten sie die Kandidaten nun mit ihren Vorschlägen.

Das Projekt „Stadt, Land, Future! In welcher Welt möchten wir leben?“ war keine Lilienthaler Idee, sondern auch in fünf anderen Gemeinden in Niedersachsen gestartet worden. Laut Regine Moll von der Freiwilligenagentur sind die drei Lilienthaler aber die Einzigen, die bis zum Ende durchgehalten und ein Ergebnis vorgelegt haben. Für sie galt es, die 17 Nachhaltigkeitsziele, die die Vereinten Nationen bis 2030 weltweit umsetzen wollen, für die Arbeit in einer Gemeinde wie Lilienthal zu übersetzen.

Vorschläge für ganz Lilienthal

Das Ergebnis, das am Freitagabend vor rund 30 überwiegend jungen Besuchern präsentiert wurde, fällt mal abstrakt aus, mal aber auch ganz konkret. Etwa wenn zur Erreichung des Nachhaltigkeitsziels der sauberen Energieerzeugung die Ausstattung öffentlicher Gebäude mit Solaranlagen gefordert wird. Auch der nachhaltige Konsum könnte vorankommen. So könnte eine Gemeindeverwaltung Einrichtungen wie Schulmensen und Kitas mit Produkten aus der Region versorgen oder zumindest auf den Einkauf fair gehandelter Waren achten. Der Vorschlagskatalog umfasst aber auch einen attraktiver Nahverkehr, den Abbau von Ungleichheit und die Forderung eines konkreten Zeitpunkts für die Klimaneutralität der Gemeinde.

Rund ein Dutzend Mal haben sich die Projektteilnehmer getroffen, um ihre Vorschläge zu erarbeiten und zu formulieren. Zwar sei es aus Zeitgründen nicht gelungen, aus den vielen Ansätzen auch so etwas wie ein Wahlprogramm zu formulieren. Lara Miesner (19), Maria Lohmann-Mendoza (17) und Moritz Lilienthal (16) wollen aber den Vorschlag des grünen Bürgermeister-Kandidaten Kim Fürwentsches aufnehmen und die Unterlagen zusammenzufassen, damit sie den künftigen Gemeinderatsleuten auch in Zukunft noch mal vor Augen geführt werden können. Denkbar sei es auch, so Moritz Lilienthal, ein Ampelsystem zu entwickeln, das auf einen Blick deutlich macht, wo genau die Gemeinde bei der Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele steht.

Im Groben einig

Dass man sich dieser Ziele widmen muss, darüber herrschte unter den Bürgermeisterkandidaten weitgehend Einigkeit. Der Linke Andreas Strassemeier ("Die Gemeinde muss der Treiber der Nachhaltigkeit sein") und der Grüne Fürwentsches betonten gleich zu Beginn, dass Nachhaltigkeit und Klimaneutralität zentrale Bestandteile ihrer Wahlprogramme seien. Auch Evelin Wöstenkühler (SPD) unterstrich, dass der Klimaschutz für sie eine Querschnittsaufgabe sei, die obendrein auch über Lilienthals Grenzen hinaus bewältigt werden müsse.

Kristian Tangermann (CDU) warf in diesem Zusammenhang die Frage auf, ob es denn immer der Staat sein muss, der vorangehen soll. Er riet jedem Bürger dazu, sich an die eigene Nase zu fassen und zu fragen, was man selbst tun kann, um weiter gut leben zu können. Und er verwies auf die Kosten: Nachhaltigkeit bedeute auch, Schulden abzubauen, anstatt neue zu machen. Auch Claus Tietjen (Querdenker) appellierte an die Eigeninitiative junger Menschen. Es gelte, eine richtige Lebensweise vorzuleben und die Dinge selber anzupacken. Man müsse sagen: "Ich will das haben, dann mache ich das auch." So könnten auch andere zum Mitmachen animiert werden.

Jugendliche beteiligen

Im Zuge der Diskussion wurde auch die Frage der Beteiligung Jugendlicher an Entwicklungs- und Entscheidungsprozessen thematisiert. Während der Linke Strassemeier wiederkehrende Diskussionsrunden mit Bürgerinnen und Bürgern etablieren will, gab Henry Balzer (FDP) zu bedenken, dass Jugendliche kaum mit jemandem über 50 diskutieren wollten. Vielmehr sollte man ihnen die Gelegenheit geben, ihre Ideen einzubringen und diese auch umsetzen lassen.

Der Grüne Fürwentsches riet dazu, auf Kinder und Jugendliche zuzugehen, zumal es derzeit in Lilienthal kein Jugendparlament gebe. SPD-Kandidatin Wöstenkühler hält derartige Institutionen ebenfalls für sinnvoll. Kristian Tangermann merkte an, dass er für ein Jugendparlament offen sei, der Impuls dafür aber von den Jugendlichen selbst kommen müsse.

Mit Blick auf eine nachhaltige Entwicklung der Gemeinde bis 2030 müsste die Arbeit jetzt erst losgehen. Tatsächlich muss sich noch zeigen, wie nachhaltig das "Stadt, Land, Future!"-Projekt wirken wird. Auf dem zehnwöchigen Weg zur Podiumsdiskussion mit den Bürgermeisteranwärtern haben Lara Miesner, Maria Lohmann-Mendoza und Moritz Lilienthal einige ihrer jugendlichen Mitstreiter verloren. Sie betrachten das Projekt und den Abend dennoch als Erfolg: Sie hätten auf diese Weise einen Ort gefunden, sich einzubringen, sagte Lohmann-Mendoza. Das hätte es vorher nicht gegeben.

Zur Sache

17 Nachhaltigkeitsziele

Vor sechs Jahren hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen im Rahmen einer Agenda 2030 17 globale Ziele für nachhaltige Entwicklung beschlossen, die Sustainable Development Goals (SDGs). Sie richten sich an die Regierungen weltweit, aber auch die Zivilgesellschaft, die Privatwirtschaft und die Wissenschaft. Mit der Agenda will die Weltgemeinschaft weltweit ein menschenwürdiges Leben ermöglichen und dabei zugleich die natürlichen Lebensgrundlagen bewahren. Die Ziele umfassen ökonomische, ökologische und soziale Aspekte. Die 17 globalen Ziele betreffen Handlungsfelder wie den verstärkten Einsatz für Frieden und Rechtsstaatlichkeit, die Bekämpfung von Korruption, die Gleichstellung von Frauen und Männern, den Zugang zu Wasser, aber auch Bildung für alle oder den Schutz des Klimas und der Ressourcen. Zudem soll kein Mensch mehr unter Hunger leiden müssen.

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