Neue Sportart

Juggernauten für Lilienthal

Das Ferienprogramm in der Region Osterholz ist dick und vielfältig. Darin taucht eine neue Sportart auf: Jugger. Die WÜMME-ZEITUNG hat sich das mal angeschaut.
23.07.2019, 18:15
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Juggernauten für Lilienthal
Von Kim Torster
Juggernauten für Lilienthal

Mit Schaumstoff umwickelte Stäbe in verschiedenen Längen sind die "Waffen" der Jugger-Spieler.

fotos: Anne Werner

Lilienthal. Zwei Mannschaften – drei Mädchen auf der einen Seite, drei Jungen auf der anderen – stehen sich mit ein paar Metern Abstand gegenüber. Zwischen ihnen ist ein Kreis mit Hütchen abgesteckt, ihre Kampfarena. In den Händen halten die Kinder Waffen, die sie nun in die Luft recken. Das ist das Zeichen. Jetzt kann es losgehen. „Drei, zwei, eins: Jugger“, ruft Jugendbetreuer Tom Brünings und beginnt, auf seine Trommel zu schlagen. Die Kinder stürmen aufeinander zu.

Aber von vorn. Es ist ein Nachmittag im Juli, sonnig, 25 Grad. Gleich wird in Lilienthal zum allerersten Mal offiziell Jugger gespielt. Tom Brünings von der Kommunalen Jugendarbeit bietet den Kursus im Ferienprogramm an. Er hat sich dafür mit einer sechsköpfigen Gruppe Zehn- bis Zwölfjähriger im Amtsgarten getroffen. Hier ist genügend Platz, und im Schatten der Bäume kann man sich in den Pausen gut ausruhen.

Es ist Ferienzeit in Bremen und Niedersachsen. Im ganzen Landkreis Osterholz bieten Vereine und Privatpersonen Kurse und Aktionen für Kinder und Jugendliche an. Vieles davon ist für die Kinder umsonst oder kostet nur ein paar Euro. Fußballspielen, Reiten, Malen. Und nun eben auch Jugger.

Alles ganz harmlos

Was im ersten Moment martialisch aussieht, ist eigentlich ganz harmlos. Jugger ist ein Sport, bei dem es im Kern darum geht, den Jug – in diesem Fall ist das eine Art selbst gebastelter Football – in das gegnerische Mal, einen Ring, zu befördern. Die Mannschaften versuchen, sich gegenseitig daran zu hindern, indem sie sich mit ihren Waffen treffen. Diese „Waffen“ sind eigentlich mit Schaumstoff umwickelte Stäbe in verschiedenen Längen und ein Softball an einem Seil. Weil sie niemanden verletzen und das auch gar nicht sollen, werden sie nicht als Waffen, sondern als Pompfen bezeichnet. Wer „verpompft“, also getroffen wurde, muss für kurze Zeit eine Auszeit nehmen: Dann kniet er sich hin und wartet fünf Trommelschläge ab.

Weil aber allein der Umgang mit den Pompfen schon eine Wissenschaft für sich ist, startet Brünings den Kursus an diesem Tag erst einmal mit Duellen. Jedes der Kinder darf sich eine der Pompfen aussuchen, dann treten sie paarweise gegeneinander an. Kurz sieht man ihnen das Zögern an. Ihre Schläge treffen meist nur die Pompfe des Gegenübers und nicht den Körper. Brünings muss noch einmal klarmachen: „Ihr müsst schon auf den Körper zielen.“ Als seine zwölfjährige Gegnerin im Duell gegen ihn zum Schlag ansetzt, nutzt er die Gelegenheit, um ihr einen schnellen und gezielten Stoß zu verpassen. Als die nächste an der Reihe ist, sagt sie: „Oh ne, du bist so gut!“ Und Brünings erklärt ihr, dass es nicht ums Gewinnen geht, sondern darum, gemeinsam zu üben und besser zu werden. Er könne ihr gute Tipps geben.

Brünings spielt selbst seit vier Jahren Jugger und ist sogar Teil einer festen Mannschaft: der Weserkraken aus Bremen. Er sagt, er habe das Spiel immer schon in die Jugendarbeit integrieren wollen. „Es wirkt erstmal sehr hart“. Das sei es aber gar nicht. Um ein guter Juggernaut zu werden, brauche es nicht Kraft, sondern Fingerspitzengefühl. Deshalb sei der Sport geschlechterübergreifend beliebt. Und tatsächlich: Zu seinem Kursus sind sowohl drei Jungs als auch drei Mädchen gekommen.

Im Laufe des Tages tastet sich die Gruppe gemeinsam an Jugger heran. Das ist nämlich gar nicht so einfach: Immer wieder tauchen Fragen zum Regelwerk des Spiels auf. Dann geht es um Probleme wie: „Muss man die Langpompfe mit beiden Händen greifen?“ oder „Darf ich jemanden, der verpompft ist, direkt noch einmal pompfen?“

Als Brünings den Kindern gerade den nächsten Schritt erklärt, kommt sein Kollege Jürgen Manteufel vorbei, setzt sich auf eine Bank und schaut eine Weile zu. Der Jugendbetreuer ist in seinem Job ein alter Hase. Auch er ist begeistert von Jugger. Zur Wertevermittlung sei das Spiel ideal. Es gehe viel um Fairness und Ehrlichkeit. Schließlich hinterlassen die Pompfen keine Markierungen – wer getroffen ist, muss das im Zweifel selbst signalisieren. Auch wenn er dann verliert. Außerdem sei Jugger ein ideales Spiel für Kinder, die gerade im Begriff sind, erwachsen zu werden. Das Spiel-Prinzip ähnelt dem klassischen Tick-Spiel – aber durch die Pompfen und den Jug wird es spannender gemacht. Das Verletzungsrisiko sei dennoch sehr gering. Ein Schlag mit einer Pompfe tut nicht weh – das bestätigen die Kinder.

Am Ende des Kurses wird jedes Kind eine Lieblingspompfe auserkoren haben. Einer der Jungen schwört auf die Kette – einen Softball an einem über drei Meter langen Seil, den man am Seil schwingen und dann werfen kann. Eines der Mädchen spielt am liebsten mit der Kurzpompfe inklusive Schild – eine Pompfenkombination, die man ähnlich wie im Schwertkampf einsetzt.

Die Bewegungen der Kinder sind mittlerweile viel gezielter. Jetzt probieren sie die ersten Spielzüge, finden heraus, welche Taktik wohl am besten funktioniert. Brünings gibt Tipps, aber ermutigt die Kinder, ihre eigenen Erfahrungen zu machen. Wie in jeder Sportart – und im Leben überhaupt – heißt es auch beim Jugger: Übung macht den Meister.

Info

Zur Sache

Über Jugger

Die Idee für Jugger stammt aus dem australischen Endzeit-Film „Die Jugger – Kampf der Besten“ aus dem Jahr 1989. Vor allem in Deutschland etablierte sich der daraus entstandene Sport. Das erste Jugger-Turnier überhaupt fand 1995 in Hamburg statt. Mittlerweile wird Jugger auch in anderen Ländern immer beliebter. Vor allem in Spanien und England gibt es eine immer größer werdende Jugger-Szene.

Weitere Informationen

Am Dienstag, 30. Juli, um 12 Uhr gibt Tom Brünings erneut einen Jugger-Kursus im Amtsgarten. Interessierte werden gebeten, sich bis zum 28. Juli unter 04298/92 91 80 bei ihm anzumelden.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+