Kommentar Querdenken um jeden Preis

Der Dialog mit Uneinsichtigen ist sinnlos, Hygiene und Abstand sind in diesen Zeiten geboten. Konsequent querdenken hätte geheißen, sich von der Allianz der Unvernunft zu distanzieren, kommentiert Lars Fischer.
30.08.2020, 06:59
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Von Lars Fischer

Querdenken ist schwer angesagt in diesen Tagen. Was die Menschen darunter verstehen, ist durchaus unterschiedlich, es eint sie ein diffuser Wunsch nach dem Abheben vom sogenannten Mainstream. Dabei ist das, was eine Mehrheit meint, nie deswegen falsch, weil es eine Mehrheit hat, sondern es ist eine Frage des Inhalts.

Grundsätzlich ist ja die Idee des Nachsinnens außerhalb der Konventionen und der ewig gleichen Diskurse ein bereichernder Ansatz. So haben sich die Lilienthaler Querdenker selbst verstanden: als Alternative zur festgefahrenen Parteienlandschaft mit belebenden Argumenten, die sonst nicht zu hören waren. Ob die immer besser waren, sei dahingestellt. Dass diese Haltung per se wenig Gegenliebe der anderen Lokalpolitiker nach sich zieht, hat die Gruppe billigend in Kauf genommen oder mit stiller oder weniger stiller Genugtuung gar genossen.

Nun haben sich andere Gruppierungen mit anderen Zielsetzungen das Attribut des Querdenkens zu eigen gemacht. Eine unheilige Allianz der Unvernunft, von eher links geprägten Hippies bis hin zu strammen Rechten, demonstriert unter diesem Deckmantel gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Ihrer Grundrechte und der Meinungsfreiheit sehen sie sich beraubt, auch weil sie eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen müssen. Dabei übersehen sie, dass jene erst möglich macht, dass sie ihren zum Teil hanebüchenen Unsinn laut und medienwirksam propagieren können. Der Kabarettist Florian Schroeder hat diese Bewegung mit seinem Auftritt in Stuttgart auf brillante Weise entlarvt.

Und was machen die Lilienthaler Querdenker? Statt tatsächlich ihrem Namen gerecht zu werden und sich von einer in großen Teilen verquerdenkenden Bewegung zu distanzieren, kritisieren sie die Initiative der Gemeinde, sich dem Bündnis „Niedersachsen hält zusammen“ anzuschließen, weil dort eben auch eine klare Absage an Verschwörungstheorien und Populismus formuliert ist.

Ist das nur der übliche Impuls, erst mal und sowieso immer dagegen zu sein? Oder steckt mehr dahinter, möglicherweise schon der kommende Wahlkampf? So oder so, es ist ein gefährliches Unterfangen, sich so zu verhalten, dass zumindest eine Nähe zu den Verbohrten und Aufgebrachten unterstellt werden kann. Loriot prägte einst den Satz „Liberal heißt im liberalen Sinne, nicht nur liberal zu sein.“ Konsequent querdenken hätte geheißen, sich in dieser Situation vom eigenen Namen abzuwenden und so ein klares Zeichen zu setzen: für eine pluralistische Gesellschaft, aber gegen jene, die hinter dem Vorwand einer ach so kritischen Haltung eben diese gefährden.

Der Dialog mit den Uneinsichtigen ist sinnlos, es gibt keine gemeinsame Basis mehr. Ob man ihnen nun verbal den Aluhut aufsetzen will oder nicht, es ist auf jeden Fall geboten, solche Gruppierungen klar und deutlich zu isolieren. Hygiene und Abstand sind die wichtigsten Begriffe der Corona-Zeit. Dass sie helfen, zeigt die Erfahrung. Vor allem der Abstand zu denen, die das nicht wahrhaben wollen, zeichnet diejenigen aus, denen man zutrauen kann, diese Krise mit Vernunft zu überwinden.

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