Worpsweder Kunstschule Paula Gute oder Böse auf 883 Karten

„Von Helden und Schurken“ heißt die Ausstellung von Nathan Conzelmann in der Worpsweder Kunstschule Paula. Der 13-Jährige malt Spielkarten, mit denen Besucher sich in einer Arena auch duellieren dürfen.
14.02.2021, 19:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Lars Fischer

Worpswede. Der Kampf zwischen Gut und Böse ist seit Jahrtausenden ein zentrales Thema der Kunst. Nicht zufällig sind die Mythen der Antike und die Visionen von Science-Fiction-Filmen oft nicht weit auseinander. Mittendrin in diesem unendlichen Spannungsfeld steht Nathan Conzelmann. Der 13-Jährige aus Lilienthal hat sein eigenes Kunst-Universum geschaffen, in dem er „Von Helden und Schurken“ erzählt. So heißt seine erste Ausstellung, die die Worpsweder Kunstschule „Paula – lebendiger Galerieraum“ aktuell zeigt.

Tatsächlich ist das Nachwuchstalent damit zurzeit der einzige, der eine real sichtbare Ausstellung im Künstlerdorf präsentiert. Zwar ist auch die Kunstschule nicht regelmäßig geöffnet, Interessierte können aber individuelle Besuchstermine vereinbaren. Sie erwarten drei sehr unterschiedliche Räume, die Conzelmann zusammen mit der Dozentin Judith Biehler gestaltet hat. Den Beginn bildet eine Werkstatt, in der Besucher auch selber kreativ werden dürfen. Dort gibt es Erklärungen zum Werk, eine Anleitung zu einem Spiel, eine Werkbank für eigene Karten-Entwürfe und einen Briefkasten, um diese oder Feedback an den jungen Künstler zu senden. „Kopf-Bauch-Beine-Figuren“ schauen einem dabei über die Schulter. Sie sind zusammengesetzt wie in dreigeteilten Kinderbüchern, in denen man die Körperteile unterschiedlicher Tiere wild mischen kann.

Miniaturen und Großformate

Das Hauptwerk, das im zweiten Raum zu sehen ist, bildet einen Ausschnitt aus dem Konvolut an Karten, die Nathan Conzelmann bisher geschaffen hat. Sie zeigen entweder gute oder böse Wesen, die Helden haben eine orangefarbenen Rand, die Schurken einen grünen. Wie ein Film laufen die Miniaturen in einem Streifen an der Wand entlang, ein Blitz markiert die Schnittstelle zwischen Helden und Schurken. Auf dem Boden liegt ein Spielfeld, die Arena, in der Kämpfe ausgetragen werden können. Dafür sind Spielkarten kopiert und laminiert worden, damit die Originale keinen Schaden nehmen, wenn Besucher sich mit ihnen bekämpfen. Ähnlich wie früher beim Auto-Quartett oder bei Trading Cards haben die einzelnen Wesen unterschiedliche Stärken, die auf den Karten angegeben sind. Wie genau das Duell funktioniert, ist im Vorraum auf einer Legende nachzulesen, bei der virtuellen Vernissage gab es eine Probepartie, die live via Internet übertragen wurde.

Vieles in dieser fantastischen Welt erinnert an Computerspiele und Science Fiction, wie im Marvel-Kosmos sind die Figuren auf irgendeine Weise alle miteinander verbunden. Tatsächlich nimmt Nathan Conzelmann aus solchen Werken Inspirationen mit. Bücher, Filme und Games liefern Ideen, die der Schüler strukturiert umsetzt. Manchmal entstehen so 70 Karten in einer Woche, manchmal kaum eine. Aber das Vorgehen ist immer das gleiche: Auf 50 Helden folgen 50 Schurken, ab Karte 400 ging es in 100er-Schritten weiter. 883 Karten sind so bisher entstanden, die Zahl hat Conzelmann auf Anhieb parat. Nur ein Held ist irgendwann abhandengekommen, er hat ihn inzwischen neu gemalt. Im dritten Raum dominieren dann Großformate. „Die Karte des Rumtreibers“ bezieht sich auf die Harry-Potter-Bücher, und der zur Legofigur eingeschrumpfte Steve aus dem Spiel Minecraft wird nun in überlebensgroße Dimensionen gerückt.

Nathan malt, wie fast alle Kinder, seit er sich erinnern kann, in der Grundschule wurde es dann mehr, begünstigt durch seine Großmutter, die als Malerin bei Fischerhude lebte. Sie ging mit ihm in Museen, und in der Kunst-AG an der Integrierten Gesamtschule in Grasberg traf der damalige Fünftklässler auf Judith Biehler von der Worpsweder Kunstschule. Er schickte der Dozentin Bilder von dem, was er zu Hause malte, und sie lud ihn ein, daraus eine Ausstellung für die „Paula“ zu gestalten. Daran haben beide über Monate gearbeitet, fast alle gezeigten Werke entstanden extra dafür neu. Mittlerweile ist das Universum weiter gewachsen, von irgendwo kommen immer neue Schurken, die gerade in der Überzahl sind. Aber zum Glück ist die 900. Karte nicht mehr fern. Dann ist wieder Heldenzeit.

Info

Zur Sache

Autismus-Spektrum-Störungen

Nathan Conzelmann zählt zu den rund 0,2 Prozent aller Kinder und Jugendlichen, bei denen Autismus-Spektrum-Störungen diagnostiziert werden. Früher bezeichnete man diese Form als Asperger-Syndrom nach ihrem Entdecker, dem Wiener Arzt Hans Asperger (1906 – 1980). Wegen dessen umstrittener Rolle während der NS-Zeit wird diese Bezeichnung inzwischen meist vermieden.

Neben Greta Thunberg oder Albert Einstein sollen auch Künstler wie Andy Warhol, Wolfgang Amadeus Mozart, David Byrne (Talking Heads) oder Gary Numan davon betroffen sein. Die Interpretation von Gesichtsausdrücken sei für ihn genauso schwierig gewesen wie das Verständnis von Ironie und Witz, berichtete der britische Musiker Gary Numan in seiner Autobiografie 2020. Er sehe aber auch Vorteile: „Es gibt dir einen Fokus“, sagte er der Neuen Züricher Zeitung. „Es gibt dir die Fähigkeit, schlechte Kritiken aus dem Weg zu schieben und weiterzumachen, als ob nichts gewesen wäre.“

Unter der Internet-Adresse www.autismus-bremen.de oder telefonisch unter 0421/ 468 86 80 ist der Verein Autismus Bremen zu erreichen, bei dem sich Betroffene umfangreich informieren können.

Weitere Informationen

Die Vernissage zur Ausstellung ist im Internet auf dem Instagram-Kanal /paula.lebendiger_galerieraum/ zu sehen. Besuchstermine können immer donnerstags zwischen 9.30 und 16.30 Uhr unter der Rufnummer 04792/ 95 12 91 vereinbart werden, der Eintritt ist frei.

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