Hobby-Astrofotograf im Interview

„Der Mond fasziniert die Menschheit“

Gerald Willems, erster Vorsitzender der Astronomischen Vereinigung Lilienthals (AVL), spricht im Interview über die Faszination der Astronomie, bedeutende Ereignisse und den anstehenden Astronomietag.
18.03.2021, 10:00
Lesedauer: 4 Min
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„Der Mond fasziniert die Menschheit“
Von Mario Nagel
Herr Willems, was macht für Sie die Faszination Astronomie aus?

Gerald Willems: Das ist im Wesentlichen die Tatsache, dass der Kosmos, aus dem alles entstanden ist, vor der Haustür liegt. Ich muss nur in den Garten gehen und die Augen offen halten. Mit den nötigen Gegenständen kann ich dann faszinierende Einzelheiten entdecken. Ich kann mich mit Dingen beschäftigen, die sich ständig entwickeln. Dieser fortlaufende Prozess reizt mich. Die Sternenbilder haben natürlich auch eine gewisse Ästhetik, aber uns dienen sie vor allem zur Orientierung, wenn wir am Nachthimmel unterwegs sind.

Wonach suchen Sie, wenn Sie am Nachthimmel unterwegs sind?

Ich mache mir immer eine Liste, wonach ich am Himmel suchen möchte. In der Regel sind das Projekte über mehrere Nächte. Als Astrofotograf bin ich in erster Linie auf dem privaten Sektor unterwegs. Ich habe in meinem Garten eine eigene Sternwarte. Da muss ich nur das Dach meiner Rolldachhütte aufschieben, in der mein großes Teleskop steht, und die Kamera und den Laptop anschmeißen.

In der Bevölkerung sorgen vor allem die Sonnen- und Mondfinsternis sowie Sternschnuppen für größere Aufmerksamkeit. Inwieweit sind diese Geschehnisse auch aus astronomischer Sicht von Bedeutung?

Das ist ganz individuell. Für das Verständnis der Himmelsmechanik sind diese Ereignisse unheimlich wichtig. In der Bevölkerung sind sie etwas Besonderes, weil die Ereignisse markant und nachvollziehbar sind. Für uns Astronomen haben sie aber ansonsten keine tiefere Bedeutung, weil es normale Abläufe sind, die über das Jahr eben passieren.

Welche Ereignisse lösen denn in der Astronomie zurzeit größere Aufmerksamkeit aus?

Tatsächlich ist es zurzeit etwas ruhiger am Nachthimmel. Im Sonnensystem durften wir im Dezember die große Konjunktion erleben, als der Jupiter ganz knapp am Saturn vorbeigezogen ist. Nun stehen die Planeten allerdings ganz tief am Osthorizont, bevor sie im Sommer wieder präsenter werden.

Gibt es in diesem Jahr Ereignisse, auf die Sie hin fiebern?

In diesem Jahr sind es im Sonnensystem im Wesentlichen die Oppositionen der Planeten. Wenn ein Planet der Sonne von der Erde aus gesehen genau gegenüber steht, dann ist dieser Planet der Erde am nächsten. In diesen Momenten sind wir Astrofotografen ganz besonders aufmerksam. Ein weiterer Höhepunkt sind die Perseiden im August. Über das Jahr gesehen passieren aber auch viele unvorhergesehene Dinge. Etwa, wenn sich ein Komet besonders hell entwickelt. So etwas lässt sich nicht vorhersagen.

Innerhalb kurzer Zeit sind vier Marsmissionen gestartet worden. Wie bewerten Sie das aus astronomischer Sicht?

Für die Astronomie ist die Raumfahrt an sich hochinteressant, weil wir dadurch etwas über das Sonnensystem erfahren können. Durch solche Missionen können Proben auf anderen Himmelskörpern wie dem Mond oder dem Mars analysiert werden. Wir erfahren, ob es mal Wasser oder sogar Leben gab. Das ist sehr interessant und wichtig. Die bemannte Raumfahrt fasziniert mich dagegen kaum. Ich bewundere zwar die technischen Leistungen, aber ich halte die Untersuchung des Kosmos für wichtiger. Die Marsmissionen gehören für mich daher genauso dazu wie die Teleskope auf der Erde oder im Weltraum.

Auf dem Mond wurde in tiefen Kratern bereits Wasser in Form von Eis nachgewiesen. In diesem Jahr ist die Kraterlandschaft des Mondes das Hauptthema des Astronomietages am 20. März. Warum?

Die Vereinigung der Sternfreunde legt das Motto in jedem Jahr fest, astronomische Einrichtungen wie wir greifen das jeweilige Thema dann auf. Der Mond fasziniert die Menschheit seit jeher. Wir wissen, dass er durch eine Kollision entstanden ist und mal flüssig war. Dazu ist die Oberfläche mit unzähligen Meteoriteneinschlägen übersät. Man kann sogar heute noch beobachten, wie kleine Meteoriten auf dem Mond einschlagen. Beim Astronomietag richten wir deshalb die Aufmerksamkeit ganz auf unseren kosmischen Begleiter. Ernst-Jürgen Stracke wird dazu einen Vortrag halten und zahlreiche Bilder zeigen.

Wie hilfreich ist der Astronomietag bei der Akquirierung von jungen Menschen?

Der Astronomietag wurde ins Leben gerufen, damit die Menschen mal Kontakt zu Astronomen sowie den Einrichtungen aufnehmen können oder um mal durch ein Fernrohr zu blicken. Dafür öffnen wir mittlerweile sogar zwei Mal im Jahr unsere Türen. Im Hinblick auf das Anwerben von Nachwuchs ist der Tag deshalb ganz wichtig. Der Anteil junger Leute in der Astronomie wird immer geringer. Wir hatten eine Zeit lang eine Kinder- und Jugendgruppe, die sich leider aufgelöst hat, weil es am Nachwuchs fehlte. Es ist für uns schwierig geworden, Kinder an die Astronomie heranzuziehen.

Wie war die Resonanz des Astronomietages in den vergangenen Jahren?

Im vergangenen Herbst haben wir den Astronomietag noch als Präsenzveranstaltung abgehalten. Die Inzidenz war da gerade über 50 gestiegen, die knapp 20 Besucher mussten deshalb Masken tragen und konnten aus Hygieneschutzgründen auch nicht mehr durch die Teleskope blicken. In den Vorjahren hatten wir aber, je nach Wetterlage, immer zwischen 50 und 80 Besucher.

Welche Frage wird Ihnen am häufigsten gestellt?

Von Laien werde ich am meisten gefragt, wie weit man mit so einem Fernrohr gucken kann. Eine pauschale Antwort darauf kann man gar nicht geben, auch wenn ich gerne sage: Ich kann so weit gucken, wie ich eben gucken kann. Genau genommen gibt es aber zwei Sichtweisen, die beide richtig sind. Ich kann sowohl einige hunderttausend Kilometer weit gucken und Einzelheiten auf dem Mond erkennen, ich kann aber auch genauso gut bis in andere Galaxien oder bis zum Rand des sichtbaren Universums blicken.

Das Interview führte Mario Nagel.

Info

Zur Person

Gerald Willems (66)

ist seit 2012 erster Vorsitzender der Astronomischen Vereinigung Lilienthal. Der Amateur-Astrofotograf ist mittlerweile Rentner und arbeitete zuvor als technischer Redakteur.

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Zur Sache

Virtueller Astronomietag

Am 20. März beteiligt sich die Astronomische Vereinigung Lilienthal (AVL) mit einer Online-Veranstaltung am Astronomietag. Die AVL folgt dabei dem Aufruf der Vereinigung der Sternfreunde (VDS). In diesem Jahr steht der Astronomietag unter den Mottos „Frühlingsbeginn“ und „Kraterlandschaft des Mondes“. Neben einer Einführung von Gerald Willems zum Thema Frühlingsbeginn und einem Vortrag von Ernst-Jürgen Stracke über den Mond soll es auch einen virtuellen Ausflug an den Nachthimmel geben, da der tatsächliche Blick durch das Fernrohr dieses Mal entfällt. Die Online-Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr über die Videokonferenz-App Zoom. Interessierte können sich bereits eine Stunde vorher in das Meeting einwählen, um ihre Technik einzurichten. Alle Einzelheiten zum Astronomietag sowie der notwendige Einwahllink sind unter www.avl-lilienthal.de zu finden.

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