Rückläufige Fahrgastzahlen in Lilienthal

Pandemie bremst die Linie 4 aus

Im Pandemiejahr 2020 haben deutlich weniger Fahrgäste die Straßenbahnstrecke durch Lilienthal genutzt. Die beiden Lockdowns im Frühjahr und Winter haben die Bilanz verhagelt.
11.01.2021, 23:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Lutz Rode

Lilienthal. Die Pandemie macht den Bus- und Bahnunternehmen im öffentlichen Personennahverkehr schwer zu schaffen. Bei der Bremer Straßenbahn AG sind die Fahrgastzahlen im Jahr 2020 massiv eingebrochen. Auch die Linie 4 auf dem Lilienthaler Streckenabschnitt ist durch Corona ausgebremst worden. Schon beim ersten Lockdown im Frühjahr ging die Kurve bei den Fahrgastzahlen steil nach unten. Tiefpunkt war der April, als an der Landesgrenze im Schnitt nur noch 1063 Fahrgäste täglich die Straßenbahn nutzten - zwei Drittel weniger als noch im Jahr davor und Minus-Rekord seit dem Start der Linie 4 im Jahr 2014. Auch die wieder verschärften Maßnahmen seit Oktober schlagen sich in der Fahrgast-Bilanz für die Straßenbahn nieder, wenn auch nicht so heftig wie im Frühjahr.

Die zur Gemeinde gehörenden Wirtschaftsbetriebe Lilienthal haben die Fahrgastzahlen bis einschließlich November 2020 verbucht, für den letzten Monat des Krisenjahres hat die BSAG das Ergebnis noch nicht geliefert. Es ist aber davon auszugehen, dass sich der Negativ-Trend im Dezember wegen der erneut verschärften Beschränkungen fortgesetzt hat und auch im neuen Jahr mit den starken Einschränkungen zur Pandemiebekämpfung weiter anhält.

Bis Corona kam, war WBL-Geschäftsführer Rüdiger Reinicke, der sich im Lilienthaler Rathaus um den Straßenbahnbetrieb kümmert, mit der Entwicklung der Linie 4 zufrieden. Die Fahrgastzahlen sind seit der Inbetriebnahme der Lilienthaler Strecke kontinuierlich gewachsen: Nutzten im Jahr 2015 noch durchschnittlich 2770 Fahrgäste täglich die Bahn in Höhe der Landesgrenze, so waren es vier Jahre später 3046 pro Tag. Auch finanziell gesehen hätte es aus Sicht der Gemeinde ruhig so weiter laufen können wie bisher, denn der von Lilienthal zu zahlende Zuschuss ist seit 2017 zurückgegangen, auf zuletzt 379.000 Euro. Das hat damit zu tun, dass die der Linie 4 zugerechneten Beförderungserträge deutlich gestiegen sind, von 879.000 Euro im Jahr 2017 auf 1,09 Millionen Euro 2019. Nur 2016 lag die Linie 4 mit 643.000 Euro unter den kalkulierten Erlösen.

2020 folgt nun die pandemiebedingte Kehrtwende. Abgerechnet ist das Jahr noch nicht, doch dass die beiden verhängten Lockdowns ein Schlag ins Kontor sind, steht auch so schon fest: Um ein Drittel ist die Zahl der Fahrgäste in den Keller gegangen, wenn man die Entwicklung bis November betrachtet und dies mit dem entsprechenden Zeitraum des Vorjahres vergleicht. Und die Bremer Straßenbahn AG hat schon vor Monaten bekannt gegeben, dass sie wegen der Pandemie tiefrote Zahlen schreiben wird: Zu dem ohnehin eingeplanten Defizit von 63,1 Millionen Euro sollen coronabedingt noch 25 Millionen Euro für 2020 dazu kommen, hieß es Ende Dezember. Das Unternehmen rechnet damit, dass der Bund einspringen wird, um die auf die Pandemie zurückzuführenden Verluste auszugleichen.

Die Gemeinde Lilienthal ist davor gefeit, dass sie bei den finanziellen Folgen der Corona-Krise für 2020 extra zur Kasse gebeten wird. Sie verweist auf den Eckpunktevertrag zur Linie 4, den die Gemeinde mit Bremen geschlossen hat. Er enthält bekanntlich eine Art „Risikobremse“ für Lilienthal: Demnach kann die Gemeinde auf einen Garantiebetrag von 688.500 Euro bei den Beförderungsentgelten auf der Einnahmeseite pochen. Das gelte weiterhin, sagt Rüdiger Reinicke.

Allerdings sind die Vertragsbestandteile nicht für ewig in Stein gemeißelt. Schon für 2021 könnte es Veränderungen geben. Lilienthal und die Bremer Straßenbahn AG wollen demnächst über einzelne Punkte Gespräche führen. Für den 1. Februar ist ein Verhandlungstermin vereinbart worden. Unter anderem geht es um den Anteil der Kosten, den die BSAG den Lilienthalern für den Straßenbahnbetrieb jährlich in Rechnung stellt. Die Pauschalbeträge für Instandhaltung, Versicherung oder der Beteiligung an den Personalkosten sowie die nach Verbrauch berechneten Stromkosten machen in der Summe etwa eine Million Euro im Jahr aus. Die Zahlen stammen noch aus dem Jahr 2009, weshalb WBL-Geschäftsführer Rüdiger Reinicke schon wegen der allgemeinen Preis- und Gehaltssteigerungen davon ausgeht, dass höhere Beträge angesetzt werden. Eine Kostenexplosion erwartet er aber nicht. Beide Seiten würden partnerschaftlich miteinander umgehen, von Anfang an sei es in den Vereinbarungen um tragfähige und faire Lösungen gegangen. „Dass man sich einzelne Parameter noch mal anschaut, ist legitim und macht eine gute Partnerschaft aus“, sagt Reinicke.

Dass 2020 wegen der Corona-Pandemie ein Ausnahmejahr war, stellen auch die Straßenbahnkritiker der Initiative Pro Lilienthal nicht infrage. Doch auch so ist für sie auch sechs Jahre nach der Inbetriebnahme klar, dass die Entscheidung, die Straßenbahn durch Lilienthal zu bauen, ein Fehler war. Man hätte weiter auf die Busverbindung setzen sollen, mit modernen, sparsamen Fahrzeugen, das hätte unterm Strich nur einen Bruchteil der Kosten der Linie 4 verursacht und keinen Schaden am Ortsbild angerichtet, sind Vorsitzender Alfred Werner und sein Stellvertreter Karsten Michaelis nach wie vor überzeugt.

Ihre Kritikpunkte sind seit Jahren unverändert: So seien die täglichen Fahrgastzahlen trotz aller Zuwächse immer noch weit von den 4800 entfernt, die einst prognostiziert wurden, als es um die Förderungsfähigkeit des Straßenbahnprojekts ging. Auch seien die Folgekosten in der Gesamtsicht für Lilienthal in Wahrheit viel höher, als dies nach außen hin dargestellt werde, weil Zinslasten und Abschreibungen ausgeklammert würden. Die Briefe mit ihrer Kritik und Fragen, die die Initiative an die Gemeinde und die WBL geschickt hat, füllen mittlerweile ganze Aktenordner. Im Rathaus sieht man die Punkte mittlerweile als beantwortet an.

Für die Straßenbahnkritiker ist schleierhaft, wie die Beförderungserträge für die Linie 4 zwischen 2017 und 2019 derart steigen konnten, allein mit dem Fahrgastzuwachs sind die zugewiesenen Erlöse aus ihrer Sicht nicht zu erklären. Die Abrechnung erfolgt durch den Zweckverband Verkehrsverbund Bremen-Niedersachsen. Die zu Grunde gelegte Formel ist selbst für Profis kaum zu erklären. Die Fahrgastzahlen seien aber nur ein Parameter, versichert WBL-Geschäftsführer Rüdiger Reinicke. Auch überörtliche Verbindungen und die Bedeutung der Strecke im Gesamtnetz des Verkehrsverbundes spielten in der Kalkulation eine Rolle.

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