Gebäude an der Landwehrstraße

Lilienthal will marode Obdachlosenunterkunft ersetzen

Die Tage der Obdachlosenunterkunft an der Landwehrstraße in Lilienthal sind gezählt. Die maroden Schlichtbauten aus den 80er-Jahren sollen durch einen Neubau ersetzt werden.
30.12.2020, 10:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Lutz Rode

Die Obdachlosenunterkunft an der Landwehrstraße in Lilienthal ist so verkommen, dass die Gemeinde dort möglichst niemanden mehr hineinschicken möchte. Warmes Wasser, Heizung oder Dusche gibt es nicht, dazu die Feuchtigkeit, die durch alle Ritzen dringt. Dass es so nicht weitergehen kann, wissen die Verantwortlichen im Rathaus schon länger. Aber jetzt soll etwas passieren. Der Bau aus den 80er-Jahren wird abgerissen. An gleicher Stelle soll eine neue Unterkunft gebaut werden, schlicht und zweckmäßig, aber in jedem Fall auch so ausgelegt, dass kleinere Familien dort unterkommen können. Die Planungen sollen 2021 starten. 600.000 Euro sind im Jahr darauf für den Neubau vorgesehen.

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Der Zustand der Räume ist so unhaltbar, dass die Gemeinde schon länger dazu übergegangen ist, für Hilfebedürftige kurzfristig Pensions- oder Hotelzimmer anzumieten. Dennoch sind zwei der acht Wohnungen aktuell noch belegt, von Menschen, die mit den Widrigkeiten leben. Jürgen Weinert, der im Rathaus unter anderem für die Obdachlosenunterbringung verantwortlich ist, weiß, dass dies für Außenstehende nur schwer zu verstehen ist. „Es sind Menschen, die sich in eine normale Mietnachbarschaft nicht integrieren lassen. Sie wollen einfach nur in Ruhe gelassen werden und es reicht ihnen, ein Dach über dem Kopf zu haben. Häufig spielen Drogen- oder Alkoholabhängigkeit oder psychische Probleme oder Einschränkungen eine Rolle“, sagt er.

Matratze in Folie

Wer eine der leer stehenden Wohnungen betritt, hat das Gefühl, es mit einer Endstation zu tun zu haben: ein Bettgestell, oben drauf eine Art Notfall-Paket, verpackt in einer Plastikbox, damit wegen der anhaltenden Feuchtigkeit nicht alles schimmelt. Auch die Matratze ist in Folie eingeschweißt. Wer Wärme erzeugen will, muss einen Brikettofen in der Ecke anheizen. Nebenan steht ein Elektroherd mit Backofen, an der Wand hängt ein angerostetes Waschbecken. Die Toilette, die vom Hausflur abgeht, müssen sich zwei Parteien teilen. Bodenbelag gibt es nicht, Licht spendet eine Glühbirne an der Decke, sofern sie noch vorhanden ist.

Vermüllung ist in der Obdachlosenunterkunft immer wieder ein Problem gewesen. Manchmal türmte sich der Müll in den Wohnungen kniehoch, berichten die Gemeindevertreter. Auch das Wasser stand immer mal wieder in den Räumen, wenn die Toilette verstopft war, sich aber keiner der Bewohner darum scherte. Auch zu Einbrüchen ist es in der Vergangenheit gekommen, Herde zählten zum bevorzugten Diebesgut. Und auch der Müll rings um das Grundstück hat sich laut Verwaltung schon häufiger vermehrt, weil bei Nacht und Nebel einfach etwas dazu gestellt wurde. Die Nachbarschaft habe sich in all den Jahren mit Kritik an der Obdachlosenunterkunft und den Verhältnissen zurückgehalten, heißt es im Rathaus. „Wir sind dankbar, dass die Nachbarn nicht großartig Druck gemacht haben. Das ist nicht selbstverständlich“, sagt Jürgen Weinert.

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Der stellvertretende Rathauschef und Abteilungsleiterin Manuela Rugen beschönigen die Zustände an der Landwehrstraße nicht. Eine Unterbringung an der Landwehrstraße kommt nur dann infrage, wenn nichts anderes mehr geht. Nur männlichen Einzelpersonen werden die Räume zugewiesen, für Frauen oder gar Kinder werden andere Lösungen gesucht, wenn sie von einem Tag auf den anderen ohne eigenes Dach über dem Kopf dastehen, etwa wenn es Probleme mit häuslicher Gewalt gegeben hat. Die Gemeinde handelt auf der rechtlichen Grundlage der Gefahrenabwehr. „Alles dient dem Schutz einer Person. Nur wenn sich die Gefahr nicht anders abwenden lässt und Menschen ansonsten auf der Straße landen, bringen wir jemanden unter“, sagt Weinert.

Nur für den Notfall

Der Blick ist nun nach vorn gerichtet: Die Gemeinde sieht den Bedarf, im Notfall auch Familien kurzfristig helfen zu können, wenn Obdachlosigkeit droht. Das soll bei den Neubauplänen berücksichtigt werden. Acht Wohnungen wie bisher wird es künftig wohl nicht mehr geben, dafür sollen sie bis zu drei Zimmer haben. Als dauerhafte Bleibe sind die Unterkünfte nicht gedacht, sie sind ausschließlich dafür da, in akuten Notsituationen genutzt zu werden. Für Teenager, die mit ihren Eltern Streit haben und deswegen zu Hause rausfliegen, sind sie nicht gedacht. Wenn jemand seine Wohnung auf gerichtliche Anordnung räumen muss, ist das schon eine andere Sache. Im Rathaus versucht man jedoch, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen. Wenn eine Räumungsklage ansteht, erhält die Behörde Kenntnis darüber. „Wir versuchen, Obdachlosigkeit im Vorfeld zu vermeiden“, sagt Manuela Rugen.

Seit Jahren ist klar, dass an der Landwehrstraße etwas passieren muss. Mehrfach war Geld im Haushalt dafür vorgesehen, das dann aus Sparzwängen wieder gestrichen wurde. Zuletzt ist nicht mehr viel in die Unterhaltung der Gebäude investiert worden, was die Abwärtsentwicklung nur noch befördert hat. „Abtragen und anders bauen“ ist aus Sicht der Verwaltung die einzige Möglichkeit, die geblieben ist.

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