Lilienthals Gleichstellungsbeauftragte: „Gewalt ist nicht weniger geworden“

Gewalt gibt es nicht nur unter jungen Leuten. Es gibt sie auch unter älteren Menschen, und die sind geprägt durch eine ganz andere Erziehung. Das sagt Lilienthals Gleichstellungsbeauftragte Christina Weiland.
Lesedauer: 4 Min
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Von Undine Mader

Frau Weiland, wo beginnt häusliche Gewalt?

Christina Weiland: Die Freiheit des einen endet da, wo die Freiheit des anderen anfängt. Gewalt allgemein beginnt in dem Augenblick, wo ich durch jemand anderen bedroht werde, wo ich mich in meiner Freiheit eingeschränkt fühle. Häusliche Gewalt kann zum Beispiel als Körperverletzung, Nötigung, psychische Gewalt oder Stalking auftreten.

Oft denkt man bei häuslicher Gewalt daran, Mann schlägt Frau.

Statistisch gesehen kommt dieser Fall tatsächlich weitaus öfter vor als umgekehrt. In der Kriminalstatistik firmiert das unter Partnerschaftsgewalt. Dabei kann natürlich die Gewalt sowohl von einer Frau ausgehen, einer anderen Frau gegenüber oder von einem Mann gegenüber einem anderen Mann als auch von Frau gegen Mann und Mann gegen Frau – Partner halt. Aber es gibt durchaus auch Fälle, wo die Kinder, die Söhne gegen die Mütter vorgehen.

Begünstigt die Corona-Pandemie häusliche Gewalt?

Laut einer aktuellen Statistik der TU München regulierten fast fünf Prozent der Männer die Kontakte ihrer Frauen im ersten Lockdown. Das betrifft Social Media-Kontakte oder Telefonate mit einer Freundin. In Corona-Zeiten sind viele Männer durch Kurzarbeit mehr zuhause oder sie sind im Homeoffice oder haben vielleicht sogar den Job verloren – dann können sie natürlich ihre Frauen noch mehr kontrollieren.

Wie ist das möglich im 21. Jahrhundert?

Gewalt gibt es nicht nur unter jungen Leuten. Es gibt auch Gewalt unter älteren Menschen, und die sind geprägt durch eine ganz andere Erziehung. Erst in den 70ern wurde eingeführt, dass man als Frau ohne Einverständnis des Ehemannes arbeiten gehen und ein eigenes Konto haben durfte. Die Menschen, die aus dieser Zeit kommen, sind ja noch da und mit ihnen das erlernte Verhalten.

Welche Rolle spielt psychische Gewalt?

Die ist weit verbreitet, und auch psychische Gewalt ist Gewalt.

Gibt es grundsätzlich eine Hemmschwelle, über häusliche Gewalt zu sprechen?

Sich selber preis zu geben, ist unglaublich schwierig. Die Pandemie hat uns fest im Griff, und deshalb sind die Rathäuser für den Publikumsverkehr nur beschränkt zugänglich. Man wird nur noch mit Termin reingelassen und man kann nicht einfach so bei mir vorbeikommen und sagen: Ich brauche Hilfe.

Fällt durch die pandemiebedingten Einschränkungen ein Stück soziale Kontrolle durch das Umfeld weg?

Ja, zum Beispiel dadurch, dass alle Masken tragen, ist es eine Möglichkeit, sich dahinter zu verstecken, im Sommer vielleicht sogar noch mit Sonnenbrille und einem Basecap. Dadurch, dass das öffentliche Leben eingeschränkt ist, gibt es auch weniger Möglichkeiten, jemanden anzusprechen.

Kann man sagen, dass Opfer von häuslicher Gewalt jetzt ein Stück weit mehr alleine sind?

Alleine ist nicht das richtige Wort. Alle Stellen, die helfen können, sind ja noch da. Die Polizei, die Gewaltschutzstelle, die SOS-Beratungsstelle, die Gleichstellungsbeauftragten und viele mehr. Alle diese Stellen helfen Betroffenen. Die Gewalt ist leider nicht weniger geworden durch Corona. Sie ist eher noch mehr geworden, aber sie ist unsichtbarer geworden.

Woran kann ein Außenstehender erkennen, dass häusliche Gewalt stattfinden könnte?

Wenn ich meine Umgebung aufmerksam beobachte, zum Beispiel als Nachbarin, habe ich natürlich die Möglichkeit, zu bemerken, ob sich eine Person anders verhält. Oder es war laut und ich habe das Gefühl, da ist was passiert.

Was kann man in solch einer Situation tun?

Es kommt auf den Einzelfall an. Wenn ich zum Beispiel Ohrenzeuge werde von einer vermeintlichen Gewalttat, würde ich erst einmal vorschlagen, dass man gemeinsam mit anderen Zeugen nachfragt, ob alles in Ordnung ist und nicht, dass es der Fernseher war. In einer akuten unmissverständlichen Situation würde ich sofort die Polizei anrufen.

Warum tun sich Betroffene schwer, aus dieser Gewaltspirale auszusteigen?

Sie fühlen sich häufig selber schuldig an der Situation, und Scham ist ein weiterer großer Punkt. Es ist nicht eine bestimmte Klientel, die ein Abo darauf hat. Häusliche Gewalt zieht sich in der Gesellschaft durch alle Schichten und ist ein Problem, das die gesamte Gesellschaft betrifft. Ich glaube, deswegen ist es so schwierig, die Leute dazu zu bringen, was zu sagen.

Was könnte helfen?

Wir müssen aufhören, so zu tun, dass häusliche Gewalt etwas ist, was nur selten vorkommt oder nur bestimmte Personen betrifft. Wir müssen einfach viel offener mit dem Thema umgehen. Wir als Gleichstellungsbeauftragte sind dafür da, den Erstkontakt herzustellen, hier ist ein geschützter Raum und wir unterliegen der Schweigepflicht.

Spielt die Angst, bei einer Trennung vor dem Nichts zu stehen auch eine Rolle, warum häusliche Gewalt ertragen wird?

Das spielt häufig mit rein. Entweder wurde die Wohnung gemeinsam gekauft oder zusammen gemietet und dann müssen beide Partner unterschreiben, wenn gekündigt wird. Oder der sehr häufig auftretende Fall ist auch, das Haus gehört dem Mann. Aber natürlich gibt es die Möglichkeit zu helfen.

Welche Hilfe ist möglich?

Wir führen hier Gespräche und versuchen, vieles möglich zu machen. Mein Netzwerk ist wirklich groß. Und ich versuche, den Betroffenen Anrufe abzunehmen oder ich gucke, ob die Möglichkeit besteht, Sozialhilfe zu beantragen. Wenn es keinerlei Familienangehörige oder Freundinnen oder Freunde gibt, wo die Person unterkommen kann, dann macht es am meisten Sinn, sich an die Gewaltschutzstelle zu wenden. Die hat die Möglichkeit, die Betroffene in einer Schutzwohnung unterzubringen.

Das Interview führte Undine Mader.

Info

Zur Person

Christina Weiland (Jahrgang 1976)

ist Soziologin und seit 2013 Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Lilienthal. Weiland lebt mit Ehemann und zwei Kindern in Lilienthal.

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