Kunst- und Filmbiennale Worpswede Metropole trifft Künstlerdorf

Peter-Jörg Splettstößer aus Worpswede, Tom Gefken aus Bremen und Ingrid Steckelberg aus Achim zeigen ihre Werke bei der 6. Kunst- und Filmbiennale Worpswede in Sankt Petersburg.
13.10.2019, 18:59
Lesedauer: 4 Min
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Von Eva Müller-Foell

Sankt Petersburg/Worpswede. „The other view“, der andere Blick, steht auf einem lila Poster in einem Hinterhof in Sankt Petersburg. Junge Leute blicken zum Poster, blicken zurück auf ihren Kaffee im Pappbecher. Drum herum sind kleine Geschäfte, Cafés und Restaurants. Oben, in einem Loft in der ersten Etage, flimmern drei Monitore an den Wänden. Und ein Baumstumpf hängt an einem Schlachterhaken von der Decke. Daneben sind Klappstühle aufgestellt. Darauf sitzen russische und deutsche Besucher. Etwa 200 von ihnen sind gekommen.

Hier, in diesem Hinterhof mitten in Sankt Petersburg, befindet sich das Kulturzentrum „Berthold Center“. Und in diesem hippen Ambiente findet die 6. Kunst- und Filmbiennale Worpswede statt, ausgerichtet vom Wilhelm-Fraenger-Institut. Worpswede in Sankt Petersburg – deutsche Künstlerkolonie trifft auf russische Metropole. Es soll ein interkultureller Austausch entstehen, wie ihn bereits Heinrich Vogeler und Rainer Maria Rilke bei ihren langen Russland-Aufenthalten im vergangenen Jahrhundert gepflegt haben. 2018 waren russische Künstler in Worpswede zu Gast, diesmal reisen norddeutsche Künstler nach Russland: Tom Gefken aus Bremen, Peter-Jörg Splettstößer aus Worpswede und Ingrid Steckelberg aus Achim.

Das Besondere an der diesjährigen Biennale ist ihr Ausstellungsformat. Die deutschen Künstler reisen mit digitalem Kunstgepäck an. Im Vorfeld wurden Videos von ihnen aufgenommen. Sie zeigen die Künstler in ihren Ateliers – und geben einen kurzen Einblick in ihre Arbeit. Splettstößer zeigt und erklärt seine Quadratraster-Technik, Steckelberg spricht über die politische Note ihrer Werke, und Gefken verdeutlicht, wie der Rhythmus der Musik in seine Bilder einfließt. Die Videos laufen im Ausstellungsraum in Dauerschleife.

Gegensätzlich dazu wird die Kunst aus Russland haptisch ausgestellt, zum Beispiel zwei Skulpturen von Stas Bags, zwei Close-Ups von Kirill Chudinskiy oder die zwei Land-Art-Installationen von Aleksandr Matrosov, darunter der Baumstumpf am Fleischerhaken. „Mich erinnert dieser Baumstumpf an einen Sandsack“, sagt dazu Tom Gefken. „Der Mensch haut auf einen Sandsack, aber es ist ein Stück Natur. Das ist ein schönes Symbol dafür, wie der Mensch mit der Natur umgeht.“

Tom Gefken ist genau wie die anderen deutschen Künstler zum ersten Mal in Russland. Obwohl das Land so groß und die Sprache so fremd ist, spürt Gefken keine große Distanz. „Überall dort, wo es Kunst gibt, gibt es eine Form der Verständigung. Kunst ist nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern wirkt auch kulturübergreifend.“ Für ihn würden sich Sankt Petersburg und Bremen gar nicht so sehr voneinander unterscheiden. „Das hier ist keine andere Welt. In beiden Städten gibt es eine große kreative Szene. Außerdem hat Sankt Petersberg eine europäische Historie. Die sieht und spürt man.“

Auch Ingrid Steckelberg ist begeistert von Sankt Petersburg. Besonders eine Begegnung mit einer russischen Besucherin der Biennale ist haften geblieben. „Wir haben uns vor meinem Video auf Englisch ausgetauscht. Sie wollte ganz viel über meine Arbeit und die Künstlerkolonie Worpswede wissen.“ Am Ende des Gesprächs hätte Steckelberg ihr einen Flyer vom Modersohn-Haus in die Hand gedrückt – und die Russin habe ihr zugesagt, eines Tages nach Worpswede zu kommen.

„Ich wusste zuvor gar nicht, dass so eine Künstlerkolonie in Deutschland existiert“, sagt der russische Künstler Kirill Chudinskiy, der seit einigen Jahren in Köln lebt. Zuletzt hat Chudinskiy im Kunstwerk, einem selbstverwalteten Künstlerhaus in Köln, ausgestellt. Dass er nun die Möglichkeit bekommen hat, dies in seiner Heimatstadt zu tun, freut ihn.

Jürgen Haase, der Gründer und Veranstalter der Kunst- und Filmbiennale Worpswede, hat die Art und Weise, wie die Kunst der deutschen Teilnehmer präsentiert wird, ganz bewusst gewählt. „Ich finde, dass genau der Gegensatz zwischen haptischer und filmischer Präsentation reizvoll ist.“ Nur hätte er sich noch mehr Besucher auf der Biennale gewünscht. „Sankt Petersburg hat ein riesiges Kulturangebot. Da ist es natürlich im Vergleich zu Worpswede schwierig, sich gegen diese Masse anderer Veranstaltungen durchzusetzen.“

Ohnehin unterscheiden sich die Realitäten in Worpswede und Sankt Petersburg. Während letztes Jahr Ruhe und Ordnung im Modersohn-Haus herrschte, ist im Berthold Center alles wuseliger. Leute kommen und gehen. „Während in Worpswede alles festgefahrener ist, gleicht dieses Zentrum einem offenen Haus. Nichts folgt einem festen Modus, sondern mehr einem spielerischen Umgang“, meint dazu Haase. Das bedeute auch, dass man mit Überraschungen rechnen muss.

An einem Tag der Biennale, an dem eine deutsch-russische Lesung von Nikita Afanasjew auf dem Programm steht, zeigt sich genau dieser Überraschungseffekt. Dutzende junge Leute strömen in den Ausstellungsraum. Die Stühle stehen nicht mehr an Ort und Stelle. Es ist laut und hektisch. Es wirkt, als fieberten die Jugendlichen dem Auftritt entgegen. Doch es stellt sich schnell heraus, dass sie nicht alle auf Afanasjew warten. Der Ausstellungsraum wurde doppelt gebucht. Nicht nur für die Biennale, sondern auch für einen Siebdruck-Kursus. Am Ende findet die Lesung in Anwesenheit der Jugendlichen statt. Und der „andere Blick“, der Veranstaltungstitel, bekommt in diesem Moment eine weitere Bedeutung.

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