75 Jahre WESER-KURIER

Moor macht erfinderisch

Die Geschichte des Teufelsmoors und seiner Besiedlung prägt das Verbreitungsgebiet des OSTERHOLZER KREISBLATT. Die Region versteht sich offenbar darauf, auch aus ungünstigen Voraussetzungen das Beste zu machen.
18.09.2020, 07:11
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Moor macht erfinderisch
Von Bernhard Komesker

Aus der Not eine Tugend machen, das können sie, die Menschen im Landkreis Osterholz. Die Kreisstadt Osterholz-Scharmbeck wurde 1927 per Dekret aus Osterholz und Scharmbeck fusioniert; die anfangs noch gepflegten Animositäten zwischen Scharmbeckern und Osterholzern gehören mittlerweile zur Folklore. Der Kernort wird zwar von der Bahnlinie Bremen-Bremerhaven durchtrennt, aber ein Gleisanschluss ist ja beiderseits von Vorteil. Die neun umliegenden Dörfer sind und bleiben dabei geprägt von Hammeniederung und Teufelsmoor, wobei der klingende Name nicht etwa auf den Düwel, also Teufel, zurückgeht, sondern auf duwes Moor, also taub, unfruchtbar, unwirtlich. Da sind Überlebenskünstler gefragt. So wie der Moorkolonisator Jürgen Christian Findorff, geboren 1720, die Region einst planvoll entwässern und urbar machen ließ, so pragmatisch gehen sie mit ihren Standortfaktoren Kennzeichen OHZ um.

Um den Torf vom Moor in die Stadt zu bringen, bauten die Moorbauern im 19. Jahrhundert Torfkähne. Später wurden auf dem Wasserweg sogar Schiffsbauteile und Motoren zur Weser transportiert. Inzwischen sind die dunklen Dielenboote mit den braunen Segeln fast ein touristisches Alleinstellungsmerkmal; der Landkreis Osterholz führt den Torfkahn im Wappen. Eine Kahnpartie auf der Hamme ist der ideale Mix aus Heimatkunde und Entschleunigung. Der Ausflug führt mitten durchs Naturschutzgebiet. Bund, Land und Landkreis haben zweistellige Millionenbeträge in Flächenkauf und Renaturierung eines Landstrichs von fast 28 Quadratkilometern gepumpt.

Ein Hallenbad mit Cabrio-Funktion

Aus Sicht des ehemaligen Oberkreisdirektors Hans-Dieter von Friedrichs ist das nur folgerichtig: Geld dafür bekommen, wenn man auf Gewerbe und Industrie verzichtet, um die Landschaft zu erhalten. Denn obwohl alle vom Speckgürtel reden und die Arbeitslosenquote niedrig ist: In der Kreisstadt hat gerade mal ein halbes Dutzend Unternehmen mehr als 50 Beschäftigte. „Wir sind schön, relativ arm und kunstsinnig“, sagt von Friedrichs und spielt damit an auf die von Rilke besungene Landschaft, die Pro-Kopf-Verschuldung und Worpswede im Osten des Kreisgebiets.

Gejammert wird nicht; prahlen sollen andere. Für den stillgelegten Moorexpress haben sich die Menschen aus der Region erst mit Straßen und Radwegen abfinden lassen; zur Expo 2000 gelang die Reaktivierung der Triebwagenfahrten als touristisches Angebot. Mit Fahrrad, Torfkahn und Moorexpress lässt sich die Gegend ohnehin am besten erkunden, findet der frühere Oberkreisdirektor. Hafen, Museumsanlage, Marienkirche: Diesen Dreiklang empfiehlt er als Ausflugsziele im alten Osterholz. Auch ganz plietsch: Das von Pädagogen und Architekten gerühmte Campusgelände mit Medienzentrum, VHS und Oberschule, das die Stadt mit EU-Mitteln seit 2010 realisiert hat. In das Hallenbad Osterholz-Scharmbeck haben sie ein Cabrio-Dach eingebaut, damit bei schönem Wetter ein Freibad daraus werden kann. Und weil dünn besiedelte Gegenden bei der Versorgung mit schnellem Internet sonst vergessen würden, etablierten Land und Landkreis 2008 ein Breitbandkompetenzzentrum in OHZ. Inzwischen tüfteln sie schon am nächsten großen Ding. Eine Vergärungsanlage soll ab 2023 den Inhalt der braunen Mülltonnen in Biogas und Kompost umwandeln – und vielleicht sogar in grünen Wasserstoff.

In der Gemeinde Hambergen zeugt unterdessen die Museumsanlage in Ströhe vom Landleben früherer Generationen. In der dortigen St.-Cosmae- und Damiani-Kirche gaben sich Hannelore „Loki“ Glasner und Helmut Schmidt am 1. Juli 1942 das Ja-Wort. Auch sehenswert ist der Golfplatz bei Vollersode. Er wurde naturnah angelegt, als es das Wort naturnah noch gar nicht gab: Ein Orkan hatte dem Parcours 1972 den Weg im Giehler Holz gebahnt.

Die Gemeinde Ritterhude prunkt derweil mit einer Handvoll sehenswerter Gebäude der Gebrüder Ries; die hatten es vor mehr als 100 Jahren als Auswanderer in den USA zu Geld und Reichtum gebracht und ihrer Heimatgemeinde Rathaus und Apotheke, Schule und Turnhalle gestiftet. Schon der Zusatz am Ortseingangsschild „Hu’e“ besagt, dass sie in Ritterhude die niederdeutsche Sprache hoch halten. Das gilt ebenso für die Nachbarn im Norden, die Gemeinden Gnarrenburg, Hagen im Bremischen und Beverstedt.

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Nachrichten aus dieser Region und für diese Region sammelt und verbreitet das OSTERHOLZER KREISBLATT nun schon seit fast ­145 Jahren. 1971 hat sich der weiterhin im ­Besitz der Familie Saade befindliche Osterholzer ­Zeitungsverlag dem WESER-KURIER angeschlossen.

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Dieser Artikel ist Teil der Sonderveröffentlichung zum 75. Geburtstag des WESER-KURIER. Am 19. September 1945 erschien die erste Ausgabe unserer Zeitung. Anlässlich des Jubiläums blicken wir zurück auf die vergangenen Jahrzehnte: Erinnern uns an die Anfänge unserer Zeitung und auch an die ein oder andere Panne. Und wir schauen nach vorn: Wie werden Künstliche Intelligenz und der Einsatz von Algorithmen den Journalismus verändern? Natürlich denken wir auch an Sie, unsere Leser und Nutzer. Wer folgt unseren Social-Media-Kanälen, wer liest unsere Zeitung? Was ist aus den Menschen geworden, über die wir in den vergangenen Jahren berichtet haben? Und wie läuft er eigentlich ab, so ein Tag beim WESER-KURIER?

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