Entscheidung rückt näher

Protestzug gegen Baugebiet in Lilienthal

Gegen ein geplantes Wohngebiet an der Mauerseglerstraße in Lilienthal regt sich Protest. Für den kommenden Montag, wenn im Rathaus eine Vorentscheidung ansteht, organisieren die Gegner eine Demonstration.
05.03.2020, 19:43
Lesedauer: 4 Min
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Von Lutz Rode
Protestzug gegen Baugebiet in Lilienthal

Etwas mehr als ein Jahr ist es her, dass in Lilienthal schon einmal gegen das geplante Neubaugebiet an der Mauerseglerstraße demonstriert wurde. Am kommenden Montag ist erneut ein Protestzug geplant.

Vasil Dinev

Das Aktionsbündnis gegen das geplante Baugebiet an der Mauerseglerstraße hat in den vergangenen Tagen überall im Ort Handzettel verteilt. Die Aktivisten rühren die Werbetrommel für den Protestzug, der am kommenden Montag bis vor das Rathaus ziehen soll. Am Abend wollen dort Lilienthals Kommunalpolitiker ab 18 Uhr eine Vorentscheidung zu den umstrittenen Plänen treffen, rund fünf Hektar Weidefläche in Bauland für 96 Reihenhäuser, Sozialwohnungen und Service-Wohnen für Senioren umzuwandeln.

Widerständler Jürgen Schröder berichtet, er habe bei Gesprächen an den Haustüren viel Zuspruch erfahren. Auch seine Mitstreiterin Wiebke Hammermann sieht sich bestätigt: „Die Menschen im Ort wollen kein weiteres Baugebiet, weil Lilienthal schon jetzt mit der Infrastruktur kaum hinterherkommt.“

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Beide verweisen auf die Online-Petition mit 3500 Unterschriften gegen das Baugebiet und auch die Postkarten-Aktion, bei der zuletzt um die 900 bis 1000 Protestnoten von Bürgern im Rathaus eingingen. „Man sieht daran, dass es nicht nur die Mitglieder des Reitvereins und Anwohner sind, die sich wehren“, sagt Hammermann, die sich für die Elterninitiative Familienthaler in den Protest eingeklinkt hat.

Die Demonstration, die um 16.30 Uhr bei der Gaststätte Dr. Pfiffikus (Moorhauser Landstraße) startet, soll ein weiterer Versuch sein, ein Zeichen in Richtung Gemeindepolitik und Bürgermeister Kristian Tangermann zu richten. Wegen des Termins an einem Werktag und der vorgesehenen Uhrzeit ist es für die Organisatoren schwer abzuschätzen, wie die Beteiligung ausfallen wird. Vor einem Jahr wurde schon einmal demonstriert, damals allerdings an einem Sonnabend, an dem viele Menschen frei hatten. Es dürfte diesmal schwieriger sein, noch einmal so viele Menschen auf die Straße zu bringen.

Protest der Baugebietsgegner gilt CDU und FDP

Die Mitglieder des Baudienste-Ausschusses sollen am Montag hautnah mitbekommen, dass es rumort. Der Protest der Baugebietsgegner gilt CDU und FDP, die eisern an dem Vorhaben festhalten und dies in dieser Woche noch einmal öffentlich bekräftigt haben. SPD, Linke und Grüne müssen sie nicht mehr überzeugen. Und bei den Querdenkern, auf deren Stimme es ankommen dürfte, weiß man nicht, wo sie stehen. Fraktionschef Ingo Wendelken lässt die Beteiligten zappeln, prüft, führt Gespräche im Hintergrund und lädt die Beteiligten für diesen Freitag um 17.30 Uhr zu einer Begehung des Areals an der Mauerseglerstraße ein. Erst am Montag, wenn alle Querdenker-Mitglieder die Angelegenheit bei einem weiteren Treffen ausdiskutiert haben, will Wendelken die Entscheidung verkünden.

Aus Sicht der Kritiker kann sich der Fraktionschef den ganzen Zauber sparen. „Herr Wendelken sollte sich an das halten, was er gesagt hat“, sagt Daniela Kazmierczak vom Reiterverein Lilienthal. Wendelken hat seine Haltung zum Baugebiet vom Standort für eine geplante fünfte Grundschule abhängig gemacht. Um eine Alternative zu einer Fläche im angedachten Neubaugebiet zu haben, wurde ein Grundstück an der Moorhauser Landstraße neben dem Baugebiet Am Goosort ins Auge gefasst. Eine Machbarkeitsstudie hatte ergeben, dass der Schulneubau auf dem Gelände mit einer historischen Wurt grundsätzlich möglich ist. Die Kritiker verstehen nicht, warum die Querdenker noch zögern, schließlich hätten sie doch angekündigt, das Neubaugebiet für den Fall zu kippen, dass Moorhausen für den Schulbau geeignet sei.

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Was wahr ist und was nicht, wer aus welchem Interesse welche Informationen weitergibt, ist selbst für aufmerksame Beobachter inzwischen kaum noch auszumachen. Investor Ingo Damaschke hat seinen Entwurf für das Baugebiet kurzfristig überarbeitet und die umstrittene Zuwegung für Fußgänger und Radfahrer verlegt. War bisher vorgesehen, das Baugebiet über die Straße Im Orth und am Domizil des Reitervereins vorbei anzubinden, soll jetzt ein Fuß- und Radweg an der Entlastungsstraße entlang bis zur Dr.-Sasse-Straße führen. Die Kritiker misstrauen der Ankündigung, glauben eher an einen Versuch, die Pläne auf den letzten Drücker schön zu färben. Aktivist Jürgen Schröder zweifelt die Ernsthaftigkeit an, zumal der angedachte Weg mitten durch ein Biotop führen soll.

Der Vorstand des Reitervereins ist noch wegen einer anderen Äußerung des Investors auf der Zinne: Damaschke hatte in Aussicht gestellt, dass die Pachtverträge zwischen den vier Landwirten und dem Reiterverein für die Weideflächen rings um den Reiterhof um zwölf Jahre verlängert werden, sollte das Baugebiet beschlossen werden. Dies bringe dem Verein die geforderte langfristige Perspektive. „Das nützt uns nichts, denn mit Baubeginn könnten wir einpacken. Die Pferde können wir dann nicht mehr auf die Weiden bringen, weil sie auf Lärm und Unruhe panisch reagieren. Das wäre das Aus für uns“, sagen Daniela Kazmierczak und Vorsitzende Cornelia Harbers.

Einen Keil zwischen Diakonie und Reiterverein treiben

Eine „Falschinformation“ ist laut Reitern die Darstellung Damaschkes, dass der Verein das Gelände für seine Reithalle auf Erbpacht-Basis nutze, dieser Vertrag mit der Diakonischen Behindertenhilfe in zwei Jahren ende, was zur Folge haben könnte, dass die Reiter das Gebäude verlieren. „Alles Quatsch. Reine Fake-News“, sagen die Vertreter des Reitervereins. Einen Erbpacht-Vertrag gebe es nicht und es sei auch nicht Absicht der Diakonie, die in mehr als 30 Jahren gewachsene und vertrauensvolle Zusammenarbeit zu beenden. Sie sehen den Hinweis als Versuch an, einen Keil zwischen Diakonie und Reiterverein zu treiben. Zu den Details der bestehenden Verträge will sich der Reiterverein derweil nicht äußern – nach Absprache mit der Diakonischen Behindertenhilfe sei Stillschweigen vereinbart worden, heißt es.

Dass der Investor als Unternehmer seine Interessen verfolgt, ist für die Kritiker nur logisch. Doch sie haben den Eindruck, dass die Interessen von Reitern, Anwohnern und den behinderten Menschen von Teilen der Politik ignoriert werden. Hammermann geht es ums große Ganze, weil sie sieht, dass die Gemeinde bei der rasanten Bauentwicklung nicht Schritt hält etwa bei der Schaffung von Schul- und Kindergartenplätzen. „Selbst ein Termin beim Kinderarzt ist kaum noch zu bekommen. Mit einem weiteren Baugebiet würde sich nur alles nur verschärfen“, sagt Hammermann, die zum aktiven Kern von acht Familien bei den Familienthalern gehört.

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