Forderung nach verpflichtendem Grunddienst

Schwierige Jugend

Nach den jüngsten Krawallen in Großstädten rufen Politiker nach einem verpflichtenden Grunddienst für junge Leute. Was halten Jugendliche, die schon einmal vom Weg abgekommen sind, von der Idee?
07.08.2020, 05:11
Lesedauer: 3 Min
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Schwierige Jugend
Von Silke Looden
Schwierige Jugend

Sozialarbeiter Jürgen Manteufel (Mitte) nimmt sich Zeit für Leon und Hendrik. Beide Jugendliche haben in ihrem Leben schon mit Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt. Sie können der Idee eines verpflichtenden Grunddienstes durchaus positive Seiten abgewinnen.

Mathis Körner

Lilienthal. Nach den jüngsten Krawallen von jungen Leuten in großen Städten rufen Politiker nach einem verpflichtenden Grunddienst für alle, ganz egal ob es sich um ein soziales, ein ökologisches Jahr oder ein Jahr bei der Bundeswehr handelt. In Lilienthal gibt es keine Randalierer, aber Fälle von Vandalismus schon. Die WÜMME-ZEITUNG hat nachgefragt, was Jugendliche, die selbst schon einmal in Schwierigkeiten geraten sind, von der Idee halten. Leon und Hendrik (Namen von der Redaktion geändert) berichten über ihre Erfahrungen und wie sie den Weg aus der persönlichen Krise gefunden haben. Einen zivilen Dienst finden sie gut, aber vom Dienst an der Waffe halten sie nichts.

Leon hat es nicht leicht gehabt nach der Trennung seiner Eltern. Seine schulischen Leistungen wurden schlechter. Sein Körper begehrte auf. Eine Magersucht war die Folge. Schließlich randalierte er in der heimischen Siedlung. Leon hat eine zweite Chance bekommen. Heute ist der Jugendliche 17 Jahre alt. Er wird Abitur machen, das hat er dem Schulleiter zu verdanken. Sein Leben hat er wieder in den Griff bekommen, weil er eines Tages ins Alte Amtsgericht gegangen ist, wo die Kommunale Jugendarbeit der Gemeinde Lilienthal zu Hause ist. Leon hat sich der Technik-Gruppe angeschlossen, neue Freunde gefunden. Denn Leon ist so etwas, was man einen Technik-Freak nennt. Die Sozialarbeiter haben sein Talent gefördert und sein Selbstvertrauen gestärkt.

„Einen verpflichtenden Zivildienst würde ich gut finden“, sagt Leon. Das sei eine Chance für junge Leute, soziale Berufe kennenzulernen. Diese würden sowieso viel zu wenig beachtet und zu schlecht bezahlt. Der Zivildienst könne den Blick von den eigenen Problemen weg hin zu den Problemen der Gesellschaft lenken. Zu den Vorschlägen von Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer sagt er nur: „Das ist nicht meins.“ Er ist froh, dass die Wehrpflicht abgeschafft wurde, und fragt sich: „Was soll das bringen?“ Möglicherweise würden rechte Tendenzen dadurch noch verstärkt – die von Jugendlichen und die in der Bundeswehr.

Hendrik ist einer, der andere gerne vorgeschickt hat, die es dann ausbaden mussten. Er weiß, wie das läuft mit der Randale. „Das ist eine Mutprobe“, sagt er mit Blick auf die Vandalismusschäden am Lilienthaler Gymnasium. Wer sich traue, Fenster oder Türen zu beschmieren oder zu zerstören, sei der Held. Der Sinn einer solchen Aktion sei nicht die Zerstörungswut, sondern viel mehr die Anerkennung, die Jugendliche dadurch erfahren. Auch Hendrik hat über die Kommunale Jugendarbeit einen Ausweg gefunden, das Alte Amtsgericht sei ein „guter Spot, nicht nur zum Chillen“. Die Freizeitangebote dort holen die Teenies ganz offenbar von der Straße. „Jeder braucht eine Aufgabe“, sagt der 18-Jährige.

Leon und Hendrik sind inzwischen zu alt für die Klientel am Alten Amtsgericht. „Das ist eher etwas für die Jüngeren“, sagen die beiden heute. Gleichwohl wissen sie die Unterstützung der Sozialarbeiter zu schätzen. „Die waren da, als wir sie brauchten.“ Hendrik kann sich gut vorstellen, einen Zivildienst zu leisten, „aber das muss freiwillig sein, sonst bringt es nichts“, sagt er. Wenn die Politiker glaubten, dass es einen Dienst für die Allgemeinheit braucht, hätten sie nicht verstanden, dass junge Leute vor allem nicht vergessen werden wollen. Leon denkt da an den Shutdown: „Da war ich viel zu viel mit mir allein.“

Jürgen Manteufel war jahrelang Streetworker in Lilienthal. Den Streetworker gibt es nicht mehr. Manteufel macht jetzt mobile Jugendarbeit. Mobil deshalb, weil er mit den Schulen und Vereinen kooperiert. Dort kann er die Jugendlichen besser erreichen als auf der Straße. Von einem zivilen Pflichtjahr hält Manteufel nichts: „Da werden die jungen Leute doch nur als billige Arbeitskräfte in der Pflege eingesetzt, um Personallöcher zu stopfen.“ Das habe nicht viel mit der viel beschworenen Empathie zu tun. Von einem, wenn auch freiwilligen Jahr bei der Bundeswehr hält er noch weniger: „Ich würde niemals eine Waffe in die Hand nehmen.“ Er befürchtet, dass junge Leute dadurch eher noch militarisiert werden könnten.

Viel wichtiger sei es, die Sozialarbeit an den Schulen auszubauen. Drei Sozialarbeiter an der Integrierten Gesamtschule, keiner am Gymnasium. „Das ist zu wenig“, sagt Manteufel, der durch diverse Projekte weiß, was an den Schulen los ist. „Die Lehrer sind nicht in der Lage, das aufzufangen, was im Elternhaus schief läuft“, erklärt er. Dazu brauche es Fachleute. Die Pädagogen seien den Problemen häufig nicht gewachsen, wenn beispielsweise kulturelle Welten auf dem Pausenhof aufeinanderprallten. Manteufel ist sicher nicht ausländerfeindlich, aber er muss hart arbeiten, um das Frauenbild in den Köpfen mancher Migranten geradezurücken. Und er fragt sich, wie junge pädagogische Fachkräfte mit Typen, die Frauen für Schlampen halten, klarkommen sollen.

„Es kommt darauf an, jungen Leuten ein Angebot zu machen“, sagt Leon. Ganz so wie es die Kommunale Jugendarbeit mache, meint er. Er habe sich damals allein gefühlt. „Ich war nicht im Sportverein. Ich war nirgends.“ Die Technik-Gruppe hat ihm und Hendrik wieder neues Selbstvertrauen gegeben. Jetzt stehen die beiden jungen Männer mitten im Leben – und sie haben noch viel vor.

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