TC Lilienthal

Reiner Wohlschläger: Platzwart, Trainer und Psychoanalytiker

Wohl kaum einen Posten im renommierten Klub am Sportpark hat die jüngst 80 Jahre alt gewordene „Vereinsinstitution“ während der letzten Jahrzehnte nicht bekleidet.
19.11.2020, 09:07
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Von Frank Mühlmann
Reiner Wohlschläger: Platzwart, Trainer und Psychoanalytiker

Inzwischen 80 Jahre alt, aber mitnichten müde vom Tennis: Reiner Wohlschläger ist beim TC Lilienthal eine prägende Figur.

Frei

Lilienthal. Hätten die Corona-Pandemie und die damit verbundenen politischen Entscheidungen den Breitensport aktuell nicht größtenteils stillgelegt, stünde Reiner Wohlschläger als Tennistrainer weiterhin viermal pro Woche auf dem Platz. Beileibe keine Selbstverständlichkeit, schließlich feierte die „Vereinsinstitution“ des TC Lilienthal vor wenigen Tagen seinen 80. Geburtstag. Wohl kaum einen Posten im renommierten Klub am Sportpark hat der Jubilar während der letzten Jahrzehnte nicht bekleidet, und solange die Schmerzen in den Füßen nicht zu groß werden, hat der Vater dreier Töchter auch noch den sehnlichen Wunsch, seinem Sport noch einige Zeit treu zu blieben.

Reiner Wohlschläger war schon immer sportaffin. Während seiner zwölf Jahre beim Bundesgrenzschutz kam er in Berührung mit Tischtennis, Faustball und Fußball, und nach seinem Umzug nach Bremen schwang der gebürtige Berliner vor allem den Badmintonschläger. Die Leidenschaft zur gelben Filzkugel entstand eher zufällig bei einem Urlaub auf Rhodos. „Neben dem Hotel lag ein verwaister Platz, und ein befreundetes Paar überredete meine damalige Frau und mich, mitzuspielen“, erklärt Wohlschläger den Ursprung seiner sportlichen Liebe, „mich reizte sofort das Duellieren mit einem Gegner, wie im Wilden Westen.“

Zurück in der Heimat trat er 1971 in den TC Lilienthal ein. Dabei gab es vor 50 Jahren tatsächlich einige Hürden zu überwinden. „Man brauchte zwei Bürgen, aber zum Glück war mein Hausarzt der Zweite Vorsitzende des Vereins“, schmunzelt Wohlschläger, der beruflich als Beamter bei der Arbeitsverwaltung tätig war. Es war die Zeit, als der TCL, der zuvor lediglich über zwei Hartplätze verfügte, seine ersten beiden Aschenplätze an der alten Anlage „Klosterweide“ bekam. Fortan engagierte sich Wohlschläger als Platzwart, bis heute. „Reiner ist immer noch selbstlos und unermüdlich im Einsatz, kümmert sich um die Pflege und unterstützt darüber hinaus den technischen Vorstand“, schwärmt Sportwartin Eva John.

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Zudem prägte Wohlschläger als Pressewart, als Aushilfswirt im Klubhaus, aber auch als Spieler den Verein. 1981 gehörte der Defensivakteur, der überwiegend über seine läuferischen Qualitäten ins Spiel fand, beispielsweise dem Oberligateam der Herren 30 an. Hier erlebte der Werder-Fan auch eines seiner größten Matches. Jahrelang hatte Schwarz-Weiß Cuxhaven die Lilienthaler am Aufstieg gehindert, doch einmal gelang ein 5:4-Heimsieg, unter anderem, weil Reiner Wohlschläger sein Einzel gegen einen vielfachen Bezirksmeister gewann. „Was folgte, war eine legendäre Calvados-Feier“, erinnert sich Wohlschläger, der immer besonders gerne Doppel spielte: „Ich mochte es einfach, wenn man als Paar harmonieren musste.“ In einer Mannschaft ist Wohlschläger schon länger nicht mehr aktiv, sein letztes Punktspiel bestritt er um die Jahrtausendwende. „Leider sind meine Kameraden damals alle zum Golf gewechselt“, berichtet Wohlschläger, für den eine Abkehr vom Tennis allerdings nie in Frage kam.

Stattdessen investierte er mehr Zeit in seine Tätigkeit als Trainer. Zunächst betreute Wohlschläger Jugendliche, heute aber nur noch seinen siebenjährigen, talentierten Enkel Leo. Denn mittlerweile gibt er seine Erfahrungen bevorzugt an 40- bis 55-Jährige weiter. „Diesen Schlag können nur Nadal und du“, schallt es dann schon mal über den Trainingscourt, oder „in Wimbledon wären sie jetzt aufgestanden.“ „Reiner ist eine Art Tennis-Missionar, der in jedem das Gute sieht und eine Einheit nie mit einem schlechten Ball beendet, damit alle möglichst mit einem positiven Gefühl nach Hause gehen“, schildern Susanne Frank und Wibke Maitin, die aktuell zu Wohlschlägers Schützlingen zählen. Dieser sei nicht nur Trainer, sondern gleichzeitig auch Ernährungs- sowie Fitnessberater und einer, der übrigens auch alle Psychotricks kenne, heißt es in der Trainingsgruppe. „Um die Gegnerinnen zu beeindrucken, tauchen wir durch seine Tipps zu einem Punktspiel schon mal mit einer Vielzahl an Schlägern auf oder machen uns professionell mit einem Springseil warm“, erzählen Frank und Maitin.

Es erstaunt nicht, dass Reiner Wohlschläger nebenbei auch intensiv die Profiszene verfolgt: „Der Fünfsatzkrimi zwischen Pete Sampras und Boris Becker, den ich 1996 bei der ATP-WM live in Hannover verfolgte, wird für immer ein Highlight in meinem Leben bleiben.“ Doch auch an eine weitere Fananekdote erinnert er sich gern: „Anfang der 1970er-Jahre durfte ich Björn Borg bei einem Schaukampf auf Ibiza bewundern. Unter den geschätzten 7000 Zuschauern waren 6999 weibliche und ich.“

Wohlschläger, der in seinem Keller eine umfangreiche Schlägersammlung aus Holz, Metall und Kunststoff beheimatet, ist bereits seit 2009 Ehrenmitglied beim TC Lilienthal. Auf dem Spielplatz des Vereins wurde das Boot „Reini“ liebevoll nach ihm benannt. Wenn sich in Wohlschlägers Leben mal nicht alles um Tennis dreht, verfolgt er gerne Fußball vor dem Fernseher, versucht sich bei einem Buch über seine Jugend, in der er den Bombenhagel auf Berlin im Zweiten Weltkrieg miterlebte, als Autor oder stellt mit viel Akribie Fotoalben zusammen. Im Büro des TCL befinden sich auch viele seiner illustrierten Werke über die Geschichte des Vereins.

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Man kann sich vorstellen, dass der Corona-bedingte Stillstand den Tennistrainer momentan außerordentlich schmerzt: „Die Stunden auf dem Platz fehlen mir sehr. Wir haben uns gegen die Durchführung von Einzeltraining, das theoretisch möglich wäre, entschieden.“ An seinem runden Geburtstag hat er trotzdem auf zahlreiche ehemalige und aktuelle Schützlinge und Weggefährten nicht verzichten müssen. „Es sind nach und nach unglaublich viele ganz kleine Delegationen erschienen, und wir haben draußen natürlich hauptsächlich über Tennis geredet“, freut sich Wohlschläger. Gedanken an ein Karriereende kommen in ihm derweil noch nicht auf: „Meine Füße bereiten mir zwar durchaus schon etwas Kummer, aber wenn es irgendwie möglich ist, möchte ich schon noch ein bisschen dabei bleiben.“

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