Podiumsdiskussion in Lilienthal - mit Video Bürgermeister-Kandidaten stellen sich beim Wahl-Talk

Eine Frau und vier Männer wollen in Lilienthal Bürgermeister werden, der sechste in der Runde, die in der Kunstschau Trupe auf Einladung der WÜMME-ZEITUNG diskutierte, will es bleiben.
02.09.2021, 15:49
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Bürgermeister-Kandidaten stellen sich beim Wahl-Talk
Von Lars Fischer

Lilienthal. Es gibt dieses Kinderspiel "Ich packe meinen Koffer", dabei geht es um ein gutes Gedächtnis beim Wegfahren. Für einen der sechs Kandidaten um das Lilienthaler Bürgermeisteramt steht nach der Wahl im September aber das Ankommen im Amt im Mittelpunkt, und so hatten WÜMME-ZEITUNG und WESER-KURIER bei ihrem Wahltalk in der Kunstschau Wümme Wörpe Hamme das Spiel einfach umgedreht: Evelin Wöstenkühler (SPD), Amtsinhaber Kristian Tangermann (CDU), Henry Balzer (FDP), Kim Fürwentsches (Bündnis 90/Die Grünen), Andreas Strassemeier (Die Linke) und Claus Tietjen (Querdenker) durften aus einem Koffer ein Stück auspacken und erklären, was sie damit als erste Amtshandlung als Lilienthaler Verwaltungschef anstellen würden.

Lesen Sie auch

Es war der Auftakt zu einer bemerkenswerten Runde, die André Fesser, Redaktionsleiter der WÜMME-ZEITUNG, und Redakteur Lutz Rode unerwartet mühelos moderieren konnten, weil die Kontrahenten es ihnen leicht machten. Wer vor Augen hat, wie sehr sich die Lilienthaler Lokalpolitiker im Gemeinderat beharken – oft wenig konstruktiv und manchmal unnötig giftig –, der wunderte sich über den fairen Umgang der Bewerber um den Chefposten im Rathaus. Die Tatsache, dass aus Reihen der Bewerber neben dem Bürgermeister derzeit einzig Linke-Politiker Strassemeier in dem zerstrittenen Gremium sitzt, lässt hoffen, dass der Ortspolitik dieser frische Wind guttun könnte.

Die inhaltliche Tiefe kam bei den lockeren Formaten nicht zu kurz, Debatten um kaum nachvollziehbare Detailfragen blieben aber aus. In knappen Fragerunden ergaben sich durchaus überraschende Positionen und unerwartete Übereinstimmungen. Die deutlichsten Widersprüche arbeiteten noch Strassemeier und Tangermann heraus, weil sich der Linke immer wieder an der außer seiner Sicht zu geringen Transparenz mancher Entscheidung des Bürgermeisters rieb. Dieser wies die Vorwürfe als haltlos zurück und erklärte, er sei ja nicht "König von Lilienthal", sondern an Ratsentscheidungen gebunden.

Aus dem Bett geklingelt

Belebendes Element der Debatte war häufig Tietjen, der mit knappen und pointierten Einwürfen die Lacher auf seiner Seite hatte. Dass er etwa nicht für mehr Polizeipräsenz in Lilienthal votierte, mag auch persönliche Gründe gehabt haben – ihn hätten Beamte in der Nacht zuvor wegen eines angeblich nicht genehmigten Wahlplakats aus dem Bett geklingelt, berichtet er. "Die Kapazitäten sind also da, nur falsch eingesetzt", lautete sein Fazit.

Umgekehrt ist der Grüne Fürwentsches im Hauptberuf Wasserschutzpolizist und so durchaus für mehr Überwachung. Der Liberale Henry Balzer war der einzige auf dem Podium, der fand, dass mindestens einer seiner Kontrahenten für den Bürgermeisterjob besser geeignet sei als er selber, und Sozialdemokratin Evelin Wöstenkühler mochte bei der populären Forderung nach mehr Ladesäulen für E-Autos nicht mitgehen, weil sie fand, E-Mobilität sei nur eine Übergangstechnologie und nicht wirklich zukunftsfähig.

Einer packt den Hammer aus

Patentlösungen für die drängendsten Probleme der Gemeinde – die hohe Überschuldung, die nach wie vor ungeklärte Frage, wo und wie die dringend benötigten weiteren Grundschulkapazitäten entstehen sollen, und der Mangel an Gewerbeflächen – waren von keinen der Kandidaten zu erwarten, und die gab es  bei dem kurzweiligen Austausch auch nicht zu hören. Wohl aber die unterschiedlichen Ansätze, wie Lilienthal seine Miseren in den Griff bekommen könnte. Für Wöstenkühler war klar, die Zeiten des Wachstums seien für Lilienthal vorbei, jetzt gehe es darum, die Gemeinde zu optimieren und die Infrastruktur anzupassen. Fürwentsches hatte sich beim Koffer-Spiel den Hammer gegriffen, um damit die verhärteten Fronten in der Lokalpolitik aufzubrechen und wieder besser mit den Mitbewerbern ins Gespräch zu kommen.

Lesen Sie auch

Kristian Tangermann warb für seine Politik mit Augenmaß und Bescheidenheit, um trotz der finanziell begrenzten Gestaltungsmöglichkeiten den Ort voranzubringen, während Balzer sich vor allem um die bessere Anbindung der sogenannten Außendörfer und die Entwicklung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) Gedanken machte. Tietjen hielt auch das für überbewertet, wer bewusst im Außenbereich wohne, nehme dieses Manko billigend in Kauf, dass bestehende Angebote kaum genutzt würden, belege dies. Der Landwirt forderte stattdessen mehr Pragmatismus.

Fähig zum Dialog

Und Strassemeier wollte mit einem – natürlich roten – Kinderfahrradhelm gleich dreierlei anmahnen: mehr Sicherheit für Radfahrer sowie vernünftige Angebote bei der Kinderbetreuung und eine zukunftsfähige Ausstattung der Grundschulen.

Am Ende der zweistündigen Veranstaltung, eingerahmt von malerischen Kunstwerken aus der Region, hatte jeder der Kandidaten nicht nur Werbung in eigener Sache machen können, sondern auch unter Beweis gestellt, das Politik in Lilienthal durchaus dialogfähig sein kann.

Zur Sache

Reizthema Schul- und Bildungspolitik

Die desolate Haushaltslage Lilienthals schwebt wie ein Damoklesschwert über nahezu jeder politischen Diskussion, denn ohne Geld sind die Gestaltungsmöglichkeiten klein. Das wird auch beim Wahlkampf-Talk am Mittwochabend in der Kunstschau in Trupe deutlich. Lilienthal sei das Griechenland Niedersachsens, sagt Bürgermeister Kristian Tangermann irgendwann im Laufe der Diskussion. Es liegt also in der Natur der Sache, dass Haushaltsfragen im Wahlkampf eine große Rolle spielen, noch wichtiger ist den fünf Kandidaten und der einen Kandidatin aber die Bildungspolitik.

Andreas Strassemeier moniert, dass die Entscheidung, wie dem steigenden Bedarf an Grundschulplätzen entsprochen werden soll – Neubau eines fünften Standorts oder Anbauten an bestehenden Schulen – viel zu lange dauere. "Eine solche Hängepartie können wir uns nicht leisten", meint der Linke. Kristian Tangermann (CDU) schiebt seinen rot-grünen Vorgängern den Schwarzen Peter zu: Ohne ihre Entscheidung, die Grundschulen in Seebergen und Frankenburg 2016 zu schließen, hätte die Gemeinde heute das Dilemma nicht. Für Querdenker Claus Tietjen ist "das Kind in den Brunnen gefallen", nun müssen man endlich entscheiden und nicht noch mehr Gutachten einholen. Henry Balzer (FDP) will die fünfte Grundschule, selbst wenn in einigen Jahren die Schülerzahlen erwartungsgemäß wieder sinken werden. Daran hat Evelin Wöstenkühler (SPD) Zweifel, denn die Zahlen seien vor der Pandemie erhoben worden,  nun könnte sich alles anders darstellen. Vor allem aber will sie neue Gebäude, weil Lernen sich verändere und damit auch die Ansprüche an die Räume. Den Grünen Kim Fürwentsches überzeugt das nicht: Ein Neubau sei nicht wirtschaftlich, sagt er, außerdem gäbe es noch immer keine geeignete Fläche dafür.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+