Zweiter Weltkrieg

Lilith, Adrian und der Zweite Weltkrieg

In Corona-Zeiten findet auch Geschichtsunterricht zu Hause statt. Wie erklärt man Neuntklässlern den Zweiten Weltkrieg, wenn Treffen mit Zeitzeugen ebenso wenig möglich sind wie der Besuch von Gedenkstätten?
08.05.2020, 06:02
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Lilith, Adrian und der Zweite Weltkrieg
Von Silke Looden
Lilith, Adrian und der Zweite Weltkrieg

Lehrerin Lioba Hirsch hat vor ihrem Haus Kisten mit Unterrichtsmaterial aufgestellt.

CARMEN JASPERSEN

Lilienthal. In Corona-Zeiten findet auch Geschichtsunterricht zu Hause statt. Wie aber erklärt man Neuntklässlern den Zweiten Weltkrieg, wenn Treffen mit Zeitzeugen ebenso wenig möglich sind wie der Besuch von Gedenkstätten? Die Jahrgangsleiterin der neunten Klassen an der Integrierten Gesamtschule (IGS) in Lilienthal, Lioba Hirsch, musste ein denkbar schwieriges Thema ins virtuelle Klassenzimmer transferieren. Wie sie das geschafft hat und wie Schülerinnen und Schüler sich mit dem Holocaust im Homeschooling auseinandersetzen, haben sie der Wümme-Zeitung verraten. Die Klassensprecher Lilith und Adrian sprechen stellvertretend für viele in den sechs neunten Klassen der IGS.

„Ohne Zeitzeugen und ohne den Besuch von Denkorten ist es anders“, sagt Lioba Hirsch. Eigentlich hätte sie mit ihrer neunten Klasse nach Bergen-Belsen fahren wollen, damit die Jugendlichen das Schicksal von Anne Frank besser nachvollziehen können. Wegen der Corona-Pandemie musste der Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers jedoch ausfallen. Auch die Gruppenarbeit, wie sie an der IGS üblich ist, kann nur eingeschränkt stattfinden. Lioba Hirsch musste sich also etwas einfallen lassen, um die Jugendlichen nicht mit den Bildern vom Schrecken Nazi-Zeit allein zu lassen. So entstanden Power-Point- und Video-Präsentationen, Handouts und eine virtuelle Wandzeitung.

Adrian (15) aus Lilienthal fand es zunächst komisch, nicht vor der Klasse, sondern vor der Kamera über den Widerstand im Zweiten Weltkrieg zu sprechen. „Da kommt keine Resonanz“, erzählt er. Ein Mitschüler sei sein Kameramann gewesen, natürlich hätten sie die Abstandsregeln wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus dabei eingehalten. Adrian war es wichtig zu zeigen, dass der Widerstand viele Gesichter hatte, und deshalb hat er das Video dann doch gemacht. Er findet es wichtig, über den Nationalsozialismus zu reden, „weil es auch heute rechtsextreme Jugendliche gibt“.

Der Teenager hat mit seinem Großvater über den Krieg gesprochen. „Er war damals noch ein Kind und ist aus Polen geflohen“, erzählt Adrian. Gern hätte er auch Menschen gefragt, die damals schon erwachsen waren, einen Soldaten vielleicht oder einen Überlebenden aus dem KZ. „Es ist schon schade, dass wir wegen Corona keine Zeitzeugen fragen können“, meint Adrian. Die direkte Begegnung mit Menschen bedeute ihm viel. Vor allem aber sei das Thema dann nicht so weit weg von heute. Zum 75. Mal jährt sich die Kapitulation am 8. Mai.

Lilith (15) tauscht sich über Whatsapp mit ihren Mitschülern über den Sieg der Allierten aus. Gemeinsam haben sie schon einiges an Material zusammengetragen. Die Wandzeitung zum Thema gibt es wegen Corona nur virtuell. Eigentlich hätten die Schlagzeilen von damals in den Schulfluren von heute hängen sollen. Zu lesen ist dort etwa: „Der Krieg ist aus!“ Lilith findet es schwierig nachzuvollziehen, warum viele auch Jahre später nicht über den Zweiten Weltkrieg reden wollten. Erst als sie den Film Schindlers Liste gesehen hat, wurde ihr langsam klar, was Antisemitismus bedeutet. „Das hat mich wirklich berührt“, sagt Lilith.

Normalerweise hätte sie den Film in der Schule gesehen und mit der Klasse darüber diskutiert. Weil das zurzeit nicht möglich ist, hat sie mit ihrer Mutter über den Film gesprochen. Lehrerin Lioba Hirsch war da ganz auf die Kooperation der Eltern angewiesen, weil sie die Jugendlichen nicht mit dem Schicksal der Zwangsarbeiter allein lassen wollte. Ganz bewusst hat sie den Film erst in den Unterricht eingebracht, als dieser im Fernsehen lief, „damit wirklich alle ihn sehen können“. Außerdem gibt es den Film auch zum Ausleihen bei ihr zu Hause über die Fachkiste Geschichte, die sie für ihre Schülerinnen und Schüler vor das Haus gestellt hat.

„Nicht alle Kinder haben einen Laptop und Internet. Ich möchte aber, dass alle dieses schwierige Kapitel der deutschen Geschichte aufarbeiten können“, erzählt sie, warum sie neben der virtuellen Lernplattform IServ auch den ganz analogen Austausch mit ihrer Klasse pflegt. Schülerinnen und Schüler können über die Fachkiste Unterrichtsmaterial ausleihen und Aufgaben abgeben – alles mit dem nötigen Abstand. „Ich winke ihnen dann von der Küche aus zu oder spreche mit ihnen durch das gekippte Fenster“, erklärt die Lehrerin. „So kann ich wirklich alle erreichen“, betont sie.

Lilith und Adrian haben für sich viel aus dem virtuellen Geschichtsunterricht mitgenommen. „Ausländerfeindlichkeit gibt es ja immer noch“, sagen sie nachdenklich. Sie wären auch gern mit der Klasse nach Bergen-Belsen gefahren. „Es ist etwas anderes, ob man nur in einem Geschichtsbuch darüber liest, einen Film guckt oder wirklich dort gewesen ist, wo es passiert ist“, meint Lilith. „Es wäre für mich eine ganz neue Erfahrung gewesen“, bedauert sie die Absage der Fahrt. Aber wer weiß, vielleicht findet Lehrerin Lioba Hirsch noch einen Weg, den Lern- und Denkort zu einem späteren Zeitpunkt zu besuchen.

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