Muna Lübberstedt Erinnerungstour reißt Narben auf

Mindu Hornick und Barbara Lorber mussten im Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiterinnen in der Muna arbeiten. Nach Jahrzehnten kommen sie als Zeitzeuginnen zurück.
04.05.2018, 18:24
Lesedauer: 2 Min
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Von Peter von Döllen

Axstedt. Mindu Hornick umfasst die Stäbe des Tores. Es liegt am Ende eines Feldweges in Lübberstedt. Rechts und links windet sich ein geflickter Drahtzaun, auch einige Stücke Stacheldraht sind dabei. "Ist das das Tor?", fragt die Frau. Sie erinnert sich nicht mehr an alle Details. Vor Jahrzehnten war Hornick hier jeden Tag auf das inzwischen verlassene Muna-Gelände in Lübberstedt und Axstedt gekommen, wie hunderte andere Zwangsarbeiterin auch.

Jetzt ist sie wieder hier, ist den Weg vom Außenlager Bilohe erneut abgegangen – diesmal freiwillig und in Freiheit. Zusammen mit Barbara Lorber hat sie sich an dem schrecklichen Ort in ihrer Vergangenheit getroffen. Die beiden Frauen haben einen langen Weg aus Israel zurückgelegt. Einige Verwandte sind aus England und Australien dazugestoßen. Ihnen wollen die jüdischen Frauen den Ort zeigen, der ihnen viel Leid angetan hat, vermutlich aber auch ihre Rettung war.

"Hier war kein Honigschlecken", erzählt Lorber. Die Gefangenen mussten hart schuften, steckten Prügel und Demütigungen ein. Ihre Verlegung von Auschwitz in das Arbeitslager war, so komisch es sich auch anhören mag, das Beste, was ihnen in der Situation passieren konnte. "Das sollen die Lübberstedter wissen", sagt Lorber auf Deutsch. Hebräisch könne ja sicher keiner hier verstehen. Mindu Hornick erzählt auf Englisch in der Hoffnung, dass die anwesenden Schüler es verstehen. Die beiden Frauen haben bei ihrem Besuch unter anderem das Konzentrationslager (KZ) Neuengamme besucht. Das Lager Bilohe an der Muna war offiziell ein Außenlager des KZ.

Auf Einladung des Arbeitskreises Muna, der die Geschichte des Munitionsdepots aufarbeitet, waren Lorber und Hornick dann auch nach Axstedt gefahren. Im Zweiten Weltkrieg stellten hier Zwangsarbeiter aus Konzentrationslagern, vorwiegend Frauen, unter menschenunwürdigen Bedingungen Munition für die Deutsche Luftwaffe her. Direkt vor der Haustür der Bevölkerung hatte sich unvorstellbares Leid abgespielt. Später wurde die Muna zunächst vom amerikanischen Militär und dann von der Bundeswehr genutzt. Jetzt soll das Gelände der Natur überlassen werden. Der Arbeitskreis organisiert aber regelmäßig Erinnerungstouren.

Für den Besuch war es wahrlich eine besondere Erinnerungstour. "Da vorne war doch der Zaun, an dem Heinrich uns Wurst und Schokolade abgegeben hat, oder?", fragt Lorber an einer Stelle. Dann erzählt sie von einem Angehörigen der Wehrmacht, der ihr bei der Arbeit zugeflüstert hatte, sie solle zum Zaun kommen. Die Soldaten überwachten den Fertigungsprozess und seien sehr human gewesen. Ganz anders als die SS-Leute. Am Anfang müssen sich die Zeitzeugen immer wieder Tränen wegwischen. "Es ist hart für uns hierherzukommen", räumt Hornick ein. Die Wunden seien nie verheilt, doch "jeder Gedanke an die Zeit reißt die Narben wieder auf." Und die seien blutig. Sie nehmen das in Kauf, um junge Leute zu warnen. Soetwas dürfe nicht wieder passieren.

Eindrucksvoll erzählen sie Szenen von der Zeit in Auschwitz. Wer genau zuhört, glaubt fast, den Gestank der Krematorien zu riechen, in denen pausenlos Leichen verbrannt wurden. Man sieht den als attraktiv beschriebenen Dr. Mengele – den "Engel des Todes" – förmlich vor sich, wie er mit einem Handstrich Leben auslöschte. Glück und Zufall entschied für sie. Sie wurden nach Lübberstedt verfrachtet. "Hier war frische Luft", sagt Lorber. Die Bemerkung ist tiefgründig, hebt sie doch auf den Gestank des Todes in Auschwitz ab.

Später auf dem Gelände wirken die 91-jährige Barbara Lorber und die 89-jährige Mindu Hornick gefasster. Erinnerungen werden wach - schreckliche, aber auch einige wenige positive.

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