„Unsere Vereine“: MTV Lübberstedt Faustball, nicht Fußball

In unserer Vereinsserie blicken wir diesmal auf den MTV Lübberstedt, bei dem es im Gegensatz zu vielen anderen Vereinen ein eher ungewöhnliches, sportliches Aushängeschild gibt.
27.12.2020, 11:34
Lesedauer: 3 Min
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Von Karsten Hollmann

In vier Jahren feiert der Männerturnverein (MTV) Gut Heil Lübberstedt sein 100-jähriges Vereins-Jubiläum. Angefangen hat im Jahre 1924 alles mal mit Turnen, das zwar laut Namen den Männern vorbehalten, aber auch für Frauen offen war. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen dann auch noch Feldhandball und Leichtathletik hinzu. Weit über die Grenzen des Landkreises Osterholz hinaus bekannt ist der Klub aber für seine Faustball-Sparte.

Dabei wurde die Abteilung „erst“ vor 50 Jahren von Reiner Ehrichs gegründet. In umliegenden Dörfern wie Axstedt, Bokel, Hambergen und Beverstedt war auch schon vorher Faustball gespielt worden. Ein vor 50 Jahren beim MTV Bokel aktiver Fuß- und Faustballer, Heinrich Gießler, der noch heute in der Mühlenstraße in Lübberstedt wohnt, hatte dann 1970 die Idee, doch mal spaßeshalber ein Freundschaftsspiel mit einer Lübberstedter Auswahl gegen Bokel auszutragen.

Das Match ging mit 5:40 deutlich in die Hose. „Heinrich hat damals wohl gesagt, dass wir es nie lernen würden und deshalb auch gar nicht erst mit dem Sport anfangen sollten“, erinnert sich der MTV-Vorsitzende Manfred Berner zurück. Der Klubchef selbst stieß zwar erst zwei Jahre später dazu, ließ sich aber darüber berichten. Gießler sollte sich aber täuschen. Die Lübberstedter lernten allerdings schneller dazu als erwartet und stiegen auch schon bald in den Punktspielbetrieb ein. In den 1980er Jahren gehörte der Klub der höchsten Spielklasse, der Verbandsliga, an.

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Während benachbarte Vereine nach und nach ihre Faustball-Abteilungen auflösten, stieg der Lübberstedter Faustball-Stern immer höher. „Wir sind von Jahr zu Jahr gewachsen“, bestätigt Manfred Berner, der zusammen mit seinem Bruder Walter Berner ein Team bildete.

In anderen Vereinen war die Konkurrenz durch den Fußball zu stark. „Wir hatten zum Glück niemals eine Fußball-Abteilung. Ansonsten hätte es sich bei uns auch anders entwickelt“, betont Berner. Zweimal im Jahr, einmal am ersten Wochenende im Januar und einmal im Sommer, nahmen die Lübberstedter auch an einem Turnier in Bremerhaven teil. Irgendwann wurde auch der Kontakt zu den Teams aus dem Landkreis Stade hergestellt.

Bis heute sind die Faustballer des Vereins sehr erfolgreich bei Punktspielen unterwegs. Das erste Männerteam stieg sowohl in der Hallenrunde als auch draußen jeweils in die Regionalliga auf. Die Corona-Pandemie verhinderte bisher allerdings die Austragung der Spielzeiten. Es gibt aber stets zwei bis drei Herrenformationen im Klub. Zudem steht nicht zu befürchten, dass die Sparte demnächst – wie in vielen anderen Vereinen – ausstirbt. „Wir haben schließlich eine gute Jugendarbeit“, versichert Manfred Berner. Dafür ist nicht zuletzt auch dessen Neffe Michael Berner verantwortlich. Der Spartenleiter kümmert sich als Trainer sowohl um die männliche Jugend als auch neuerdings um die Mädchen U10. Michael Berner ist auch gemeinsam mit seinem Bruder Markus und seinem Cousin Torben Berner immer noch selbst im zweiten Team aktiv.

Während die Handballsparte mittlerweile nicht mehr existiert, kommen immer mal wieder neue Sportarten dazu. Vor fünf Jahren gründete Wolfgang Vogt eine Bogensparte (siehe nebenstehenden Artikel). Im Jahre 2018 gesellte sich zudem die Dico-Fox-Tanzgruppe um Anne Mysegades dazu. Die neueste Errungenschaft ist die Darts-Gruppe, die sich im vergangenen Jahr unter der Leitung von Matthias Schulz gründete.

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Das Gut Heil hält Stand

Der Männerturnverein (MTV) Gut Heil Lübberstedt wurde zwar ausschließlich von Männern gegründet, war aber grundsätzlich auch für Frauen offen. „Vor dem Zweiten Weltkrieg zogen sich Frauen aber keine kurzen Hosen an“, gibt das MTV-Urgestein Johann Brodtmann zu bedenken. Nach dem Krieg hätten aber auch die Frauen beim Turnen mitgemischt.

„Die erste eigene Frauenabteilung wurde aber erst vor 50 Jahren gegründet“, informiert Brodtmann. So manche Frau habe sich aber schon am Vereinsnamen gestört. So gab es in den 1960er Jahren auch den Antrag, den MTV in einen TV umzuwandeln. „Der Antrag wurde aber einstimmig abgelehnt“, teilt der MTV-Vorsitzende Manfred Berner mit. Aber auch die Siegermächte hatten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs etwas am Vereinsnamen auszusetzen. Die Allierten ärgerten sich aber weniger über das MTV als über das Gut Heil im Namen.

„Es hieß damals seitens der Allierten, dass es sich mit dem Ende des Dritten Reichs und dem Tod Adolf Hitlers in Deutschland `ausgeheilt` hätte“, erklärt Brodtmann. Da sämtliche Vereine nach dem Zweiten Weltkrieg einen Antrag auf eine Wiederzulassung stellen mussten, war der Namenszusatz ein Problem. Während andere Klubs im Landkreis Osterholz kleinbeigaben, beharrten die Lübberstedter aber auf ihr Gut Heil im Namen und kamen auch damit letztlich durch. „Gut Heil gab es schließlich auch schon vor Adolf Hitler und hatte nichts mit Heil Hitler zu tun“, erklärt Johann Brodtmann.

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