Tanz- und Theaterprojekt 2019

50 Jahre alte Rockoper neu belebt

Ein international besetzter Tanz- und Theater-Workshop in der Bildungsstätte Bredbeck hat jetzt binnen zehn Tagen Szenen zu der Rockoper „Tommy“ einstudiert und mit biografischen Elementen angereichert.
13.08.2019, 17:12
Lesedauer: 2 Min
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Von Friedrich Wilhelm Armbrust
50 Jahre alte Rockoper neu belebt

Tommy (in weißer Kleidung) alias Adam Walkiewicz reißt seinen Anhängern die schwarzen Kappen der Verblendung von den Köpfen.

Armbrust

Osterholz-Scharmbeck. Die Rockoper „Tommy“ erzählt die Geschichte von Tommy Walker. Er wird in seiner Kindheit taub, stumm und blind. Der Grund: Zufällig ist er Zeuge, wie der aus dem Krieg heimgekehrte Vater den Geliebten der Mutter totschlägt. Das ist der Ausgangspunkt des Konzeptalbums und der gleichnamigen Rockoper der britischen Band The Who. Das Geschehen spielt Anfang des 20. Jahrhunderts.

Diese 50 Jahre alte Rockoper haben 26 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 13 und 25 Jahren jetzt als Inspirationsquelle genommen. In der Bildungsstätte Bredbeck formten sie daraus innerhalb von zehn Tagen ihr eigenes Tanz-, Sing- und Theaterspektakel. Dazu zerlegten und kürzten die Teilnehmer aus Polen, der Ukraine und Deutschland das Stück; sie setzten es neu zusammen und ergänzten es mit biografischen Texten. So entstand eine Collage aus Tanz, Schauspiel und Live-Musik, die jetzt im Kultur-Pavillon der Bildungsstätte präsentiert wurde.

Die 24-jährige Anglistik-Studentin Kateryna Gomez aus der Ukraine macht schon zum dritten Mal bei diesem internationalen Theaterprojekt mit. Sie erklärt, worin für sie der Reiz besteht: „Wir respektieren einander. Man darf Fehler machen. Jeder wird so wahrgenommen, wie er ist.“ Anfangs sei sie zwar skeptisch gegenüber dem diesjährigen Projekt gewesen, aber dann habe das Ganze Spass gemacht.

Bäuchlings rutschten die Darsteller durch den Pavillon zur Bühne, tanzten wirbelnd durcheinander und rasten anschließend aus dem Raum. Für die fetzigen Tanzeinlagen war Carolina Rentflejsz zuständig. Eingekleidet hatte die Tanz-Akteure Kasia Drelich, und zwar in auffallenden Hippie-Batik-Blusen: 1969 war das Woodstock-Jahr. Regie führte Kian Pourian, die Technik bediente Björn Herrmann.

Aufgegriffen hat die Projektgruppe Stationen aus dem Leben von Tommy wie den Tod des Liebhabers; die Versuche, ihn zu heilen; einen Missbrauch durch Angehörige; seinen Aufstieg zum Flipper-Star; seine Wunderheilung und seine Beziehung zu den Fans. Umgesetzt wurde dies entweder in Pantomime, als beispielsweise der Vater den Liebhaber erschießt. Oder in Tanz: Tommy reißt seinen Fans schwarze Kappen von den Köpfen, um so gesehen zu werden, wie er wirklich ist.

In den Textpassagen kam, frei interpretiert, Biografisches zum Ausdruck, so etwa Mobbing in der Schule, Ängste bei Dunkelheit und der Wunsch nach Hilfe in komplizierter Situation. Zwischen Tanz und Schauspielerei spielten Band und Sängerin einige Songs aus der Rockoper wie „Pinball Wizard“ und „I‘m Free“. Außerdem gab es zum Ende „Nothing Compares To You“ von Sinéad O‘Connor und „Behind Blue Eyes“ von Limp Bizkit.

Manchmal sei es für ihn anstrengend gewesen, allem zu folgen, gestand Besucher Hans-Jürgen Wormeck im Nachhinein. Wenn man aber bedenke, dass es sich um Laien-Schüler-Studenten-Theater handele, sei die Präsentation zu loben. „Dieses Projekt ist sehr, sehr gut. Das ist eine wertvolle Arbeit. Die Tanzeinlagen und die Band mit ihrer Sängerin waren einfach prima.“

Kian Pourian zufolge haben das Deutsch-Polnische Jugendwerk und der Landschaftsverband Stade das Projekt gefördert. Ende August kommt die Gruppe noch einmal in Kwidzyn in Polen zusammen und führt das Stück dort ein zweites Mal auf. Zwischen den Landkreisen Kwidzyn und Osterholz besteht seit mehr als zehn Jahren eine Partnerschaft.

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