Aufruf mit System

AfD knöpft sich Politik-Lehrer vor

Die AfD bezichtigt einen Politik-Lehrer der Berufsbildenden Schulen (BBS) der Indoktrination. Einige Schüler der BBS sind über das Vorgehen erschreckt und haben sich an den Schulleiter gewendet.
05.07.2019, 16:14
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Christian Valek
AfD knöpft sich Politik-Lehrer vor

Die AfD hat einen Politik-Lehrer der BBS Osterholz ins Visier genommen. Der Schulleiter nimmt seinen Kollegen in Schutz.

Maximilian von Lachner

Die Sommerferien haben am Donnerstag begonnen, das Schuljahr aber ist für den Rektor der Berufsbildenden Schulen (BBS) in Osterholz-Scharmbeck noch nicht abgehakt. Wilhelm Windmann ärgert sich darüber, dass der Osterholzer Kreisverband der AfD einen Lehrerkollegen im Zusammenhang mit der BBS-Juniorwahl zur Europawahl 2019 im Internet verunglimpft. Entsetzte Schüler haben Politiklehrer und Schulleiter auf die Fährte gebracht.

Die AfD Osterholz hatte eine Mitteilung zur BBS-Juniorwahl, die unter „BBS aktuell“ veröffentlicht worden war, aufgegriffen. In ihrem Facebook-Portal stellt die Partei den Politiklehrer Frank Helmes an den Pranger. Der hatte bei einer Analyse der Juniorwahl das 13-Prozent-Ergebnis der AfD zum Anlass genommen, für mehr Politikunterricht an Schulen zu werben. „Junge Menschen für politische Bildung zu begeistern, sollte auf ein breiteres Fundament gestellt werden“, schrieb er damals in seinen Beitrag für die Internetseite der Berufsbildenden Schulen.

Aufruf im Internet

Die AfD wiederum rief in den Sozialen Netzwerken dazu auf, derartige Lehrer zu melden. „Indoktrinierende Lehrer wie Frank Helmes sind es, die immer wieder versuchen, politischen Einfluss auf unsere Kinder und Jugendliche zu nehmen“, steht für die sogenannte Alternative für Deutschland fest. Bürger sollten „Fehlverhalten und Versuche von Indoktrination“ über eine Internetseite melden, damit Lehrer belangt werden könnten, so der abschließende Aufruf.

Die BBS ist Europaschule und Unesco-Projektschule. Und sie hat klare Leitbilder: Die Schule ist fachkompetent und praxisnah, zukunftsorientiert und umweltbewusst sowie menschlich und weltoffen. Darauf haben sich mehr als 100 Beteiligte schon vor gut 20 Jahren geeinigt. „Diese Werte wollen wir auch im Unterricht vermitteln“, betont Wilhelm Windmann und nimmt Frank Helmes nachdrücklich in Schutz.

Lesen Sie auch

An der BBS-Juniorwahl im Mai hatten sich etwa 400 Schüler beteiligt. 19 Prozent sprachen sich für die Grünen aus, 16 Prozent entschieden sich für die SPD. Die AfD kam damals auf 13 Prozent und die CDU erhielt elf Prozent der Schülerstimmen. Die Linkspartei kam auf neun, die FDP auf sieben Prozent der Stimmen.

Die AfD stehe nach allem, was ihm bekannt sei, nicht für Weltoffenheit und damit auch nicht für eines der sechs Leitbilder der Schule, erläutert Frank Helmes, Leiter des Fachteams Politik an den BBS. Das habe er auch bei der Analyse der Wahlergebnisse zur Juniorwahl klar machen wollen. Das Juniorwahl-Ergebnis für die Grünen hingegen lasse die Schlussfolgerung zu, dass man bei der Erreichung des Schulziels „Wir sind umweltbewusst“ einen guten Kurs eingeschlagen habe, stellte Helmes in seinem Fazit fest. „Im Bereich ,Wir sind weltoffen‘ sehe ich jedoch äquivalent zur Bundesentwicklung noch einen Nachholbedarf bei der Justierung des Kurses.“ Daher plädiere er an dieser Stelle für mehr politische Bildung an Berufsbildenden Schulen, teilt Helmes unter „BBS aktuell“ mit. Der Text ist auf der Homepage der Schule online.

Thorben Freese, Vorsitzender des AfD-Kreisverbandes Osterholz, verteidigt sowohl die Wortwahl als auch den Aufruf, Lehrer zu melden. Er habe den Text auf der Facebook-Seite der Partei zwar nicht formuliert, vertraue aber auf den Sachverstand des Verfassers, einem Kollegen. „Von den BBS sind noch andere Dinge bekannt“, sagt er im Gespräch mit der Redaktion.

Mit einem Aufruf zur Denunziation habe das für ihn nichts zu tun. Der Lehrer habe schlichtweg eine Linie überschritten. Schule habe politisch neutral zu sein. „Auch ein übermäßiges Engagement von Schülern in Sachen Politik sollte unterbleiben“, stellt er klar. „Wenn man die Spaltung in der Gesellschaft vorantreiben will, dann ist man auf einem guten Weg“, sagt er in Bezug auf den Wortlaut zur Juniorwahl.

Einschüchternde Wirkung?

Ob der Aufruf dazu, einen Lehrer zu melden, einschüchternd wirke, dazu könne er nichts sagen. „Wir werden es uns jedenfalls nicht bieten lassen, an den Pranger gestellt zu werden.“ Begriffe wie „menschlich“ und „weltoffen“ als erklärte Leitbilder einer Schule seien ihm zu „schwammig“. „Wenn ich höre, der AfD mangele es an Weltoffenheit, dann möchte ich erst mal Argumente dazu hören“, sagt Freese.

BBS-Leiter Wilhelm Windmann wiederum nimmt seinen Kollegen in Schutz. Seiner Meinung nach habe es System, Pädagogen in Deutschland unter Druck zu setzen. Es gehe darum, Menschen mundtot zu machen. Solche Aufrufe aber hätten Nebenwirkungen. Auch Schüler reagierten verunsichert. Das zeige sich darin, dass verschiedene Jugendliche ihn auf das Thema angesprochen hätten. „Sie sind entsetzt darüber, wie mit ihrem Lehrer umgegangen wird“, schildert er die Situation. Fest stehe, dass man in solchen Fällen nicht zurückweichen dürfe. Wenn das erst Schule mache, dann stehe die Meinungsfreiheit auf dem Spiel, ist Windmann überzeugt.

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+