Wandel in der Kreisstadt Stühlerücken rund um den Marktplatz

Die Geschäftsfrau Anne Steffens-Springer zieht es weg vom Marktplatz in Osterholz.-Scharmbeck. Sie will dahin, wo bald was los ist: an die Teich- und Poststraße.
09.09.2020, 05:59
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Christian Valek

Osterholz-Scharmbeck. Für den Wandel in der Stadt braucht es keinen Umbau: Der Handel sucht seinen Weg. Jüngstes Beispiel dafür ist der Umzug des Schuhhauses Lisanne. Inhaberin Anne Steffens-Springer zieht es vom Marktplatz dahin, wo Aufbruchstimmung herrscht: an die Post- und Teichstraße.

Die Verjüngungskur bei Kammann an der Poststraße (wir berichteten) hat ein Stühlerücken ausgelöst. Mit der Modernisierung im Modehaus zieht nun das Wäschehaus von nebenan ins renovierte Haupthaus um. Die Wäscheabteilung hat ihren neuen Platz im Zwischengeschoss, wie Janine Kammann gegenüber der Redaktion erläutert. „Wir wollen die Kompetenz an einem Platz ballen.“

Ins leere Wäschehaus soll schnell neues Leben einkehren: Das Schuhhaus Steffens will dort Ende September mit einem konzentrierten Warenangebot präsent sein. Dazu werden die Läden im Bollendonk-Haus am Marktplatz und an der Kirchenstraße geräumt. Die Mietverträge für die Räume laufen erst zum Jahresende aus. „Alle sieben Mitarbeiter behalten ihren Arbeitsplatz“, wie Anne Steffens-Springer im Gespräch mit der Redaktion betont.

Die Geschäftsfrau, die insgesamt zehn Schuhgeschäfte im Elbe-Weser-Raum mit 70 Mitarbeitern betreibt, möchte das Warenangebot ebenfalls unter einem Dach haben. Für den Verkauf sei es kontraproduktiv, das Angebot zu trennen, sagt sie. Denn im Bollendonk-Haus habe sie aufgrund der Ladengröße nur das Damensortiment vorrätig gehabt. Herrenschuhe hingegen mussten die Kunden in den Räumen des ehemaligen Schuhhauses Puckhaber, einige Hundert Meter weiter, an der Kirchenstraße 12, anprobieren. „Den Weg kann ich heutzutage niemandem mehr zumuten.“ Der Kunde wolle das gesamte Sortiment an einem Platz vorfinden. Schließlich konkurriere sie auch in Sachen Bequemlichkeit mit dem Onlinehandel, gibt sie zu bedenken.

Im ehemaligen Wäschehaus stehen ihr nun gut 400 Quadratmeter Verkaufsfläche zur Verfügung. Das Plus an Fläche begünstigt, dass sie die Ware auch besser in Szene setzen kann. Am neuen Platz solle eine „Strandoase mit Sand und Strandkörben entstehen, erläutert Anne Steffens-Springer. „Das wird jedenfalls kein normales Schuhgeschäft sein.“ Dass die gerade angemietete Immobilie verkauft werden soll, ist ihr bekannt. Eine Maklerfirma aus Bremen-Nord bietet das fest vermietete Haus im Namen von Kammann für knapp 600 000 Euro plus Provision zum Kauf an. Das Objekt liefere Mieteinnahmen von mehr als 36 000 Euro pro Jahr, wird in der Annonce erläutert. Eine Rechenaufgabe für Profis.

Der Umzug von Anne Steffens-Springer an die Kreuzung von Post- und Teichstraße hat ihr Kritik eingebracht. Ein Anwohner habe ihr unterstellt, dass sie mit dem Wechsel zum Niedergang der Fußgängerzone beitrage. Die Ladenbesitzerin ist darüber verärgert. Jeder sollte doch wissen, wie es den Einzelhändlern in Zeiten von Corona gehe. Sie halte immerhin alle Mitarbeiter in Lohn und Brot und habe keine Kurzarbeit im Unternehmen. Hinzu komme der starke Internethandel, der nach Antworten verlange. Das solle man doch bitte zur Kenntnis nehmen. Immerhin investiere sie auch einen sechsstelligen Geldbetrag, um die Stadt Osterholz-Scharmbeck als Einkaufsort attraktiver zu machen. Dieses Vorhaben verdiene Unterstützung und keine Kritik, ist sie überzeugt.

In der Nachbarschaft stehen die Zeichen ebenfalls auf Veränderung, denn ins ehemalige Kaufhaus Von Seggern zieht neues Leben ein. Die Ameos-Gruppe eröffnet in den Räumen an der Poststraße 5 eine psychiatrische Tagesklinik. Wie der neue Besitzer der Immobilie, Johann G. Stehnke, auf Nachfrage mitteilt, sei damit „eine langfristige und für die Innenstadt sehr interessante neue Nutzung gefunden“. „Es wird damit voraussichtlich möglich sein, das Gebäude nicht nur zu erhalten, sondern es auch komplett zu sanieren und den bedauerlichen Leerstand zu beenden, was uns insgesamt sehr freut“, so Stehnke.

Derzeit seien noch wenige, genehmigungstechnische Fragen zum notwendigen Bauantrag auf Nutzungsänderung zu klären. Diese sollten demnächst ausgeräumt sein. „Wenn jetzt alles gut verläuft, könnten die umfangreichen Sanierungsarbeiten diesen Herbst beginnen, könnte das Gebäude im Herbst 2021 neu bezogen werden“, teilt Stehnke mit.

Für den Wirtschaftsförderer der Stadt, Stefan Tietjen, ist der Wandel für den Einzelhandel in Osterholz-Scharmbeck nicht aufzuhalten. Durch das Online-Geschäft stünden die Zeichen nun mal auf Veränderung. Was weltweit gilt, gelte auch für die Geschäftswelt in der Kreisstadt, macht Tietjen klar. Durch Corona sei dieser Wandel lediglich spürbarer geworden, steht für ihn fest.

Tietjen verweist auf die Entwicklung in der Hansestadt Bremen und das Dilemma um den Galeria-Karstadt-Kaufhof-Konzern. „Der klassische Einzelhandel scheint zurückgedrängt zu werden“, sagt der Wirtschaftsförderer der Kreisstadt. In Bremen und anderen Städten zeige sich längst der neue Mix aus Kultur, Wohnen und Dienstleistung. Und auch in der Kreisstadt zeichne sich diese Tendenz ab. Tietjen zieht als Beispiel die Veränderungen rund um Stagges am Markt heran, das neue „Stagge und Moor“. Die neuen Pächter der Immobilie hätten auch das Areal rund um den Betrieb herum mit Sitzgelegenheiten, Sonnenschirmen und zig Pflanzen verschönert und damit einladend gestaltet. Die Zeichen stünden allgemein auf Veränderung: An der Bahnhofstraße, schräg gegenüber von Fahrrad-Wellbrock, mache ein Frisörgeschäft auf, und im Wohn- und Geschäftshaus Nr. 97 soll „hoffentlich bald“ eine Baguetterie eröffnen, nennt Tietjen weitere Beispiele, die Hoffnung machen sollen.

Lars Kattau, der als Makler die ehemaligen Geschäftsräume von Leder Flathmann und Frisör Coco anbietet, sucht indes nach Optimismus. Denn Nachmieter seien an der Kirchenstraße nicht in Sicht. Jeder, dem er die Immobilien angeboten habe, habe abgewunken. „Dem einen ist es zu groß, dem anderen zu klein", sagt er. Unter anderem hätten eine Yoga-Schule und eine Versicherungsgesellschaft Interesse bekundet. „Es gibt so gut wie keine Resonanz“, sagt der Immobilienmakler, der selbst im Obergeschoss eines der angebotenen Geschäftshäuser wohnt. Nun sollen neue Fußböden und Decken in die angebotenen Läden kommen, um die Attraktivität zu steigern. „Wir haben in OHZ eigentlich alles“, sagt er. „Aber alles ist weit verteilt.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+