Schimmelbekämpfung an der Bielfeldt-Orgel Den Sporen auf der Spur

Spezialisten aus Hannover haben sich in der St.-Willehadi-Kirche an die Schimmelbekämpfung gemacht. Beide Orgeln mussten dazu komplett zerlegt werden.
07.02.2019, 16:32
Lesedauer: 4 Min
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Von Christian Kosak (Fotos) und Michael Schön (Text)

Uwe Winning zückt sein Mobiltelefon und „knipst“ die Taschenlampen-Funktion an. Er lenkt den Lichtstrahl auf das Wellenbrett, um zu zeigen, wo die unerwünschten Kirchenbewohner sitzen. Es sind Pilzsporen. Die winzigen Organismen haben auch die Erasmus-Bielfeldt-Orgel und ihr kleines Schwester-Instrument in der Scharmbecker St.-Willehadi-Kirche heimgesucht. Etwa ein Drittel der 50 000 deutschen Kirchenorgeln ist in alarmierender Weise von Schimmel befallen.

Das Wellenbrett ist kein Wassersportgerät und Uwe Winning kein Windsurfer. Das hölzerne Bauteil mit den Hebelarmen ist als Teil der Orgelmechanik eine Innovation aus dem 13. Jahrhundert und hat normalerweise seinen Platz unterhalb der Windlade. Jetzt liegt es quer über zwei Kirchenbänken. Es muss von den Sporen befreit und einer Prophylaxe unterzogen werden.

Uwe Winning ist Orgelbauer. Für ihn und seinen Kollegen Bernhard Buschmeier sowie den Auszubildenden Giorgi Alibegaschvili, den man auf der Empore mit einem Staubsauger hantieren sieht und hört, ist es bereits die dritte Arbeitswoche in Osterholz-Scharmbeck. Das Trio steht im Dienst der Firma Gebrüder Hillebrand aus Hannover-Altwarmbüchen. Beide Orgeln sind zum Zwecke der Säuberung – Kirchenkreiskantorin Caroline Schneider nennt sie scherzhaft „Frühjahrsputz“ – komplett zerlegt und größtenteils auch schon wieder zusammengesetzt worden, auch wenn im Altarraum noch ein fast kompletter Spieltisch steht.

Neben der kleinen Orgel befindet sich ferner eine Kiste, die von den Spezialisten zwecks Schallisolierung mit Dämmmaterial ausgekleidet worden ist. Letztere ist für den Motor bestimmt, der die für die Klangerzeugung nötige Druckluft liefert. Die Orgel ist ein Blasinstrument. Bei Andachten, wie sie etwa beim Abendmahl gehalten werden, habe das Motorengeräusch mitunter gestört, berichtet Caroline Schneider-Kuhn. Nun wird mit Schalldämpfer geblasen.

Buschmeier rechnet damit, dass es noch „zwei bis drei Wochen“ beanspruchen wird, bis sie ihr mit ungezählten Schraubenziehern und Bürsten ausgestattetes Werkzeugarsenal wieder zusammenpacken können. Die Kollegen und er werkeln den ganzen Tag in der Kirche. Geschlafen wird im Hotel. „Bei der großen Orgel müssen noch die Pfeifen wieder eingebaut werden. Und gestimmt werden muss sie schließlich auch noch!“ An dem auf der Empore thronenden Instrument, ergänzt die Kirchenkreiskantorin, sei die Reinigung auf besonders anfällige Bereiche wie die Windstuben, die Spielventile und die Tastenholme der Manualklaviaturen konzentriert gewesen.

Um die Krankheit der „Königin der Instrumente“ zu kurieren, braucht es jede Menge Werkzeug. Grobes wie überaus feines. Bernhard Buschmeier hält ein ganz kleines Glöckchen zwischen Daumen und Zeigefinger, das er Caroline Schneider-Kuhn zeigt. Er hat es überarbeitet. Die Kirchenmusikerin ist zufrieden. „Das sind die originalen Krallenglöckchen“, sagt Buschmeier. Sie gehören wie die Schalenglocken zum Zimbelstern, einem in Barockorgeln häufig vorkommenden Effektregister. Die Bielfeldt-Orgel hat sogar zwei Zimbelsterne.

Buschmeier erfüllt es sichtlich mit Stolz, dass es ihm anvertraut ist, ein so wertvolles Kulturgut wie die Willehadi-Orgel wieder so herzurichten, dass von ihr keine gesundheitliche Gefahr mehr ausgeht und dass sie zudem ihren ursprünglichen Klang wiedergewinnt, der sich durch Verschmutzung verändern kann. „Die Intonation muss unbedingt erhalten bleiben“, weiß Buschmeier. Die Bielfeldt-Orgel ist schließlich denkmalgeschützt. Orgelbau und Orgelmusik sind 2017 als immaterielles Kulturerbe der Menschheit in die entsprechende Unesco-Liste aufgenommen worden. Das Besondere an der von Erasmus Bielfeldt – er gilt als Schüler Arp Schnitgers – in zwei Arbeitsphasen (1731 bis 1734 und 1745) erbauten Orgel ist der Erhaltungszustand. Nach Einschätzung des Sachverständigen Harald Vogel weist von den zu Lebzeiten Johann Sebastian Bachs entstandenen Orgeln keine einen vergleichbar guten auf, sowohl die Vollständigkeit der Original-Bauteile als auch den Klang betreffend. Darum ist auch die Notenpultbeleuchtung das einzige neu eingebaute Teil. Der Bundestag hat 2016 einen Millionen-Fonds aufgelegt, aus dem auch die Scharmbecker Orgel-Sanierung mitfinanziert wird.

Buschmeier kommt noch mit zwei mächtigen Prospektpfeifen in den Altarraum. Sie wurden aus Zinnlegierungen geformt, denen der Schimmel in der Regel wenig anhaben kann. „Da findet er keinen Nährboden“, so Winning. Die Sporen, die auch in der Atemluft unterwegs sind, siedeln sich dafür gern auf natürlichen Materialien wie Leder an, an den Bälgen und in den Ventilen. Der Schimmel sucht sich seine Verstecke, wo es dunkel ist und wo er jene Feuchtigkeit vorfindet, die entsteht, wenn in einem länger nicht geheizten Raum durch den plötzlichen Temperaturanstieg Kondenswasser produziert wird.

Jetzt steht der Aggressor Schimmel erst einmal auf verlorenem Posten. Das soll mit einem Einweihungskonzert für Chor und Orgel gefeiert werden. Als Termin ist der 19. Mai vorgesehen.

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