Feuerwehrsprecher Chris Hartmann

Schlüsselerlebnis auf der Autobahn

Chris Hartmann ist Lebensretter, sowohl an Land als auch auf dem Wasser. Der Feuerwehrsprecher hilft neben Brandopfern auch Menschen in Seenot.
09.01.2021, 05:20
Lesedauer: 4 Min
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Von Michael Schön
Schlüsselerlebnis auf der Autobahn

Chris Hartmann ist Feuerwehrsprecher, aber natürlich auch bei Einsätzen aktiv. Über 150 waren es in gut zwei Jahren.

Christian Kosak

Osterholz-Scharmbeck. Chris Hartmann nutzt jede Gelegenheit, um für den Dienst bei der Freiwilligen Feuerwehr zu werben. „Damit anzufangen lohnt sich auch für Menschen, die schon in der Mitte des Lebens stehen.“ Hartmann, bei der Stadtfeuerwehr Osterholz-Scharmbecks zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, spricht aus eigener Erfahrung. Der 44-Jährige ist erst 2018 zu den Brandbekämpfern in der Kreisstadt gestoßen. Ausschlaggebend dafür, berichtet der Quereinsteiger, sei ein einschneidendes Schlüsselerlebnis gewesen, das er nur Wochen zuvor auf der Autobahn nahe der baden-württembergischen Stadt Heilbronn hatte. „Ich war da einer der Ersthelfer bei einem schweren Verkehrsunfall mit Lkw-Beteiligung und Verletzten. Und ich denke noch oft daran, wie erleichtert ich war, als plötzlich die Profis von der Feuerwehr hinter mir auftauchten!“

Der gebürtige Braunschweiger ist beruflich weit herumgekommen. Zehn Jahre hat er in Genf und Zürich für die Deutsche Bank gearbeitet. Seit 2010 lebt er mit seiner Frau und den beiden Kindern, 14 und zwölf Jahre alt, in Osterholz-Scharmbeck. „So lange wie jetzt habe ich noch nie an einem Fleck gewohnt.“ Dabei sei er in der neuen Wahlheimat „erst so richtig angekommen“, seit er sich der Feuerwehr angeschlossen habe. Durch den Dienst dort hätten sich ihm viele Bekanntschaften erschlossen.

Eine der großen Stärken der Feuerwehr, schwärmt Hartmann, „ist ihre Fähigkeit, Neulinge zu integrieren“, auch ältere halt, und zwar so, dass sie auch von den beruflichen Qualifikationen der Einsteiger profitiert. „Schon bei meinem ersten Einsatz in einer kleinen Gruppe konnte ich meinen Beitrag leisten. Das war eine Erfahrung, die mich geprägt hat.“ Er hat das Datum noch im Kopf, es war der 3. Oktober 2018, also ein Feiertag, an dem er gegen 7.30 Uhr aus dem Schlaf gerissen wurde. „Ich hatte noch keinen Melder und habe zum ersten Mal den Ton der Alarmierungsapp gehört.“ Der Brand war gleich um die Ecke und schnell gelöscht, doch der in Flammen geratene Transporter nicht mehr zu retten. Zum Glück habe es keine verletzten Personen gegeben.

Hartmanns Frau hat ebenfalls lange für die Deutsche Bank gearbeitet, in Paris und Brüssel, während er selbst in der Schweiz war. „Nach zweieinhalb Jahren, in denen wir uns überwiegend auf Flughäfen treffen konnten, sind Frauke und ich in Genf zusammengezogen.“ Der spät berufene Feuerwehrmann hatte schon immer eine Affinität für den Rettungsdienst und engagierte sich – von seinem alpenländischen Wohnsitz aus – ehrenamtlich für die Bergung Schiffbrüchiger auf hoher See, namentlich bei der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Insgesamt zehn Jahre war er im Vertrieb des Non-Profit-Unternehmens eingesetzt, um Spender für die gute Sache zu gewinnen.

Bei der DGzRS hat er sich schließlich für einen Schreibtischjob in Bremen beworben. Die Familie strebte zurück nach Norddeutschland. „Wir wollten die Chance nutzen, umzuziehen, bevor die Kinder in die Schule kommen würden.“ Er bekam im Finanzbereich der Organisation Arbeit und verblieb darüber hinaus im Seenotrettungsdienst, als Bootsführer auf dem Tochterboot des Kreuzers „Hans Hackmack“, der seinen Liegeplatz an der Lübecker Bucht, in Grömitz, hat. Seit 2013 hat der jetzige Projektkoordinator dort knapp 40 „scharfe“ Einsätze gefahren, zu denen sich etwa 15 bis 20 Tage jährlich gesellen, an denen er mit der DGzRS den „Ernstfall“ probt. Dazu gehören auch Übungen, die sich für Branchenfremde recht tollkühn ausnehmen – wie das „Winchen“, bei dem die Retter per Seilwinde beispielsweise vom Helikopter aus auf die Rettungsinsel befördert werden. Zehn bis 15 Mal, schätzt er, hat er bei solch abenteuerlichen Aktionen mitgemischt. Er findet, betont er, „die Anfahrt auf Land quälender“.

Vor der Arbeit der Feuerwehr hat Hartmann schon immer großen Respekt, sich aber schon für zu alt gehalten, um dort in den aktiven Dienst einzutreten. Nach dem oben erwähnten Erlebnis auf der Autobahn im „Ländle“ rannte er aber offene Türen ein und wurde zu einem Probedienst eingeladen. „Da wollte man mich gleich schanghaien, nachdem man mir ein Loch in den Bauch gefragt hatte.“ Er habe sich aber erst die Zustimmung seiner Frau eingeholt. „Und der Sohn findet‘s klasse, dass ich das mache.“ Lange vor dem Vater hatte der Filius bei der Garlstedter Kinderfeuerwehr angeheuert.

Hartmann kommt inzwischen auf über 150 Einsätze. Die ausbildungsfreie Zeit, die durch die Corona-Restriktionen verursacht worden war, hat er genutzt, um den Lkw-Führerschein zu erwerben. Er darf nun Einsatzfahrzeuge bewegen, wenn auch (noch) nicht im Einsatz. Zum Job des Pressesprechers gelangt ist er über seinen Vorgänger Marcus Zylka, der inzwischen wegen eines Ortswechsels den Dienst bei den Osterholz-Scharmbeckern quittiert hat. Man stellte sich einander vor, als dafür bei einem Tag der offenen Tür mit Drehleiter-Demonstration Gelegenheit war. „Marcus hat da festgestellt, dass ich gerne und viel rede.“ Vor einem Jahr wurde Hartmann zum Stellvertreter Zylkas gewählt, dessen Posten er inzwischen kommissarisch übernommen hat. Die formelle Amtsübernahme steht noch aus. „Im Moment finden ja keine Stadtkommandositzungen statt.“ Er hat in Celle ein Pressesprecherseminar besucht, schreibt Einsatzberichte, pflegt Homepage und Facebookseite der Stadtfeuerwehr und überlegt, „ob er die Arbeit der Feuerwehr den Leuten über Instagram näher bringen kann“.

Im vergangenen August war er an der großen Suchaktion im Bereich der Ohlenstedter Quellseen beteiligt. Er gehörte zur Crew des Feuerwehrboots „Moorteufel“, das den großen See mehrere Stunden durchkämmte.

Feuer und Wasser, die ja als „gegensätzliche Elemente“ gelten und so spannend miteinander reagieren, bestimmen die Freizeit des Osterholz-Scharmbeckers. Wenn er mit dem Kajak auf der Hamme unterwegs ist, schaltet er Handy und Melder aus. Er liebt das Wasser. „Skifahren in der Schweiz war auch wunderschön, ich bin aber im Urlaub immer an die Nord- oder die Ostsee gefahren. Hier gehöre ich einfach her.“

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