Ehrensache: Volker Müller

Er haucht Legenden Leben ein

Volker Müller war sechs Jahre Vorsitzender des St.-Marien-Kirchenvorstandes. Seine Passion: Geschichte und besonders jene des Klosters und die Legenden, die sich darum ranken.
17.04.2021, 05:53
Lesedauer: 4 Min
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Von Michael Schön
Er haucht Legenden Leben ein

Volker Müller ganz in Weiß: Der pensionierte Geschichtslehrer gibt bei Führungen in der Klosterkirche sein Wissen über Heimatgeschichte weiter. Dazu trägt er eine Mönchskutte.

Christian Kosak

Osterholz-Scharmbeck. Volker Müller hat Starkstromelektriker gelernt. Doch diesen Beruf übte er nur drei Jahre aus. Dann machte er sein Hobby zum Beruf und wurde Geschichtslehrer. „Das war schon von Kindheit an mein Traumberuf.“

Geschichte ist für ihn eigentlich mehr als Beruf und Hobby. Pensionär inzwischen, ist er ein ebenso begeisterter wie begeisternder Geschichtenerzähler, er geht Legenden über einen mutmaßlich von Nonnen genutzten Fluchttunnel auf den Grund, und er hortet Postkarten, mit denen er in Vorträgen das alte Osterholz-Scharmbeck wieder lebendig werden lässt: das Naturschwimmbad an der Bördestraße, den noch großen Mühlenteich in der Scharmbecker Altstadt, das Flüchtlingslager am Laubenweg oder das Interieur des „Rumpelstilzchens“ mit seinem berüchtigten „Verbrecherkeller“. Zu jeder Ansicht kann er natürlich eine Geschichte beisteuern. Er ist ein wandelndes Heimatgeschichtslexikon.

„Wenn ich etwas mache, dann aber auch richtig“, sagt Müller über sich. So „lebt“ er Geschichte geradezu, wenn er Gäste nach seinen Kirchenführungen in den historischen Keller des ehemaligen Wirtschaftsgebäudes geleitet. Er pflegt sich bei solchen Gelegenheiten in eine Nesselkutte zu hüllen und Holzschuhe zu tragen. Auf der Nase eine Nickelbrille und unterm Kinn den langen weißen Bart. Ein Mönch wie aus dem Bilderbuch.

Müller ist bei seinen Führungen, die gegenwärtig allerdings wegen Corona ausgesetzt sind, im Auftrag der St.-Marien-Kirchengemeinde unterwegs. Er war dort im Kirchenvorstand, sechs Jahre als Vorsitzender. Der heute 79-Jährige führt Schulklassen, Sportler und Senioren durch die ehemalige Klosterkirche, die als romanische Basilika entstand und 1197 geweiht wurde. Im Kloster Osterholz beteten und arbeiteten Ordensfrauen nach den Regeln des Heiligen Benedikt von Nursia („Ora et labora“). Müller: „Im Wesentlichen ist dieser romanische Teil noch gut erhalten. Die meisten Außenanlagen des Klosters sind unterdessen bei einem Brand 1345 vernichtet worden, und das nördliche Seitenschiff wurde anschließend durch eine gotische Halle ersetzt.“

Zeitreise ins Mittelalter

Alles in allem waren es fast 1000 Interessierte, darunter auch Touristen aus China, Costa Rica und Russland, die sich mit Müller auf eine Zeitreise ins Mittelalter begaben. Für den „Geschichtsversessenen“ sind diese Exkursionen Heimspiele. Als er sich mit Ursula, seiner Ehefrau, 1973 auf die Suche nach einem Eigenheim machte, spielte ihm das Leben das Haus mit der Osterholzer Adresse Baumhof 5 zu, just jenem Ort, an dem einst für die Verköstigung der Benediktinerinnen gesorgt wurde und nach der Auflösung des Klosters die Äbtissin Unterkunft fand. Den neuen Hausbesitzer zog es umgehend in den Keller, von dem aus der Fluchttunnel des Klosters nach Lilienthal führen sollte, wo man auf Hilfe der dort lebenden Zisterzienserinnen hoffen durfte. Von jenem Geheimgang, der schon in jungen Jahren seine Fantasie beflügelt hatte, war dort bis auf die Strukturen eines aus dem Mauerwerk hervortretenden Rundbogens allerdings keine Spur.

1982 jedoch, als St. Marien und damit auch der Ort Osterholz den 800. Geburtstag der Klosterkirche feierten, gewannen mit der Keimzelle des Ortes Osterholz auch die Relikte der Anlage um den Sakralbau gesteigertes Interesse. Ob man denn den Keller des alten Wirtschaftsgebäudes nicht der Öffentlichkeit zeigen könne? Da packte Müller der Ehrgeiz, und er grub sich binnen sechs Wochen etwa fünf Meter tief in den verschütteten Kriechtunnel herein. Mehr ließ die Statik nicht zu. Einsturzgefahr. Man vermutet, dass der Tunnel nach etwa 200 unterirdisch geführten Metern endet und die Nonnen sich dann durchs Teufelsmoor nach Lilienthal durchschlugen.

Barfuß-Archäologe

Was der Barfuß-Archäologe bei seinen Grabungen an Aushub zu Tage förderte – mittelalterliche Messer und aus Lehm gebrannte Töpfe -, wurde während der Jubiläumsfeierlichkeiten von vielen Menschen bestaunt. Gleichzeitig war das der Auftakt des Reigens der Rundgänge, die Müller mit Menschen unternimmt, die wie er neugierig auf Geschichte sind. Er kennt nicht nur die Legenden, die sich um das Kloster ranken. Er hat auch stets die belastbaren Daten parat, weiß aus dem Effeff genau, wann und warum es umgebaut wurde, von welchen Feinden es bedroht und von welchen anderen Verheerungen es sonst noch heimgesucht wurde.

Ein gesteigertes Interesse an Heimatgeschichte im Allgemeinen verspürte der spätere Geschichtslehrer von Kindesbeinen an. Noch während des Krieges – 1942, Volker Müller war ein Jahr alt – zogen die Müllers in die Bördestraße, in ein Haus, das zuvor von einer jüdischen Familie bewohnt wurde. Deren Schicksal – Deportation und Tod in Minsk (heute Weißrussland) – hat Müller tief berührt. Ihm habe schon lange etwas geschwant, als er von der Mutter erfuhr, dass es das Kinderzimmer der Verstorbenen gewesen war, in dem er – inzwischen 14 Jahre alt – und drei Geschwister zu schlafen, zu spielen und zu arbeiten pflegten. „Diese Sache lässt mich nicht mehr los“, sagt Müller. Er ist stets mit großem Engagement dabei, wenn es darum geht, das Andenken an die jüdischen Mitbürger zu bewahren, die auch in Osterholz-Scharmbeck nicht vor dem häufig tödlichen Zugriff der Nationalsozialisten und ihrer Schergen sicher waren. An den Gedenktagen zur Pogromnacht geht er zum Platz der früheren Synagoge, um am Ehrenmal die Namen der getöteten Mitbürger zu verlesen. Zur Erinnerung an die aus der Bördestraße vertriebene Familie sollen dort im Juni vier Stolpersteine verlegt werden.

Auf vielen Feldern aktiv

Müller ist auf vielen Feldern aktiv, unter anderem im Förderverein der Findorffschule, die er wie sein Vater, seine Mutter und seine beiden Töchter selbst besucht hat. Er wechselte dann auf die Mittelschule, damals in der Bahnhofstraße. Ein Gymnasium gab es zu dieser Zeit in ganz Osterholz-Scharmbeck nicht. Da er aber stets den Wunsch hatte, Lehrer zu werden, legte er schließlich erfolgreich die Nichtabiturientenprüfung ab, um ein Studium an der Pädagogischen Hochschule in Bremen aufzunehmen. Er unterrichtete an der Hauptschule in Bremen-Lesum und war schließlich 1972 als einer von drei dortigen Kollegen Mitbegründer des Schulverbunds Lesum (jetzt Oberschule Lesum). Müller hat immer wieder soziales Engagement unter Beweis gestellt, ob im GEW-Ausschuss Junger Lehrer oder in der Deutsch-Polnischen Gesellschaft. Nach seiner Pensionierung fand er Zeit, sich um sein Antiquariat zu kümmern. „Ich kann keine Bücher wegschmeißen.“ Auch mit dem Nachlass der Schwiegereltern, die eine Buchhandlung am Starnberger See betrieben, hat er einen schwunghaften Online-Handel in Gang gebracht. „Über 12.000 Büchertitel habe ich ins Internet eingegeben.“ Viele hat er auch wieder rausgenommen. Einige davon noch einmal gelesen. Natürlich keine Kriminalromane, sondern Fachliteratur, „Heimatgeschichte und alles, was mit Jürgen Christian Findorff zu tun hat".

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