Mehr als Äpfel, Eier und Moor Ein regionales Natur- und Umweltzentrum: Die BioS

In Sachen Umweltbildung ist die Biologische Station in Osterholz-Scharmbeck, auch weit über die Grenzen der Kreisstadt, eine Instanz. Hervorgegangen ist sie aus der alternativen Protestbewegung der 80er-Jahre.
07.03.2020, 21:29
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Christa Neckermann

In Osterholz-Scharmbeck kennt sie buchstäblich beinahe jedes Kind, weil fast alle schon mal mit ihr unterwegs waren: die Biologische Station, kurz BioS. In Sachen Umweltbildung und weit darüber hinaus ist sie nicht nur in der Kreisstadt eine Instanz. Ihr Domizil haben die Biologen, Umweltwissenschaftler, Landschaftsökologen, Landschaftsentwickler, Geografen und Umweltpädagogen, die sich seit 1985 in der BioS für den Umwelt- und Naturschutz einsetzen, an exponierter Stelle: an der Mühle von Rönn.

Hervorgegangen ist die Biologische Station aus der alternativen Protestbewegung der 1980er-Jahre. Damals nahmen Relevanz und Akzeptanz außerparlamentarischer Umwelt- und Sozialbewegungen zu, den Grünen gelang der Einzug in das Bundesparlament. Auch in Osterholz-Scharmbeck zeichnete sich ein Wandel ab, etwa mit dem Engagement gegen Aufrüstung, Atomkraft oder das seit etwa 1980 großflächig auftretende Waldsterben. In Folge der Besetzungen mehrerer leerstehender, zum Abriss bestimmter Häuser 1981 sammelte sich die lokale Protest-, Alternativ- und Umweltbewegung – zunächst in der Bahnhofstraße, dann im Kleinbahnhof.

Lesen Sie auch

Der Natur- und Umweltschutz wurde in den Kommunen und im Landkreis Osterholz noch wenig beachtet. Viele junge Leute wollten ihren Einsatz und ihre Kenntnisse der Umweltbewegung zur Verfügung stellen. Nach dem Vorbild der Umweltpolitik in Nordrhein-Westfalen sollte die BioS wie die dort eingerichteten Biologischen Stationen den bisher ehrenamtlich getragenen Natur- und Umweltschutz als eingetragener gemeinnütziger Verein professionalisieren und koordinieren. Inhaltliche Schwerpunkte sollten Feldforschung, Datenerfassung, praktischer Naturschutz, Artenschutz und Umweltbildung sein.

Um eine weitgehende Unabhängigkeit von staatlichem und kommunalem Handeln zu gewährleisten, war angestrebt, die erforderlichen Finanzmittel im Wesentlichen durch einen wirtschaftlichen, in Naturschutz- und Landschaftsplanung tätigenden Geschäftsbetrieb sowie durch die Anwerbung von Dritt- und Fördermitteln zu sichern. Wichtige Themen waren am Anfang der Feuchtgebietsschutz, der Feuchtgrünlandschutz sowie der Moorschutz auf der Grundlage internationaler beziehungsweise landesweiter Schutzprogramme.

Ein Spezialist zu fast jeder Art, Fauna und Flora

„In der Anfangszeit haben uns beispielsweise Hobbyornithologen ihre handschriftlich gesammelten Daten zur Verfügung gestellt. Bei uns hatten sie damit erstmals die Möglichkeit, diese Daten aufarbeiten zu lassen. Das bildete die Grundlage, dass in der Hammeniederung ein Vogelschutzgebiet eingerichtet wurde“, erinnert sich der Biologe Hans-Gerhard Kulp. Diese langjährigen Bestandsaufnahmen bilden noch heute den Grundstock der vogelkundlichen Daten der BioS. „Wir können sagen, dass wir heute fast zu jeder Art, Fauna oder Flora, einen Spezialisten bei uns haben. Dieses Spezialwissen Einzelner mündet bei uns sehr schön in ein umfassendes ökologisches Verständnis der Natur“, hebt Kulp hervor.

Die BioS ist nicht verbandsgebunden. Sie ist eine Facheinrichtung aller aktiven Naturschutzverbände und einiger, dem Natur- und Umweltschutz zugewandter Heimatvereine, erläutert Kulp. „Deshalb erleben wir keinen Verbandsegoismus. Ehrenamtlich ist diese Arbeit durch einen Verband allein nicht zu schaffen, wir müssen alle an einem Strang ziehen.“

Lesen Sie auch

1993 stellte die Stadt Osterholz-Scharmbeck den Mitgliedern der BioS die Mühle von Rönn als neues Domizil zur Verfügung. Damit eröffneten sich der Biologischen Station auch neue Tätigkeitsfelder wie die Umweltbildung. Um Naturschutz komme man nicht mehr herum, diese Thematik sei inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. „Die Politik realisiert das allerdings mit einer gewissen Zeitverzögerung“, so Kulp.

In den vergangenen 35 Jahren seit Gründung der BioS haben die Mitarbeiter nicht nur festgestellt, dass ihr Fachwissen auch von übergeordneten Stellen gern abgefragt wird, sie haben auch viele, inzwischen etablierte Kurse und Programme entwickelt, mit denen den Menschen Natur nahe gebracht wird. „Wir arbeiten mit 18 sogenannten BioS-Schulen zusammen“, erläutert Biologin Imme Klencke. Dazu gehören unter anderem alle Grundschulen der Kreisstadt, die mit ihren 4. Klassen regelmäßig Exkursionen ins umliegende Moor unternehmen. „Nur, was die Menschen kennen und schätzen sind sie auch bereit zu schützen“, ist die engagierte Biologin überzeugt.

Über die nasse Torfkuhle springen

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der BioS konzipierten unter anderem den sehr erfolgreichen Moorerlebnispfad im Ahrensfelder Moor. Fast jedes Kind Osterholzer Schulkind war mit der BioS schon einmal auf diesem Pfad unterwegs. „Am meisten macht den Kindern das Springen in die nasse Torfkuhle Spaß“, weiß Imme Klencke. Aber auch der Geruch des Gagelstrauches, das Binden kleiner Hexenstühle aus Binsengräsern oder Torfmoose, die sich wie ein Schwamm auspressen lassen, kreieren unvergessliche Erlebnisse. „Manchmal haben wir auf solchen Exkursionen Eltern mit dabei, die selbst als Schulkinder mit uns ins Moor gegangen sind“, erzählt Imme Klencke.

Nicht nur Lebensräume, Landschaft und Geschichte können die Besucher bei der BioS erleben. Ein weiterer Schwerpunkt der Einrichtung liegt in der Vermittlung von Kenntnissen über unsere Lebensmittel. „Wir bieten den Schülern die Möglichkeit, die Herkunft der Lebensmittel zu erkunden. Von der Honigernte über den Saft von unseren auf der Streuobstwiese stehenden Apfelbäumen, das Müsli aus Hafer, den wir vorher selbst mit den Kindern gedroschen haben, bis hin zu den Eiern, die die Hühner auf der Biologischen Station legen, erleben die Menschen bei uns einen Einblick in die Lebensmittelerzeugung und -verarbeitung, wie er heute nur noch selten möglich ist“, hebt Imme Klencke hervor.

Lesen Sie auch

Und das sind noch nicht einmal die wichtigsten Aufgaben, die die BioS erfüllt. Hinter den publikumswirksamen Aktionen kümmern sich die Fachleute vor allen Dingen auch um Aufgaben des Naturschutzes, erstellen ökologische Gutachten und Planungen, betreuen die Schutzgebiete und überwachen schützenswerte Naturgebiete, die noch nicht als Schutzgebiete ausgewiesen sind. In diesen Bereichen arbeiten die Biologen eng mit den Naturschutzbehörden zusammen.

Renaturierung des Scharmbecker Baches

Mit eigenen Renaturierungsprojekten unterstützen die Freiland-Biologen die Arbeit der Behörden. So war die BioS auch maßgeblich an der Renaturierung des Scharmbecker Baches beteiligt und entkusselt größere Moorflächen mit der Hilfe entsprechender Fachfirmen. „Unsere über viele Jahre erworbenen Gebietskenntnisse kommen uns bei solchen Aufträgen sehr zu Gute und werden von unseren Auftraggebern geschätzt“, weiß Hans-Gerhard Kulp.

Gerade jetzt hat die Biologische Station wieder ihr neues Programmheft „Wege ins Moor“ herausgebracht. 30 Exkursionen führen die Teilnehmer zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auch dem Torfkahn in diese einmalige Naturlandschaft. Zu allen Jahreszeiten ist die letzte großflächige Überschwemmungslandschaft Nordwestdeutschlands einen Besuch wert.

Weitere Informationen über die Biologische Station Osterholz, Lindenstraße 40, gibt es auch im Internet unter www.biologische-station-osterholz.de.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+