Ideenskizze zur Energiewende

Energie aus Biomüll: Pläne für Kompost-Kraftwerk im Gewerbepark A27

Der Landkreis Osterholz möchte die Energie nutzen, die im Bioabfall steckt. Er plant ein Kompostwerk in Heilshorn, das Strom und Wärme oder Biomethan in Erdgasqualität produziert - womöglich sogar Wasserstoff.
13.12.2018, 17:19
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Energie aus Biomüll: Pläne für Kompost-Kraftwerk im Gewerbepark A27
Von Bernhard Komesker
Energie aus Biomüll: Pläne für Kompost-Kraftwerk im Gewerbepark A27

Beim Umschichten von Gartenabfall zeigt sich, wie viel Energie in der Biomasse steckt. Landkreis und Aso wollen sie künftig nutzen.

Christian Kosak

Ein Kompostwerk, das neben Kompost auch Strom und Wärme oder Erdgas produziert? Womöglich gar Wasserstoff, welcher die Brennstoffzellen der Müllautos antreibt, mit denen der Biomüll zuvor eingesammelt wurde? Was nach Zukunftsmusik klingt, ist in den Köpfen von Werner Schauer und Christof von Schroetter weit mehr als eine fixe Idee. Der Leiter der Kreisabfallwirtschaft und der Geschäftsführer der Abfall-Sevice Osterholz (Aso) haben Michael Zahlten von der Umweltberatungsgesellschaft Joma aus Hamburg damit beauftragt, das Vorhaben bis Ende Juni 2019 einmal durchzurechnen. „Es ist noch nichts spruchreif, aber ein mögliches Leuchtturmprojekt“, sagen die Verantwortlichen.

Michael Zahlten ist geschäftsführender Gesellschafter bei der Joma GmbH und seit 30 Jahren im Abfallgeschäft tätig. Er hat unter anderem das Biogas- und Kompostwerk Bützberg der Hamburger Stadtreinigung mit konzipiert. Dort, im Kreis Stormarn, entstehen aus organischem Abfall Biogas und hochwertiger Dünger. In den Fermentern vergären mit bakterieller Hilfe jährlich bis zu 70 000 Tonnen Bio- und Grünabfall zu gereinigtem Bio-Methangas, das ins Erdgasnetz eingespeist wird und das Blockheizkraftwerke (BHKW) antreibt, die Strom und Wärme produzieren. Alles in allem erzeugt Bützberg bis zu 28 Millionen Kilowattstunden pro Jahr. Die Gärreste der Anlage werden zu Kompost und Erden veredelt.

So etwas Ähnliches, vielleicht nicht ganz so groß, hätten Schauer und von Schroetter auch gern. Da die Haushalte im Kreisgebiet zwar vorbildlich sortenreinen Biomüll erzeugen, aber nicht in ausreichender Menge, haben sich die beiden Männer nach Partnerkommunen in der Umgebung umgesehen. Der Landkreis und die Stadt Cuxhaven sowie der Landkreis Verden haben dem Gedankenexperiment zugestimmt. Damit wären die Osterholzer, die selbst rund 12.000 Tonnen auf die Waage bringen, klar oberhalb der kritischen Mindestmenge von 30.000 Tonnen, die Zahlten zufolge technisch und wirtschaftlich erforderlich wäre. „Es wäre in der ganzen Region hier die erste Kompostierungsanlage mit einer Vergärungsmöglichkeit.“

Standort ausgeguckt

Der Gewerbepark A27 böte – noch so ein Konjunktiv – einen idealen Standort für die Anlage: Die Lkw aus Verden und dem Cuxland müssten auf dem Weg dorthin keine Siedlungsgebiete queren; und auch für den Osterholzer Biomüll wäre der Weg nach Heilshorn nicht mal mehr halb so weit, denn bisher wird er nach Sandstedt gebracht. Künftig müsste er dann wohl durch Buschhausen.

Die Energie, die in geschreddertem Gartenabfall und anderen organischen Abfällen steckt, wird bisher auch in den offenen Mieten in Sandstedt nicht genutzt. Etliche interessierte Betriebe vor der Haustür, allen voran die Müllauto-Schmiede von Faun, aber auch weitere Firmen mit Strom- und Wärmebedarf, könnten das BHKW des Kompostwerks nutzen. Schauer und von Schroetter haben ein 6500-Quadratmeter-Areal auf städtischem Grund ausgeguckt, doch auch in Brundorf wäre noch Platz.

Das Problem der Lärm- und Geruchsemissionen werde gemeinhin überbewertet und lasse sich mit modernen Filteranlagen spielend lösen, versichert Michael Zahlten. Die luftdichten Gärkammern seien „komplett eingehaust“. Werner Schauer nickt: „Wenn hier an manchen Tagen der Gartenabfall umgeschichtet wird, dann riecht das viel stärker.“ Er hat sich mit dem Aso-Geschäftsführer die Anlage der Hamburger Stadtreinigung und eine weitere in Schleswig-Holstein angesehen. Falls die Bio-Wasserstoff-Variante verwirklicht werde, woran man bei Faun besonders interessiert sei, könnten auch Fördermittel winken. „Die Brennstoffzelle ist die Energiequelle der Zukunft“, findet Werner Schauer.

Christof von Schroetter gibt mit Blick auf den Pennigbütteler Betrieb unumwunden zu: „Früher oder später müssten wir hier sowieso handeln und investieren.“ Die strengeren Auflagen der TA Luft und der Kreislaufgedanke lassen die derzeitige offene Zwischenlagerung ohne Nutzung der freiwerdenden Gase zum Auslaufmodell werden. Unter Klimagesichtspunkten sei das auch nachvollziehbar, denn schließlich handele es sich um Methan und Kohlendioxid. Werner Schauer schätzt, dass eine geschlossene Lösung wie die nun angedachte den jährlichen Co2-Ausstoß um 1700 Tonnen reduzieren würde.

Für die Aso hätte das Ganze den zusätzlichen Charme, die biologische Stufe ihrer Abfallbehandlungsanlage mit Gärresten aus dem Gewerbepark A27 als Nachrotte sinnvoll nutzen zu können. Die Anlage hatte 2005 rund 8,5 Millionen Euro gekostet, der biologische Part jedoch wurde fünf Jahre später stillgelegt, nachdem der Landkreis Wesermarsch als damaliger Vertragspartner die zugesicherte Müllmenge nicht beisteuern konnte.

Wohl keine finanzielle Mehrbelastung der Bevölkerung

Die Frage nach den Folgen für den Gebührenzahler beantwortet Werner Schauer zurückhaltend. Investitionssummen soll Zahlten ja nun erst berechnen. Ein Teil des Aufwands lasse sich gewiss durch den Verkauf von Strom, Gas, Wärme, Wasserstoff bestreiten sowie durch Ersparnisse gegenüber der jetzigen Kompost-Lösung. „Ich gehe nicht davon aus, dass es zu einer signifikanten Mehrbelastung für den Bürger kommt“, sagt der Kreisdezernent. Ökologisch sei das Ganze sinnvoll, „und hoffentlich auch ökonomisch“.

Sorgen vor dem Eintrag von Schadstoffen durch Straßenlaub oder Fehlbefüllung haben Schauer und von Schroetter nicht. Der Kompost, der am Ende übrig bleibe, werde auch heute schon regelmäßig auf die Einhaltung von Grenzwerten untersucht. Und wenn der Metalldetektor am Müllauto Alarm schlägt, bleibt die braune Tonne rigoros stehen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+