Spurensuche in Osterholz-Scharmbeck „Geschichtsträchtig und bewegend“

Die Mutter war 1939 mit zwei Geschwistern vor den Nazis in die USA geflohen, jetzt kehrte der Sohn nach Osterholz-Scharmbeck zurück - um sich hier auf Spurensuche zu begeben.
01.10.2018, 16:28
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Friedrich-Wilhelm Armbrust

Osterholz-Scharmbeck. „With open arms“, mit offenen Armen, sei er empfangen worden, sagte am Sonnabend der US-Amerikaner John Link im Rathaus. Er meinte Gastgeber Miklas Wrieden, der an der Sandbergstraße 15 wohnt. Wrieden selbst beschrieb die Begegnung mit den Worten: „Es hat mich sehr gefreut, das war sehr bewegend und auch geschichtsträchtig.“

Link ist der Sohn von Erika Ratusch. Die heiratete den US-Amerikaner Link, ist inzwischen verwitwet, 87 Jahre alt und lebt in New York. Geboren wurde sie indes in Osterholz-Scharmbeck, genauso wie ihre Geschwister Jacob und Sonja. Mit ihren jüdischen, aus Polen stammenden Eltern Leon und Anna Ratusch lebte die Familie in den 20er- und 30er-Jahren in der Sandbergstraße 15. Die Familie wurde von den Nationalsozialisten gezwungen, ihr Haus in der Sandbergstraße aufzugeben und musste nach Vegesack übersiedeln. Um einer drohenden Deportation zu entgehen, floh Leon Ratusch in die USA. Dort wollte er sich darum kümmern, Einreispapiere für die USA für seine Familie zu bekommen. Das zog sich hin. Anna Ratusch nahm sich das Leben. Im März 1939 aber schafften es die drei Geschwister mit Hilfe von Verwandten, über Hamburg in die USA einzureisen.

79 Jahre später nun kehrte John Link zusammen mit seiner Frau Cheryl in die Geburtsstadt seiner Mutter zurück. Bei einem Besuch im Rathaus zeigte Bürgermeister Torsten Rohde dem Ehepaar das damalige, in Sütterlinschrift verfasste Geburtsregister der Stadt mit den Daten von Erika Ratusch. Sichtlich angerührt von allen Eindrücken zeigte sich Cheryl Link, lachte viel, aber brach auch schon mal in Tränen aus. Auch John Link zeigte sich beeindruckt: „Unbelievable“, unglaublich, sagte er des öfteren. Das US-Ehepaar hatte im September eine Deutschlandtour gemacht. Schlusspunkt war ein Kurztrip nach Osterholz-Scharmbeck. Im Vorwege hatten sie sich via Internet über die Kreisstadt informiert und begaben sich auf Spurensuche. Dabei stießen sie auf das Mahnmal in der Bahnhofstraße, auf die Namen von Ilse Schröder sowie Anja und Jürgen Heuser und schlugen per E-Mail eine Brücke über den großen Teich. Die drei Kreisstädter nahmen ebenfalls am Empfang im Rathaus teil. „Wir sind jetzt ständig in Kontakt miteinander“, sagte Ilse Schröder. „Schön, dass wir Kontakt zueinander haben“, freute sich auch John Link. Ilse Schröder hatte auch das Programm des Aufenthaltes organisiert. Am Mahnmal wurden Blumen niedergelegt, die Visite in der Sandbergstraße 15 war vorbereitet. Hier habe man sich Haus, Keller und Garten angeschaut, so Ilse Schröder. Das sei alles sehr anrührend gewesen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+