Gabor Lengyel zu Gast in Osterholz-Scharmbeck Das Erinnern endet nicht

Was heißt es, sich an den Holocaust zu erinnern? Über diese Frage sprach der Holocaust-Überlebende Gabor Lengyel mit Schülern der Integrierten Gesamtschule in Osterholz-Scharmbeck.
08.02.2022, 20:00
Lesedauer: 3 Min
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Das Erinnern endet nicht
Von Judith Kögler

Osterholz-Scharmbeck. In der Mehrzweckhalle der Integrierten Gesamtschule Osterholz-Scharmbeck sind 14 Stuhlreihen symmetrisch aufgestellt. Auf einem Schultisch am Kopf des Raumes liegen Mikrofone. Die Schüler des 13. Jahrganges sitzen ruhig auf ihren Plätzen. Sie blicken zu einem besonderen Gast, der nun zu einem der Mikrofone greift: Gabor Lengyel, Rabbiner und Lehrbeauftragte der Leibniz Universität Hannover, besucht die Osterholzer Schule. Er will im Rahmen der Projekttage "Wider das Vergessen – Erinnern für Toleranz" mit den Oberstufenschülern ins Gespräch kommen. Lengyel ist Holocaust-Überlebender und engagiert sich seit Jahren für den jüdische-christlichen Dialog.

Haltung deutlich machen

Er macht direkt zu Beginn klar: Er sei kein Fan von Monologen. Deshalb hält er die Erzählung seiner Biografie auch kurz, berichtet davon, dass er im Januar 1941 in Budapest als Sohn einer jüdischen Familie geboren wurde. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht wurde Lengyels Mutter in das Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt, erzählt er. Lengyel selbst habe den Holocaust in einem Versteck im Ghetto von Budapest überleben können. Mit 15 Jahren sei er dann alleine nach Österreich geflüchtet, wanderte anschließend nach Israel aus. "Ich ließ mich dort zum Feinmechaniker ausbilden". Anschließend habe er in der israelischen Armee gedient und sein Abitur nachgeholt. Dann sei er durch ein Stipendium nach Deutschland gekommen, um in Braunschweig zu studieren. "Es war eine Herausforderung für mich, ausgerechnet nach Deutschland zu gehen", berichtet er.

Während Lengyel erzählt, ist es ruhig in der weitläufigen Halle, die Oberschüler hören ihm gespannt zu. Laut Lehrerin und Organisatorin Tanja König hätten sie sich schon in den Wochen vor dem Besuch des Holocaust-Überlebenden mit dem Thema des Erinnerns auseinander gesetzt. "Vor allem durch die aktuellen Ereignisse in der Gesellschaft sind Thematiken wie die Demokratiebildung wieder allgegenwärtig. Man wird immer wieder herausgefordert, die eigene Haltung deutlich zu machen", sagt sie. Es sei die Aufgabe der Bildungseinrichtungen, die Schülerinnen und Schüler für Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung zu sensibilisieren. Mit Blick auf die Erinnerungskultur werde zudem deutlich, dass die heutige Schülergeneration mittlerweile von der Erlebnisgeneration weit entfernt sei.

Frage von Verantwortung und Schuld

Auch deshalb begeht die Schule seit drei Jahren aktiv den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar, bietet für alle Jahrgänge Projekttage zu der Thematik an. Insbesondere der 13. Jahrgang habe sich auch im Rahmen des anstehenden Zentralabiturs mit Holocaustliteratur befasst. Warum soll man sich überhaupt erinnern? Warum gerade die Urenkel- und Ururenkelgeneration? Und was ist der spezifische Wert des Erinnerns? Mit diesen Fragen hätten sich die Jugendlichen auseinandergesetzt.

Dass sie sich für das Thema interessieren und neugierig sind, ist auch während der Veranstaltung mit Gabor Lengyel zu merken. Die Oberstufenschüler stellen ihm Fragen zur Schuld, zum Verzeihen, zur deutschen Verantwortung im Umgang mit der Geschichte. Für Lengyel sind Worte "wie Vergessen, Erinnern, Vergeben und Verzeihen sehr schwierige Begriffe". So verstehe er sich selbst zum Beispiel nicht als ein Zeitzeuge. Vielmehr sei er Überlebendender, da er zu Zeiten des Krieges noch ein kleines Kind war. "Ich erinnere mich ja nicht wirklich daran. Dafür war ich zu jung", sagt er.

Gemeinsame Trauerarbeit

Gedenktage wie den 27. Januar seien zwar wichtig, aber sie sind vor allem "nicht-jüdische Erinnerungstage im Rahmen von öffentlichen, von Politik und Kirchen organisierten Gedenkfeiern". Das entscheidende beim Gedenken sei aber, was man darüber hinaus für sich selbst und für sein alltägliches Handeln mitnehmen könne. Zudem betont der 81-Jährige, dass es nicht die alleinige Aufgabe der Jüdinnen und Juden sein dürfe, Erinnerungsarbeit zu leisten. "Es ist oft zu beobachten, dass an den Gedenktagen die Betroffenen allein von ihren Erfahrungen mit dem Holocaust berichten. Sie werden zu Akteuren und tragen die Hauptlast des Erinnerns". Er wolle sich für die gemeinsame Trauerarbeit engagieren, für gemeinsame Projekte. Auch deshalb sei er begeistert von den Projekttagen der Integrierten Gesamtschule.

Warum soll man sich nun erinnern? Gerade als junger Mensch? "Man kann sich nie genug erinnern, nie genug aufklären. Sollte in Bezug auf Antisemitismus und Rassismus immer aufmerksam sein, denn diese Tendenzen gibt es leider immer noch in Deutschland", sagt Schüler Tom Boyer. Sein Mitschüler Gustav Grünthal ergänzt, dass "es eben nicht reicht, an einem Tag im Jahr eine Gedenkveranstaltungen zu besuchen". Das Erinnern erfordere eine ständige Auseinandersetzung.

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