Interview mit Kristin Lindemann

„Umweltpolitik sollte kein Alter kennen“

Die Verbindung von Klimaschutz mit Sozialpolitik ist eines der Kernanliegen, die Kristin Lindemann im Interview mit unserer Zeitung formuliert. Sie ist seit Oktober Vorsitzende des SPD-Ortsvereins.
31.12.2020, 05:50
Lesedauer: 6 Min
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Von Michael Schön
„Umweltpolitik sollte kein Alter kennen“

Kristin Lindemann ist seit dem vergangenen Oktober Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Osterholz-Scharmbeck.

CARMEN JASPERSEN
Frau Lindemann, Sie sind erst 23 Jahre alt. Der Vorstand der SPD Osterholz-Scharmbeck hat sich damit erheblich verjüngt. Wird er damit auch grüner? Die SPD-Frauen haben ja kürzlich eine Hauszwetschge auf der Streuobstwiese am Osterholze gepflanzt und diese Aktion ungewöhnlich heftig beworben.

Kristin Lindemann: Die Umwelt ist der SPD sehr wichtig. Dies hat bei uns in Osterholz-Scharmbeck jedoch wenig mit Generationen zu tun. So haben sich junge Vorstandsmitglieder zum Beispiel sehr aktiv für den Aufbau von Fridays for Future Osterholz eingesetzt und engagieren sich auch jetzt noch in der Gruppe der Schüler und Schülerinnen. Die Idee, die Hauszwetschge auf der Streuobstwiese zu pflanzen, kam von einer etwas älteren Genossin. Umweltpolitik sollte kein Alter kennen, denn wir alle müssen uns jetzt dafür einsetzen. Am besten gestern, aber auf keinen Fall erst morgen. Im Gegensatz zu anderen Parteien sieht die SPD ihre Aufgabe darin, Klima/Umweltschutz und Sozialpolitik zu verbinden. Was bedeutet das? Eine Gestaltung der Klima-Wende, von der jeder profitiert, vor allem auch die Menschen mit geringerem Einkommen. Klimaschutz bedeutet nicht, dass es für Bürger mit größerem Geldbeutel so weiter geht wie bisher und sich Leute mit kleinerem Geldbeutel noch mehr einschränken müssen.

Wenn man an Demonstrationen für den Kampf gegen den Klimawandel, für den Erhalt der Arten und gegen die Zerstörung der Natur denkt, kommen einem vor allem die Bilder von jungen Menschen in den Kopf. Haben Sie auch an solchen Kundgebungen teilgenommen?

Vor ein paar Jahren war ich eine der Hauptorganisatoren der Demonstration für ein buntes Osterholz und schätze das Engagement der Menschen, für ihre Belange auf die Straße zu gehen. Ich weiß, dass SPD/Jusos immer bestrebt sind, an solchen Demonstrationen teilzunehmen. Durch mein Studium war ich zwar das ganze vergangenen Jahr in Kolumbien, habe das Engagement vieler Genossen und Bürger jedoch immer verfolgt. In Kolumbien ticken die Uhren, was das Bewusstsein für den Umweltschutz angeht, leider etwas langsamer. Häufig musste ich beobachten, wie Einheimische Plastikmüll in der Natur entsorgt haben. Es ist wichtig, dass überall auf der Welt ein Umdenken stattfindet. Einsetzen kann man sich für den Umweltschutz wie für viele weitere wichtige Themen jedoch nicht nur auf Demonstrationen. So bieten sich vor Ort in Parteien und anderen Gremien viele Möglichkeiten, sich dafür stark zu machen, dass Forderungen nicht nur Forderungen bleiben, sondern auch umgesetzt werden. Die Chance, tatsächlich etwas zu verändern, motiviert mich ungemein.

Wann und warum haben Sie sich entschieden, sich über die Arbeit in einer Partei politisch zu engagieren und warum in der SPD?

Mein Schulfreund Frederik Burdorf hat sich bereits vor mir bei den Jusos engagiert. Ihm ist aufgefallen, dass ich mich schon damals nicht mit Ungerechtigkeiten und der Ungleichbehandlung von Menschen zufrieden gegeben habe. Deshalb hat er mich zu den Jusos mitgenommen, und ich habe dort eine Plattform gefunden, auf der ich mich für mehr Gerechtigkeit einsetzen konnte. Mich für kleine Dinge stark zu machen, die für viele doch eine große Bedeutung haben. Und die SPD ist eine Partei voller Leute, die sich mit Herzblut dafür engagieren, dass Menschen nicht auf der Strecke bleiben.

Zurück zur globalen Erwärmung: Olaf Scholz hat kürzlich betont, dass die Klimakrise keine Pause macht. Sehen Sie trotzdem die Gefahr, dass ein für die Zukunft so bedeutendes Thema von den aktuellen Problemen, denen der Finanzminister gerade unter Inkaufnahme von Schulden in enormer Höhe zu begegnen versucht, in den Hintergrund gedrängt wird?

Wir befinden uns momentan im Ausnahmezustand. Ich habe Weihnachten nicht mit meinen Großeltern verbracht, weil ich sie schützen wollte. Viele Menschen schränken sich ein, um zu verhindern, dass sich andere Bürger, ihre Familien und sie sich selbst infizieren. Restaurantbesitzer haben Existenzängste. Auch in Osterholz-Scharmbeck sind viele Menschen an Covid-19 erkrankt und leiden unter den Folgen. Wir müssen als sozialdemokratische Partei also zuerst bestmöglich dafür sorgen, die Menschen in Sicherheit zu bringen. Gesundheitlich und finanziell. Das steht außer Frage. Dabei darf die Klimafrage natürlich nicht vergessen werden, und das wird sie auch nicht. Da ist die SPD trotz Corona ganz vorne mit dabei, besonders in Niedersachsen. So hat unser Umweltminister Olaf Lies gerade durchsetzen können, dass Klimaschutz in die Verfassung aufgenommen wird. Dabei geht es unter anderem um klimagerechtes Wirtschaften, aber auch um das Ziel, dass Niedersachsen bis 2050 klimaneutral wird.

Sehen Sie die aktuellen Verwerfungen auch als Chance für die Sozialdemokratie? Dass sich jetzt die Erkenntnis etabliert, dass der Markt nicht alles richten kann, sondern der Staat regulieren muss? Das hat sich ja schon auf dem Wohnungsmarkt abgezeichnet und setzt sich jetzt im Gesundheitswesen sowie in der Wirtschaft fort, denken wir nur an den Arbeitsmarkt.

Im Kapitalismus geht es eben darum, Profit zu machen. Der Preis darf Angebot und Nachfrage jedoch nicht völlig ausgeliefert sein. Das zeigen uns die Mieten in Großstädten. Es darf nicht sein, dass eine Person, die ehrliche Arbeit in Vollzeit leistet, kaum eine Wohnung finanzieren kann. An der Stelle sollte und muss der Staat eingreifen.

Die SPD liegt in aktuellen Umfragen der Meinungsforschungsinstitute stabil auf niedrigem Niveau, während die andere Regierungspartei von der Krise profitiert. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Das ist richtig, und es ist wichtig, aus der Vergangenheit zu lernen. Trotzdem möchte ich meinen Blick auf die Zukunft richten. Mit Olaf Scholz hat die SPD einen starken Kanzlerkandidaten mit Erfahrung, fachlicher Kompetenz und einem sozialdemokratischen Herzen aufgestellt. Mir geht es aber natürlich vor allem um die Zukunft der SPD vor Ort. Im Oktober haben wir einen vielseitigen Vorstand mit großem Potenzial gewählt. Von der Krankenschwester über den Lehrer bis zum Schüler, Studenten oder Pensionär sind unterschiedliche Meinungen, Erfahrungen und Wissen vertreten, um die Bürger unserer Stadt möglichst gut zu repräsentieren. Dabei haben alle die gleiche Intention: Helfen, Anpacken und uns für Osterholz-Scharmbeck einsetzen. Mit dieser Dynamik und Motivation starten wir im nächsten Jahr in den Kommunalwahlkampf. Die Umfrage-Prozente der bundesweiten Meinungsforschung können nicht unser Anspruch sein.

Der SPD-Ortsverein wird sich vor allem kommunalen Themen widmen. Wo sehen Sie Ihre Kernkompetenzen, beziehungsweise ihre Interessen? Welche Akzente wollen Sie ganz persönlich setzen?

Spontan würden mir auf diese Frage vier Oberthemen einfallen. Da ist zunächst die Innenstadtsanierung mit der Frage, wie wir unsere Innenstadt wieder mit Leben füllen und für jedes Alter ansprechend gestalten können. Dann wäre da noch der Verkehr. Hauptsächlich geht es da für mich um den verbesserungswürdigen Radverkehr in Osterholz-Scharmbeck. Unsere Radwege müssen ausgebaut werden, und Schilder müssen deutlich machen, wo man fahren darf und wo nicht. Zum Thema Verkehr gehört aber auch der ÖPNV. An dieser Stelle sollten wir uns darum bemühen, die Verbindungen zwischen den Ortschaften, anderen Gemeinden, aber auch Bremen und der Osterholzer Innenstadt auszubauen und möglichst klimaneutral zu gestalten. Klimaschutz und Wirtschaftspolitik müssen keine Gegensätze sein, denn auch im Landkreis Osterholz haben wir Unternehmen, die sich vorbildlich auf die Thematik von Wasserstoffantrieben fokussieren. Neben dem Verkehr und der Innenstadt spielt auch das Thema Bildung eine beachtliche Rolle. Die örtliche SPD hat sich schon seit langer Zeit dafür eingesetzt, dass in unserer Stadt alle Schulformen angeboten werden. Nun geht es darum, die schulische Infrastruktur, beispielsweise durch Sanierung und Modernisierung der Schulgebäude und Vorantreiben der Digitalisierung, so zu gestalten, dass Schülerinnen und Schüler zeitgemäß und in angenehmer Atmosphäre lernen können. Sehr wichtig ist das Thema Wohnen. Was mir schließlich ganz besonders am Herzen liegt, ist ein Projekt namens „Zugehört“. Unter diesem Schlagwort sind SPD-Teams losgezogen, haben die Bürger Osterholz-Scharmbecks zu Hause besucht und mit ihnen darüber gesprochen, welche Veränderungen sie sich in der Stadt wünschen. So habe ich in diesem Sommer mit einer älteren Dame gesprochen, die darüber klagte, dass sie und ihre Freundinnen ernsthafte Probleme hätten, den Bürgersteig beim jüdischen Mahnmal mit ihren Rollatoren zu überqueren. Als junger Mensch wäre mir niemals aufgefallen, dass der Gehweg dort eine unebene Pflasterung hat. Das sind Herzensthemen für mich, weil ich weiß, dass ich mich dafür einsetzen kann, dass diese Dame keine Angst mehr haben muss, an der erwähnten Stelle zu stürzen. Um so etwas zu erfahren, braucht es den Kontakt zu Menschen.

Die Fragen stellte Michael Schön.

Info

Zur Person

Kristin Lindemann (23),

ist seit dem vergangenen Oktober Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Osterholz-Scharmbeck. In Bremen geboren, aber in Osterholz-Scharmbeck aufgewachsen, hat die Studentin an der Hochschule in der Hansestadt den internationalen Studiengang „Global Management“ belegt. Ihr Berufsziel: Eine Aufgabe im „Personalbereich/Organisations-und Personalentwicklung.“ Kristin Lindemann ist seit 2015 SPD-Mitglied und hat im selben Jahr den Juso-Vorsitz übernommen, den sie 2019 abgegeben hat.

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