Interview mit Reitvorsitzendem „Man muss das nicht richtig finden“

Ulrich Greinert, Vorsitzender des Kreisreiterverbandes Osterholz, spricht über den Flickenteppich bei den diesjährigen Osterholzer Reitturnieren.
29.04.2021, 08:36
Lesedauer: 4 Min
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„Man muss das nicht richtig finden“
Von Dennis Schott
Herr Greinert, Sie haben sich mit einem Rundschreiben an die Mitglieder des Kreisreiterverbandes und die Vereinsvorsitzenden gewandt, um über die aktuelle Verfügungslage aufzuklären. Was hat Sie dazu veranlasst?

Ulrich Greinert: Es gibt zwei wesentliche Gründe. Der eine betrifft die Turnierveranstalter unseres Kreisreiterverbandes, die für diese Saison Turniere angemeldet haben und im Unwissen sind, ob sie diese durchführen können. Es steckt ja immer ein ziemlicher Aufwand für den Verein dahinter und das braucht auch einen gewissen Vorlauf, allein durch die Aufbereitung der Plätze. Das generiert auch Kosten in nicht unerheblicher Höhe, deswegen brauchen die Vereine da Planungssicherheit. Da war von dieser Seite aus insofern ein ziemlicher Druck, als dass im Landkreis Osterholz schon die ersten Turniere abgesagt werden mussten. Das betraf Lilienthal und St. Jürgen, und die übrigen Vereine wollten einfach wissen, woran sie sind.

Was ist der zweite Grund?

Der Druck aus der Reiterszene. Viele Reiter fahren kreuz und quer durch Niedersachsen, nehmen an Turnieren teil und fragen: Warum können wir das nicht auch im Landkreis Osterholz? Und da habe ich mich mal mit den rechtlichen Grundlagen beschäftigt. Es gab auch eine ganz konkrete Situation beim RC General Rosenberg in Schwanewede. Der gehört zwar nicht zum Kreisreiterverband Osterholz, sondern zu Bremen, aber ist im Kreisgebiet Osterholz ansässig. Und als deren Turnier abgesagt werden musste, haben die versucht, beim Landkreis dagegen zu intervenieren, sind damit aber gescheitert.

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Der Brief sollte also auch dazu dienen, den Unklarheiten vorzubeugen.

Wir mussten mal eine gerade Kante finden, was ist denn eigentlich los? Ist es eine Ermessensentscheidung im Landkreis Osterholz, die hier schlechter ausfällt als in anderen Kreisen? Im Landkreis Rotenburg beispielsweise waren schon mehrere Turniere im Frühjahr, wo auch unsere Reiter waren. Oder im Landkreis Lüneburg, da gibt es jede Woche ein Turnier. Ich habe mich dann mit der Niedersächsischen Corona-Verordnung beschäftigt, die seit dem 30. Oktober gültig ist und bis zum 9. Mai läuft, und festgestellt, dass alle Amateurturniere, egal welche Inzidenz der Landkreis hat, verboten sind. Das heißt, dass die Ländräte in Rotenburg, Lüneburg oder Harburg, die Augen zumachen. Sie lassen es laufen, obwohl es eigentlich verboten ist. Mit so einem Argument kann man hier nicht ankommen. Ich kann nicht zu Landrat Bernd Lütjen gehen und sagen: Deine Kollegen drücken alle ein Auge zu, mach das mal auch. Dann sagt er: Im Unrecht gibt es keine Gleichheit. Das ist die Situation. Ich muss meinen Reitern sagen: Tut mir leid! Weil sich unser Landkreis gesetzestreu verhält, dürft ihr nicht reiten oder müsst woanders hinfahren, um zu reiten.

Wie groß ist das Aufbegehren in Osterholz?

Das war ja auch der Anlass dieses Briefes. Manche Turnierveranstalter sind auf mich zugegangen, ob ich nicht intervenieren könne. Die Gesetzeslage ist aber klar, und nur weil einige Landkreise ausscheren, kann man das nicht ignorieren. Viele Kreise halten sich dran, Osterholz gehört dazu. Ganz konkret betrifft es mich auch persönlich. Ich bin auch Vorsitzender des RV Pennigbüttel. Wir haben wie in jedem Jahr ein Turnier an Pfingsten angemeldet und stehen jetzt vor der Entscheidung: Fangen wir mit den Vorbereitungen an oder sagen wir es ab?

Noch können Sie sich nicht zu einer Absage durchringen?

Noch nicht, weil es eine theoretische Chance gibt. Am 9. Mai läuft die Verordnung aus. Zwar nehme ich stark an, dass sie verlängert wird, aber ich habe die Hoffnung, dass die Verlängerung mit Lockerungen einhergeht. Dass dann Landkreise mit einer Inzidenz unter 50 mehr dürfen als Landkreise mit einer Inzidenz über 50 zum Beispiel.

Es ist aber schon auffällig, dass Wettkampfsport im Reiten prinzipiell möglicher erscheint als in anderen Sportarten, sonst gäbe es die verhältnismäßig häufigen Turniere erst gar nicht, oder?

Es werden immer so Schlagworte genannt, Individualsport zum Beispiel. Gilt auch für das Reiten. Dass der Reiter sein Pferd mit Corona ansteckt, ist nämlich ziemlich unwahrscheinlich. Das ist aber gar nicht so relevant, denn die Verordnung unterscheidet da nicht. Rechtslage ist, dass nicht unterschieden wird, ob das eine Individual- oder Mannschaftssportart ist. Es wird nur gesagt: Amateure drinnen wie draußen, Wettkampf und Training machen nur Leute aus einem Haushalt plus zwei aus einem anderen Haushalt. Mit den Ausnahmen bei Kindern bis 14 Jahre, die mit bis zu 20 Personen trainieren dürfen. Eine weitere Ausnahme ist, wenn ein Reitturnier als Profiturnier gilt. Und was ein Profi ist, ist auch klar formuliert. Wenn man das Gesetz liest, ist es ganz einfach.

Es ist offensichtlich aber schwer zu akzeptieren.

Man muss das ja nicht richtig finden. Man kann durchaus damit argumentieren, dass auf dem Reitturnier nichts passiert, weil man da Platz hat. Da kann man sich ausreichend aus dem Weg gehen und das Hygienekonzept gut umsetzen. Das ist aber nicht das Thema. Der Punkt ist der, dass der eine Landkreis sich an die Verordnung hält und der andere nicht. Das geht nicht. Und ich stehe als derjenige da, der zu blöd ist, unserer Landkreisverwaltung ein Turnier aus den Rippen zu leiern.

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Also wird es zunächst dabei bleiben, dass Osterholzer Reiter nur auswärts an Turnieren teilnehmen dürfen.

Und das gönne ich denen auch, das ist ja mein Problem. Am liebsten würde ich unseren Landrat Bernd Lütjen anrufen und sagen: Lasst uns auch reiten. Aber das hat keinen Zweck, und ich kann ihn auch verstehen. Dass sich ein Beamter an die Gesetze halten muss, ist völlig klar. Am zweitliebsten würde ich den Landrat in Lüneburg anrufen und sagen: Guck mal in die Verordnung! Die Turniere aus deinem Landkreis dürfen gar nicht stattfinden. Mach ich aber auch nicht, weil ich den Reitern das nicht vermiesen will.

Umso verwunderlicher ist, dass die Reiterszene neben Corona noch mit einer anderen Herausforderung zu kämpfen hat: dem Herpesvirus. Oder?

Wäre ich ein Kabarettist, würde ich sagen: Das ist künstlich hochsterilisiert. Es gab dieses Problem in Spanien, und es hatten auch einige Reiter Verluste dadurch, aber es hat sich in Deutschland nicht verbreitet. Herpes gibt es jedes Jahr, da können die Reiter gut mit umgehen. Weil es in Spanien zwischenzeitlich dramatisch war, ist das ein bisschen hochgekocht, aber in der Praxis nicht unser Thema.

Das Gespräch führte Dennis Schott.
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