Foto-Reportage

Alles geklärt

Was in Osterholz-Scharmbeck in der Toilette landet, kommt im Klärwerk Lintel an: Ausscheidungen, Toilettenpapier und manchmal auch Gebisse.
21.05.2020, 16:59
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Kosak (Fotos) und Lisa Urlbauer (Text)
Alles geklärt

Das Abwasser von gut 33 000 Osterholz-Scharmbeckern wird in Lintel geklärt.

Christian Kosak

Die wichtigsten Mitarbeiter in der Kläranlage Lintel sind zugleich die unscheinbarsten: die Mikroorganismen. Von ihnen sind 30 Tonnen für die Abwasserreinigung zuständig. Sie knabbern Kohlenstoffe, Stickstoffe und Phosphate aus schmutzigem Wasser; während der biologischen Abwasserreinigung essen sie auf, was ihnen in die Quere kommt. Kai Finken, Betriebsleiter des Klärwerks, sorgt dafür, dass dabei alles reibungslos abläuft. „Wir haben hier eine technische Anlage, aber wir betreuen einen biologischen Prozess“, sagt Finken. „Das ist eine große Herausforderung.“

Im Klärwerk Lintel kommt alles an, was im Abwasser landet. Auch schädliche Stoffe wie Pinselverdünner oder Malerfarben. Deswegen muss die Wasserqualität regelmäßig überprüft werden, Probenentnahmen sind obligatorisch.

Im Klärwerk Lintel kommt alles an, was im Abwasser landet. Auch schädliche Stoffe wie Pinselverdünner oder Malerfarben. Deswegen muss die Wasserqualität regelmäßig überprüft werden, Probenentnahmen sind obligatorisch.

Foto: Christian Kosak

Bevor die Mikroorganismen dem Abwasser im Belebungsbecken zugesetzt werden, durchläuft die Schmutzbrühe die mechanische Reinigung. Ein Rechen entfernt alle anorganischen Produkte. In eine Toilette gehört nur Toilettenpapier. Es kommt allerdings weit mehr in Lintel an. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Klärwerks finden regelmäßig Tampons, Binden, Wattestäbchen und andere Produkte im Abwasser.

Im Belebungsbecken werden dem Abwasser Mikroorganismen zugesetzt, um Kohlenstoffe, Stickstoffe und Phosphate aus dem schmutzigen Wasser zu entfernen.

Im Belebungsbecken werden dem Abwasser Mikroorganismen zugesetzt, um Kohlenstoffe, Stickstoffe und Phosphate aus dem schmutzigen Wasser zu entfernen.

Foto: Christian Kosak

Auch Handys und Gebisse erreichen die Anlage, aber die landen wohl eher versehentlich in der Toilettenschüssel. Vor allem Feuchttücher für Babys bereiten Probleme. „Feuchttücher für Babys sind reißfest. Das ist gut für den Endverbraucher, aber schlecht für das Klärwerk, denn sie zersetzen sich nicht“, erklärt der 45-jährige Abwassermeister. „Und dann sind sie auch noch günstiger als feuchtes Toilettenpapier.“

Die organischen Ausscheidungen im Abwasser werden für die biologische Reinigung benötigt – und sie bringen Energie. Methangas werde als elektrische und thermische Energie umgesetzt, erklärt Finken. „Wärmetechnisch sind wir fast autark.“

Im Betriebsgebäude kontrolliert Kai Finken den Ablauf der Kläranlage. "Es gibt Tage, an denen müssen wir nicht händisch eingreifen", sagt der Betriebsleiter.

Im Betriebsgebäude kontrolliert Kai Finken den Ablauf der Kläranlage. "Es gibt Tage, an denen müssen wir nicht händisch eingreifen", sagt der Betriebsleiter.

Foto: Christian Kosak

1,6 Millionen Kubikmeter Abwasser durchlaufen das Klärwerk jedes Jahr. Gut zwei Tage dauert es, bevor das Abwasser die Kläranlage gereinigt wieder verlässt. Man kann dabei zuhören, wie das dreckige Wasser in Lintel ankommt und von der Druckrohrleitung ins Einlaufbecken gepumpt wird. 32 solcher Pumpstationen gebe es im Kanalnetz, das aus 200 Kilometern Schmutzkanalisation und 100 Kilometer Regenkanalisation bestehe, erklärt Daniela Rahn, die Leiterin der Entwässerung. „Der Regen geht in die Regenrückhaltebecken und dann in die Vorfluter wie die Hamme.“ Die Diplom-Ingenieurin kümmert sich um die Instandhaltung und den Ausbau des Kanalnetzes, damit Schmutz- und Regenwasser auch dort ankommt, wo es hin soll.

Daniela Rahn ist Leiterin Entwässerung und hat alle Prozesse im Blick.

Daniela Rahn ist Leiterin Entwässerung und hat alle Prozesse im Blick.

Foto: Christian Kosak

Wenn das Wasser läuft, kommt es ungebremst im Klärwerk an, einschließlich dessen, was sich im Wasser befindet. „Wir bekommen das Gute und das Schlechte“, sagt Abwassermeister Kai Finken. „Wir sind eine Schadstoffschwemme. Wir wissen vorher nicht, was reinkommt.“ Neben Müll, der in der mechanischen Reinigung entfernt wird, landen auch immer wieder schädliche Stoffe wie Pinselverdünner oder Malerfarben im Abwasser. „Wenn die Belebung mal zu schaden kommt und die Mikroorganismen sterben, dauert die Regeneration acht bis zehn Wochen.“ Darum entnehme man dem Wasser regelmäßig Proben, um den Zustand zu überprüfen.

Was die Aufbereitung von Abwasser angeht, ist Deutschland einer der Vorreiter. „Von Seiten des Gesetzgebers sind wir gut aufgestellt“, sagt Finken. Schadstoffe müssten soweit reduziert werden, wie es der Stand der Technik erlaubt. Im europäischen Vergleich steht Deutschland an der Spitze: Über 96 Prozent des Wassers werden recycelt, schreibt das Bundesministerium für Umwelt. Das Klärwerk Lintel leistet seinen Beitrag zu diesem Erfolg.

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