Ehrensache: Jörg Kappmeyer (ADFC)

Lobbyist aus Leidenschaft

Jörg Kappmeyer ist als reiselustiger Radtourenfahrer zum ADFC-Mitglied geworden. Als aktueller Kreisvorsitzender blickt auf er auf mittlerweile 25 Amtsjahre im Vorstand zurück.
06.03.2020, 18:18
Lesedauer: 4 Min
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Von Michael Schön
Lobbyist aus Leidenschaft

Jörg Kappmeyer kämpft mit dem ADFC dafür, dass Fahrradfahrer in den Städten und Gemeinden komfortabel und sicher vorwärts kommen.

Christian Kosak

Osterholz-Scharmbeck. Wenn Jörg Kappmeyer sich gegen das immer wieder diskutierte Tempolimit von 130 Stundenkilometern auf deutschen Autobahnen ausspricht, blickt er in der Regel in Gesichter mit erstaunt hochgezogenen Augenbrauen. Erst wenn er hinzufügt, dass er die Geschwindigkeit bei 110 begrenzt sehen möchte, ist der vermeintliche Widerspruch aufgelöst. In Nordrhein-Westfalen gelte streckenweise Tempo 80, argumentiert der Osterholz-Scharmbecker. „Seither hat sich der Verkehrsfluss wesentlich verbessert.“

Kappmeyers ablehnende Haltung zur „freien Fahrt für freie Bürger“ – so der Kampagnen-Slogan des ADAC in der ausgehenden Ölkrise von 1973/74 – ist keine Überraschung. Noch weniger, dass er – einer Empfehlung des Europäischen Parlaments folgend - ein Verfechter von Tempo-30-Regelungen in Wohngebieten und auf städtischen Straßen ist, in denen Fahrradfahrer keine Fahrbahn exklusiv für sich beanspruchen können. Kappmeyer ist Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC), hat in dieser Eigenschaft schon 20 Amtsjahre auf dem Buckel.

Als solcher ist er Lobbyist, auch wenn diese Bezeichnung mittlerweile nicht mehr sonderlich gut beleumundet sein mag. Doch er streitet eben für eine Sache, die für ihn eine gute ist, und mit dieser Ansicht steht er beileibe nicht allein. Der ADFC versteht sich als treibender Faktor für mehr Lebensqualität in den Städten und für eine klimaschonende Mobilität. Kappmeyer ist der Auffassung, dass der Radverkehr im Vergleich zu anderen Formen der technisch unterstützten Vorwärtsbewegung im Automobilland Deutschland eine stiefmütterliche Behandlung erfährt. Er hat da aber durchaus Hoffnung. „Die politische Großwetterlage ändert sich gerade. Grüne und Linke wollen, dass was passiert. Alle wissen, worum es geht, auch die Verwaltungen, aber die tun sich noch schwer.“ Kappmeyer ruft die Ankündigung von Verkehrsminister Andreas Scheuer in Erinnerung, so viel Geld wie nie für den Radverkehr auszugeben – über 1,4 Milliarden Euro bis 2023. „Doch die Mittel müssen ja auch abgerufen werden.“

Der gebürtige Bremer, der seit 30 Jahren in Osterholz-Scharmbeck („Auf dem Koppelberg“) wohnt, ist aus Liebe zum Fahrradfahren zum Lobbyisten geworden. „Für mein Eduscho-Rad, mit dem wir von Dänemark aus entlang der damaligen innerdeutschen Grenze von Jugendherberge zu Jugendherberge fuhren, hatte ich 250 Mark bezahlt.“ Er unternimmt Touren in der Region („Selbstverständlich mit Kaffee-und-Kuchen-Einkehr zwischendurch“), ist aber auch international unterwegs, in den Schären Skandinaviens, in Dänemark und auf dem Radweg Passau – Wien. In sehr angenehmer Erinnerung geblieben ist ihm eine Fahrt durchs Taubertal und entlang von Altmühl und Donau bis zum König-Ludwig II.-Märchenschloss Neuschwanstein, das sich übers südbayerische Füssen erhebt. Die Anreise erfolgte bis Würzburg mit dem Zug und die Fahrt zurück vom Allgäu aus ebenfalls mit der Deutschen Bahn. Er schwärmt auch von den schön ausgebauten Fernradwegen, von denen aus er die Ostsee-Küstenlandschaft genießen durfte.

Aus Kappmeyer prasseln die Reiseerlebnisse nur so heraus. Manche liegen schon Jahrzehnte zurück und reiften erst im Laufe der Jahre zu solchen, an die man sich gern erinnert. „In einem kleinen Nest an der Elbe“ ist ihm bei 30 Grad Hitze der Reifen geplatzt. „Das klang wie ein Schuss.“ Was besonders im zeitlichen Kontext beunruhigend war, denn die Gruppe war kurz vor der Wende an der sich durch Deutschland ziehenden Front des sich seinem Ende zuneigenden Kalten Kriegs unterwegs. „Aus den Fenstern guckten die Leute, um herauszufinden, was los war.“ Kurz vorher hatte man sich bereits von den „drüben“ patroullierenden Wachsoldaten misstrauisch ins Visier genommen gesehen. Ordentlich „geknallt“ hat es auch bei einer Übernachtung auf Rügen. Dort mussten sie ein schweres Gewitter überstehen. Auf die Spuren des inzwischen gefallenen Eisernen Vorhangs begab er sich bei einer späteren Harz-Rundtour. Da hatte er freien Blick auf die Hinterlassenschaften der noch nicht komplett geräumten Minenfelder.

Der gelernte Offsetdrucker, der seit 2018 im Ruhestand ist, versucht, „die Fahrten mit dem Auto zu minimieren“. Dafür nutzt er jede Gelegenheit („Wenn im Garten mal weniger zu tun ist“), um mit seiner Frau Fahrradtouren zu unternehmen. Nicht etwa mit Pedelec, sondern auf Rädern mit 14-Gang-Nabenschaltung. Der ADFC-Vorsitzende hat ein Faible für Fahrradtechnik im Allgemeinen und technische Innovationen im Besonderen. Die 14-Gang-Nabenschaltung sei durch den Siegeszug der Elektrofahrräder zurückgedrängt worden. Beide Technologien werden von ihm begrüßt, weil sie den Komfort erhöhen. Bremsen im deutschen Süden Berge und Hügel den erschöpften Pedalritter aus, „so hat man im Norden immer den Wind gegen sich“, wie Kappmeyer mit einem Schmunzeln behauptet. Der Funktionär hat sich seine Räder früher eigenhändig zusammengebaut, mit Komponenten, die er sich „aus ganz Deutschland zusammengekauft“ hat.

Die Reiselust, verrät Kappmeyer, sei es gewesen, die ihn bewogen hat, sich dem ADFC anzuschließen. Der heutige Kreisvorsitzende hatte schon als Kind viele Gegenden deutschlandweit kennengelernt, nicht nur während der Ferien, sondern auch aufgrund der wechselnden beruflichen Stationen des Vaters, der Marketingmanager war.

Kappmeyer ist seit 1990 im ADFC und da schon um die 25 Jahre im Kreisvorstand, zunächst für technische Belange zuständig, später für die Tourenleitung. „Ich bilde Radtourenleiter aus und bin berechtigt, das bundesweit zu machen.“ Dazu braucht es vor allem die Expertise auf den Gebieten Verkehrs- und Reiserecht. Der ADFC hat im Landkreis Osterholz etwa 500 Mitglieder. „Es werden mehr, langsam, aber sicher.“ Die Tourenangebote seien hoch frequentiert, doch der Verein leidet unter dem demografischen Wandel. Für die nicht mehr aktiven Mitglieder rücken keine jüngeren in ausreichender Zahl nach.

Bundesweit kommt der ADFC auf 175 000 Mitglieder. Er ist die größte Interessenvertretung der Radfahrer weltweit. Seinen Mitgliedern bietet er die ADFC-Pannenhilfe sowie Beratung, Informationen und Aktivitäten rund um das Fahrrad an. Bei vielen Veranstaltungen wirbt der ADFC mit einem Infostand für seine Interessen. Er organisiert Gebrauchtfahrradmärkte, Codieraktionen und Fahrrad-Touren. Außerdem berät er den Verkehrsausschuss der Stadt Osterholz-Scharmbeck, besucht Ratsssitzungen und gibt Stellungnahmen zu Verkehrsprojekten ab. Kappmeyer erklärt, dass es ihm stets eine besondere Freude sei, „Rentner zu beobachten, die mit ihren Pedelecs den Platz behaupten, der ihnen auf der Straße zusteht“.

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