Miniaturfotografie in Pennigbüttel

Wunderwelt mit Winzlingen

In einem Pennigbütteler Keller werden winzige Modellfiguren in ein Umfeld von Lebensmitteln in Echtgröße gestellt, die so zu „Super-Food“ mutieren. Wolfgang Spiecker frönt dem Hobby Miniaturfotografie.
05.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Michael Schön
Wunderwelt mit Winzlingen

Beim Maßstab 1:87 ist die Pinzette eine große Hilfe – Wolfgang Spiecker hantiert mit Figürchen aus dem Modelleisenbahn-Baukasten.

CARMEN JASPERSEN

Pennigbüttel. Gipfelstürmer, die sich an einem Maiskolben emporhangeln, Maler, die einen schlichten Riesenchampignon zum rot-weiß gepunkteten „Fliegenpilz“ umdekorieren, und eine Frau, die sich auf einer Luftmatratze aalt, welche wiederum auf den ersten Blick den Gummibärchen um sie herum zum Verwechseln ähnlich ist – in einem Pennigbütteler Keller werden winzige Figürchen in eine Umgebung von Lebensmitteln in Echtgröße gestellt, die auf diese Weise zu „Super-Food“ mutieren, zu scheinbar riesenwüchsigen Tomaten, Pilzen, Kürbissen und Apfelsinen. Einige Bildkompositionen lassen in den Köpfen der Betrachter romantische Märchenwelten entstehen, die an die Landschaften der Modelleisenbahner erinnern.

Wolfgang Spiecker ist ein Schöpfer solcher kunstvollen Inszenierungen, die er für seine Miniaturfotografien beansprucht. Zuweilen ruft ein etwas biedermeierlicher Charme der Arrangements Kindheitserinnerungen zurück, dann wieder bestechen sie mit einem über den Aha-Effekt funktionierenden Witz. „Professionelle Zahnpflege“, so der Titel, wird von vier Handwerkern betrieben, die mit Spitzhacke und Säge ein überdimensionales künstliches Gebiss reinigen, zwei von ihnen führen Malerutensilien zum „Bleachen“ mit. Bei dem Gebiss handelt es sich um einen Scherzartikel aus Schokolade, der dem inzwischen 69-jährigen Rentner zu seinem 50. Geburtstag verehrt wurde. „Der Gedanke, es in dieser Weise zu verwenden, ist mir beim Zahnarztbesuch gekommen“, berichtet der frühere Maschinenbautechniker.

Einfach zum Quietschen: Aufforderung zum Ententanz.

Einfach zum Quietschen: Aufforderung zum Ententanz.

Foto: Wolfgang Spiecker

Spiecker hat auf vielen Gruppenreisen fotografiert, zum Beispiel in Neuseeland und in Kambodscha. Vor drei Jahren legte er sich eine neue Kameraausrüstung zu, um sich einen ganzen Sommer lang intensiv mit der heimischen Flora und Fauna zu beschäftigen. Stichwort Makrofotografie. „Da bin ich hinter jeder Fliege, jedem Schmetterling und jedem Maikäfer her gewesen.“ Mitunter verschoss er Hunderte Aufnahmen, „bis auch die Augen endlich scharf waren“. Thematisch und technisch war von dort der Wechsel zur Miniaturfotografie recht nahe liegend. Spiecker: "Es ist ein gewaltiger Vorzug, dass die Motive nicht wegfliegen können.“

Eine Marktplatz-Szenerie. Hinter dem Brokkoli lugt noch der Schlauchturm hervor.

Eine Marktplatz-Szenerie. Hinter dem Brokkoli lugt noch der Schlauchturm hervor.

Foto: Wolfgang Spiecker

Durch sein neues Hobby sehe er die Welt mit anderen Augen, versichert der Pennigbütteler. Wenn er zusammen mit seiner Frau zum Einkaufen nach Buschhausen fährt, wird im dortigen Supermarkt besonders die Obst- und Gemüseabteilung zur üppig sprudelnden Inspirationsquelle. Erst kürzlich entdeckte er dort eine Ingwerwurzel – in der Form den kahlen Felsformationen des Hochgebirges nicht unähnlich –, die er inzwischen von einer weiteren Seilschaft aus seinem Miniaturfiguren-Baukasten erklimmen lässt. Neben diversen Bergsteigern hat er beispielsweise Polizisten und Feuerwehrleute sowie Handwerker, Sportler und Haustiere aller Art in petto. Sie stammen aus dem Modelleisenbahnbau, Spurgröße H0. Menschen und Tiere werden im Maßstab 1:87 abgebildet. Es gibt sie satzweise zu sechs Personen, handbemalt. Ein stehender Erwachsener misst keine zwei Zentimeter. Spiecker bezahlt für eine Packung etwas mehr als zehn Euro. Er zeigt noch einen Satz mit noch kleineren Figürchen her, die der Paketbote gebracht hat, obwohl der Fotograf eine andere Bestellung aufgegeben hatte. Dabei handelte es sich um die Nenngröße N, die für die Kategorie des Maßstabs 1:160 steht. Spiecker verfügt inzwischen über ein Portfolio von 150 Figuren. Darunter auch einige Nackedeis, die sich an einem FKK-Strand tummeln. Manche bereits im Evakostüm, andere gerade im Begriff, sich vor einer gewaltigen Muschel zu entblättern. Dabei lassen die Nudisten sich fotografieren. Im Hintergrund ein Himmel voller Schönwetterwolken. Der Arrangeur greift dafür einfach ins Regal, wo er Ausdrucke von entsprechenden Fotografien gesammelt hat.

Wolfgang Spiecker hat eine Seilschaft den Gipfel der Ingwerwurzel erstürmen lassen.

Wolfgang Spiecker hat eine Seilschaft den Gipfel der Ingwerwurzel erstürmen lassen.

Foto: Wolfgang Spiecker

Ebenfalls in seinem Arsenal: Centstücke und Knetmasse, mit denen er den Figuren Standfestigkeit verleiht, oder Vogelsand vom Tiernahrungsverkäufer für den Strand. Um ein Mobiltelefon mit „Wasser“ zu füllen – eine weitere Szene mit Badenden – hat er zunächst eine blaue Reinigungsflüssigkeit verwendet. „Ein Anfängerfehler“, wie er rekapitulierend zugibt. Jetzt verwendet er dafür „Magic Slime“, eine glibberige Substanz, die es in verschiedenen Farbvarianten gibt.

OHZ: Wolfgang Spieker  fotografiert Miniaturen

Auch ein Strand mit Nackedeis befindet sich in Spieckers Studio.

Foto: CARMEN JASPERSEN

Im Pennigbütteler Keller wurden die Fitnessgeräte so platziert, dass einem kleinen Studio Raum gegeben werden konnte. Stative für mehrere LED-Lampen sind vorhanden, um die Lichtverhältnisse den Anforderungen anzupassen. „Das Ausleuchten kann zu einer ganz schönen Fummelei geraten, vor allem wenn es um Gegenlichtstimmungen geht.“ Nicht immer ist die Arbeit so einfach wie im Falle des Scharmbecker Marktplatzes, wo Spieker noch den Schlauchturm hinterm Brokkoli hervorlugen lässt. Bei den Skifahrern, die auf einem Christstollen abfahren, wurde die Ehefrau auf eine Geduldsprobe gestellt. Sie musste Mehl durch ein Sieb rieseln lassen – als „Schneekanone“ für das Wintersportmotiv.

Info

Zur Sache

Fokus-Stacking

Unter Miniaturfotografie, einer Sparte der Makrofotografie, wird das Abbilden von kleinformatigen Motiven in einem neuen Kontext verstanden. Landschaften, Städte oder Menschenansammlungen können aus besonderen Perspektiven und mit bestimmten Unschärfemerkmalen fotografiert werden. Oder es werden kleine Modellfiguren in ein Umfeld mit echten Früchten oder Alltagsgegenständen gestellt. An dieser Stelle kommt das sogenannte Fokus-Stacking ins Spiel. Spiecker, der seine Olympus-Systemkamera für diesen Zweck mit einem Makroobjektiv bestückt, kann bei der genannten Technik mit einmaligem Auslösen gleich acht Einzelaufnahmen mit jeweils unterschiedlichem Fokuspunkt produzieren, die so zu einem Bild mit erhöhter Schärfentiefe zusammengefügt oder - um Stacking wörtlich zu nehmen - gestapelt werden können.

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